Vorwort zur Geschichte der Marathonmeisterschaften des Deutschen
Leichtathletik-Verbandes von Fritz Steinmetz
Der Marathonlauf ist der einzige Wettbewerb, in dem es auch ”unechte” deutsche
Meisterschaften gab und das sogar in zwei Varianten. Es begann 1898 im
Gründungsjahr des ersten zusammenfassenden Verbandes ”Deutsche Sportbehörde für
Athletik”. Am 3. Juli wurde in Leipzig der erste ”Deutsche Marathonlauf” über
nur 40 km gestartet. Dann trat eine Pause von sechs Jahren ein. Auch von 1905
bis 1908 soll die Strecke nur 40 km betragen haben. 1909 fiel der Lauf aus,
1910 vermaß man erstmals richtig 42,2 km, 1911 wieder nur 40 km und 1912 42 km.
Ab 1913 wird in den Annalen dann die Strecke immer mit 42,2 km angegeben. Da in
den Jahren 1914 bis 1919 infolge des Krieges die Marathonläufe ausfielen, wurde
der ”Deutsche Marathonlauf” bis 1924 vierzehnmal ausgetragen, ohne bis dahin
offizieller Meisterschaftswettbewerb zu sein. Deutsche Meister auf der längsten
Strecke gibt es erst seit dem Jahre 1925, als am 6. September wieder Leipzig
Austragungsort war.
Es heißt, daß der wirkliche Marathonlauf erst bei Kilometer 30 beginnt, d.h.,
die kritische Zeit der Bewährung für den Läufer, für seine Zähigkeit und seinen
Willen im Kampf gegen den sogenannten ”inneren Schweinehund”, der immer wieder
zum Aufgeben ermuntert. Unter diesem Gesichtspunkt müßte man die
Meisterschaften unter den Auswirkungen des zweiten Weltkrieges als ”unechte”
bezeichnen, weil 1942 30 km, 1946/47 nur 20 km und 1948 auch nur 30 km gelaufen
wurden. In den letzten drei Kriegsjahren 1943-45 fiel der Lauf ganz aus. Somit
wurden die klassischen 42,195 km mit dem Titel ”Deutscher Marathonmeister” für
den Sieger bisher 70 mal gelaufen, und zwar in den Jahren 1925 bis 1941 und
1949 bis 2001. Trotzdem ist es sicher richtig, die vier verkürzten Strecken in
kritischen Jahren ohne Abstriche in der Statistik mit zu werten. Somit kommt es
nun 2002 zur offiziellen 75. Titelvergabe im DLV für die Männer. Die
Mannschaftswertung für drei Läufer eines Vereins gibt es erst seit 1933. Die 14
„Vorläufer“ ohne Titel gehören zwar von der geschichtlichen Entwicklung her
dazu, aber es fehlt ihnen der offizielle Status. Ein geraffter Rückblick auf
diese Zeit ist nicht uninteressant und bringt manche große Namen des
Marathonlaufs und seiner Entwicklung bei uns wieder in Erinnerung.
Deutscher Marathonlauf 1898 bis 1924
Im ersten Jahr des Bestehens der Deutschen Sport-Behörde für Athletik gab es
1898 nur drei Meisterschaften, nämlich in den Läufen 100, 200 und 1500 m. Warum
man dem am 3. Juli in Leipzig erstmals durchgeführten Deutschen Marathonlauf
keinen Meisterschaftsrang einräumte und vor allem, über so viele Jahre hinweg,
ist nicht bekannt. Mit dem Erfolg von 1898 war man offenbar nicht zufrieden,
denn erst 1905 erfolgte in Berlin die nächste Austragung. Für die Olympischen
Spiele1908 in London wurde eine Strecke von Windsor zum Stadion in London
festgelegt, deren Länge 42,195 km betragen haben soll und die wurden von an das
Maß für den Marathonlauf. Daran hielt man sich gleich beim nächsten Deutschen
Marathonlauf 1910 in Frankfurt. Ein Jahr später änderte man die Strecke in
Frankfurt oder die Angabe in den Registern mit nur 40 km ist nur zur
Vereinfachung abgerundet worden. Man weiß es nicht. Bei den Straßenstrecken
gibt es bis heute oft Differenzen zwischen Soll und Haben. Teils entstehen sie
bei der Vermessung, überwiegend aber durch die Streckenführung mit mehr oder
weniger vielen Möglichkeiten für die Läufer durch das Schneiden von Kurven
manche Meter einzusparen, die sich oft merklich summieren. Deshalb sind alle
Zeitvergleiche mit Vorsicht anzustellen und folglich gibt es auf der Straße
auch keine Rekorde. In Berlin wurde 1920 und 1921 sicher nicht auf derselben
Strecke gelaufen, denn beide Male gewann Max Wils, lief aber 1921 rund 20
Minuten langsamer als 1920. Er kann aber auch ein Formtief gehabt haben oder
ganz schlechtes Wetter, denn bei seinem dritten Sieg 1922 war er wieder rund 13
Minuten schneller als im Jahr zuvor.
Max Wils vom ASC Marathon Berlin, ab 1922 Berliner Athletik Klub - der Verein,
der den 25-km-Straßenlauf ”Quer durch Berlin” ins Leben rief und fast zwanzig
Jahre lang durchführte - gehörte über ein Jahrzehnt zur Spitze der Langläufer,
die man damals auch als Streckenläufer bezeichnete. Wils hatte schon 1911 den
Deutschen Marathonlauf in Frankfurt gewonnen, bevor er dreimal nacheinander von
1920-22 in Berlin siegte; 1923 und 1924, als Paul Hempel vom SCC Berlin siegte,
kam Max Wils als Dritter bzw. Zweiter ins Ziel.
Von Hempel bis Legge 1925 bis 1948
Nach seinen beiden inoffiziellen Siegen 1923 und 1924 wurde der SCCer Paul
Hempel 1925 erster offizieller deutscher Marathonmeister. Er hatte übrigens
schon 1921 und 1922 die 25 km ”Quer durch Berlin” gewonnen, 1924 den
internationalen Prager Marathonlauf, und siegte dann 1926 auch in dem noch
heute berühmten Marathonlauf von Kaschau, jetzt Kosice/CSSR. Bei der
Meisterschaft 1926 verlor Hempel mit rund sechseinhalb Minuten Rückstand gegen den
Siegener Arthur Reichmann. Danach begann die Ära des Potsdamers Franz Wanderer,
der den Titel von 1927 bis 1929 holte. Als er 1930 von dem SCCer Erich Geisler
auf den zweiten Platz verwiesen wurde, war das eine große Überraschung. Auch
1931 kam wieder Geisler vor Wanderer ins Ziel, aber vor beiden holte sich der
in New York ansässige und für den BSC Berlin startende Paul de Bruyn den Titel
in Berlin. Das hatte für de Bruyn, der am 5.April 1997 fast 90-jährig starb,
die „Spätfolge“ 1932 in die deutsche Olympiamannschaft für Los Angeles berufen
zu werden. Bei der damaligen Wirtschaftslage war die Ersparnis der Kosten für
die Schiffsreise ein wichtiger Faktor aus deutscher Sicht. In Los Angeles kam
de Bruyn als 15. ins Ziel.
Von 1932 bis 1935 beherrschte der Berliner Polizist Heinrich Brauch die Szene.
Er gewann nicht nur den Marathontitel viermal in Folge, sondern wurde auch
viermal Sieger des international immer gut besetzten 25-km-Laufs ”Quer durch
Berlin” (1928, 1931-33). Paul de Bruyn kam 1936 wieder nach Deutschland und
wollte sich wieder qualifizieren. Für die schwere Olympiastrecke durch den
Grunewald und über die AVUS brauchte er noch 15 Sekunden mehr, als damals in
Los Angeles, wurde aber DM-Zweiter hinter dem Breslauer Franz Barsicke. Den
olympischen Marathonlauf 1936 mussten beide vorzeitig beenden, Barsicke infolge
eines Muskelriss nach 9 km und de Bruyn nach 34 km wegen Erschöpfung.
In den Jahren 1937 bis 1941 wechselten die Titelträger jährlich. Die letzte
Meisterschaft vor Kriegsbeginn am 30. Juli 1939 gewann der aus Württemberg
stammende und durch seinen Militärdienst nach Berlin verschlagene Ernst Weber,
der im nächsten Jahr um nur 21 Sekunden dem Potsdamer Erich Puch unterlag.
Weber wurde dann 1942 auf der auf 30 km verkürzten Strecke nochmals Deutscher
Meister und holte sich seinen dritten Titel 1950 in Stuttgart mit der
Mannschaft des SCC Berlin. Bis in die 70er Jahre hinein hat Ernst Weber
erfolgreich als Trainer gewirkt und war auch viele Jahre DLV-Marathontrainer
nach Hans-Werner von der Planitz. Über nur 20 km ging die Meisterschaft 1946
und 1947. Beim ersten Mal gewann Willi Borns aus Frankfurt, im nächsten Jahr
und auch 1948 über 30 km war die Einlauffolge umgekehrt. Der kleine Bochumer
Josef Legge gewann 1947 vor dem Titel über 20 km schon die erste
Waldlaufmeisterschaft nach dem Kriege in Kassel, wurde 1948 Deutscher Meister
über 30 km und als es 1949 wieder über die volle Distanz ging, wurde Legge
Zweiter hinter dem Stuttgarter Bürklein.
Neue Ära ab 1949
Im Rahmen der Deutschen Meisterschaften 1949 in Bremen wurde nach acht Jahren
der Marathonlauf wieder über die volle Distanz ausgetragen. Willi Bürklein aus
Stuttgart gewann den Titel, den er im folgenden Jahr in seiner Heimatstadt
verteidigen wollte, aber trotz eines fast drei Minuten schnelleren Laufes als
in Bremen doch nur Zweiter wurde. Meister wurde Wilfried Hogrefe aus Hannover,
der eine einmalige Erfolgsserie nachweisen kann. Er bestritt überhaupt nur drei
Marathonläufe und gewann sie alle: 1950 und 1951 als Deutscher Meister, und
drei Wochen nach seinem 51er Titelgewinn siegte er in Athen bei den
Panathenäischen Spielen auf der klassischen Strecke von Marathon nach Athen
(bei 42 Grad Hitze im Schatten!) in persönlicher Bestzeit!
In Neustadt an der Weinstraße gab es 1952 besonders schnelle Zeiten, mit dem
Ziel der Olympiateilnahme in Helsinki. Marathonmeister wurde Ludwig Warnemünde
aus Hamburg, der 1947/48 schon 10.000-m-Meister gewesen war und leider dann im
olympischen Rennen rund 17 Minuten langsamer war. Die olympische Atmosphäre
hatte „Luden“ Warnemünde so begeistert, dass er 1956 in Melbourne unbedingt
dabei sein wollte. Er wagte mit seiner Frau etwas bisher einmaliges. Beide
trampten um die halbe Welt, kamen trotz Erkrankungen und anderer Hemmnisse
sogar pünktlich an und wurden sehr gefeiert. Von 1953-55 schaffte Hans Vollbach
aus Leverkusen den ”Hat-Trick” mit drei Meisterschaftssiegen hintereinander.
Gustav Disse vom SC Dahlhausen wollte ihm das nachmachen, aber nach zwei Titeln
1956/57 kam ein Ausfall bevor er 1959 den Meister von 1958 schlagen konnte und
wieder deutscher Meister wurde. Jürgen Wedeking aus Wilhelmshaven hatte auch
großen Ehrgeiz und hätte auch die Dreierfolge geschafft, wenn er nicht 1959
gegen Disse unterlegen wäre, denn 1960 und 61 gewann er auch, der erstmals eine
Meisterschaftszeit inter 2:30:00,0 Stunden erzielte, nämlich 1958 in
Rottach-Egern mit 2:26:08,2 Std. Fast zwei Minuten langsamer war er zuvor bei
den Europameisterschaften in Stockholm gewesen und hatte den 9. Platz belegt.
Seit 2001 ist Wedeking Vorsitzender der VEL ( Vereinigung ehemaliger
Leichtathleten) und läuft noch täglich, fährt lange Touren mit Rad und Ski. Die
”Sonnenschlacht von Karlsruhe” am 18. Juli 1964 mit 40 Grad Hitze beim Start um
16.30 Uhr entschied sich schon bei km 25, als der kleine Gideon Papke vom SCC
Berlin die Spitze übernahm. Schon nach 10 km hatte er vier und dann im Ziel
sechseinhalb Minuten Vorsprung. Nach Tokio zu den Olympischen Spielen kam er
trotzdem nicht mit, weil er in der Ausscheidung für die gesamtdeutsche Mannschaft
vier Wochen nach Karlsruhe in Berlin zwar noch drei Minuten schneller lief,
aber doch nur achter wurde.
In den folgenden Jahren wurden die Zeiten bei den Marathonmeisterschaften
erheblich schneller. Der ersehnten Grenze von 2:20:00,0 kam der Berliner Hubert
Riesner (SCC) bei seinem Meisterschaftssieg 1968 bis auf 54,6 Sekunden nahe.
1969 (Riesner), 1970 (Hellbach) und 1971 (Philipp) gab es Siegerzeiten knapp
über 2:24:00,0 Stunden und erst 1972 unterbot Lutz Philipp aus Darmstadt die
kritische Marke gleich deutlich mit 2:16:09,0 Std. Auch die drei folgenden
Läufer Mielke, Steffny und Hutmacher blieben damals in Dudenhofen noch unter 2
Stunden 20 Minuten. Lutz Philipp schaffte von 1971-73 wieder einmal drei Titel
in Folge. Er wurde 1971 in Helsinki 7. der Europameisterschaft. Nach ihm gab es
bis 1979 jährlich Titelwechsel, wobei nur Günter Mielke aus Berlin1975 und
1977, also zweimal, gewann. Erst der aus Kassel stammende und wegen seines
mehrjährigen Einsatzes als Polizist in Frankfurt für die LG Frankfurt startende
Ralf Salzmann schaffte dann wieder eine Siegesserie und gleich eine bis jetzt
einmalige. Er wurde fünfmal in Folge von 1980 bis 1984 Deutscher
Marathonmeister, zuletzt in Kandel in 2:14:25 Std. Sein Meisterstück machte
Salzmann erst 1986 als er in Stuttgart in 2:11:41 Std. Vierter der
Europameisterschaft wurde. An der DM im April hatte Salzmann nicht teilnehmen
können und die gewann Wolfgang Krüger aus Lübeck im Alter von 39 Jahren und 19
Jahre nach seinem ersten Titelgewinn über 3000m bei den Junioren. Bis 1990 gab
es jährliche Titelwechsel und bei der deutschen Wiedervereinigung kam aus den
„neuen Ländern“ keine neue Konkurrenz. 1991/92 konnte Thomas Ertl zweimal
gewinnen. Der Bayer Konrad Dobler, 1988 und 1993 Zweiter, kam endlich 1995 zum
Titelgewinn in 2:12:57 und lief damit die bisher zweitschnellste
Meisterschaftszeit hinter dem Sieger von 1985, Herbert Steffny ( 2:12:12 ).
Dobler vertrat Deutschland von 1990 bis 1996 bei allen sieben
Jahreshöhepunkten, nämlich bei zwei Olympischen Spielen, bei drei Welt- und
zwei Europameisterschaften, kam immer ins Ziel mit zwei vorderen Plätzen (
EM-9. 1990 und WM-6. 1993). Auch Stephan Freigang hatte sieben „Großeinsätze“,
davon aber „nur“ fünf im Marathonlauf ( EM 94 / WM 95 10.000m), und holte 1992
in Atlanta Olympia-Bronze in 2:14:00 Std. Deutscher Marathonmeister wurde er
1994 und 1998. Die jetzt gültige deutsche Meisterschaftsbestzeit lief mit
2:10:22 Std. Carsten Eich 1999 in Hamburg.