Nach der DM mit gedämpften Optimismus ins EM- und Olympiajahr

poehlitz-portrait12Kürten, 1. März 2012 (Pöhlitz) - Ein erstes Fazit kurz nach der Hallensaison, nach dem Wintertraining macht Hoffnung, ge-dämpfter Optimismus nicht allüberall, aber da und dort ist durchaus angebracht. Vor allem die zwei Sujews, Gesa Krause, Denis Krebs, Coco Harrer und Arne Gabius präsentierten ihre Fortschritte auf der Bahn. Auch vom Höhentrainingslager der Mittelstreckler in Dullstrom hörte man Positives. Trotzdem ist es für Euphorie zu früh. Die Olympischen Spiele 2012 in London leben aus Sicht der Ausgangsposition deutscher Läufer und Geher in erster Linie von der Hoffnung, Bestandsaufnahme für die nächsten Jahre oder auch Fortsetzung der bereits begonnenen Olympiavorbereitung 2016 für unsere „jungen Hoffnungen“ werden sie sein. Mit der zu Beginn 2011 eingeleiteten Wende mit neuem Führungspersonal Lauf / Gehen (Cheftrainer Track Idriss Gonschinska, Cheftrainer Lauf / Gehen Tono Kirschbaum) und damit vor allem im Denken und in neuer Bereitschaft, sind in so kurzer Zeit keine Wunder, aber Fortschritte möglich.

Zuviel ging im Jahrzehnt nach 2000 den Bach runter, die Talent-suche und –Talentausbildung für 12 Laufdisziplinen der Männer und Frauen, eine Trainer-qualifizierung für Führungspositionen, eine Konzentration der materiellen Möglichkeiten und der Teamarbeit, das Höhentraining, gemeinsames Training der Besten und vor allem die trainingsmethodische und führungspolitische Orientierung an den Weltbesten. Die deutschen Läufer haben sich lange von der Wucht afrikanischen Engagements im und außerhalb des Landes überrollen lassen, sich zwar hin und wider vor Ort in Iten oder Eldoret angesehen was die dort so treiben, Konsequenzen für das eigene Tun, für mehr professionelles arbeiten erst in jüngster Vergangenheit aufgenommen. Wer jetzt nicht auf den anfahrenden ICE aufspringt wird die wieder anspruchsvolleren Ziele deutscher Läufer nicht erreichen. Auch der mehr als 10 jährige Kampf der US-amerikanischen Läufer aus einer ähnlichen Krise zu kommen wurde zu lange aus der Distanz mit viel Respekt beobachtet oder auch von den Austauschstudenten überliefert, die keineswegs unbekannten trainingsmethodischen Vorge-hen aber nicht vorbildhaft übernommen. Zuviel, zu oft, zu hart, neue Wege nicht zu organi-sieren, kein Verzicht, zu wenig Trainingszeit, zu wenig Motivation nicht nur bei den Läufern, vielmehr ein Leistungsanspruch nur für die deutsche 10er Bestenliste? Das reichte in der Vergangenheit ja schon für eine positive Schlagzeile, sogar in Fachmagazinen. Erfreulich dass sich inzwischen Fortschritte in der Trainingsarbeit Einzelner in Ergebnissen widerspie-geln, im Mittelstreckenlauf der Frauen, im Hindernislauf der Frauen und bei Arne Gabius.

Arne Gabius 7:38,13 – Plus 12 Sekunden: Ich habe alles anders gemacht

Im Interview bei leichtathletik.de vom 13.2.2012 gab er bereitwillig Auskunft über das warum, über seine Entscheidung zum Profi für ein- oder mehrere Jahre:
„Ich habe die Chance ergriffen, mich selbst zu trainieren, mich von Dieter Baumann getrennt. Ich hatte bisher nur zwei Trainer, beide haben viel Wert darauf gelegt, dass der Athlet sehr selbständig arbeitet. Trotzdem war es  eine riesige Umstellung, denn ich habe alles komplett anders gemacht. Ich habe zum Beispiel meine Dauerläufe viel schneller absolviert - pro Kilometer eine Minute schneller als sonst. Im Trainingslager in Kenia haben mich Leute darauf angesprochen und mir gesagt, dass sei der „Alberto-Salazar-Style“: Alberto Salazar Trainer von Mo Farah und Galen Rupp, das Erste, was er mit den Athleten gemacht hat, war, das Dauerlauf-Tempo zu erhöhen. Außerdem habe ich Hürdentraining absolviert, war vor Weihnachten das erste Mal in einem Skilanglauf-Trainingslager, ich habe meine Gymnastik geändert und mich beim Höhentraining in Kenia umgesehen...........“

poehlitz-hoehenkette12_dlv-gruppenfoto

Hat eine positive Zukunft bereits begonnen? Wer schließt sich an 
                                                
Der DLV hat sich für Olympische Spiele der Jugend, U18 - / U20 EM bzw. WM ent-schieden, dies erfordert Konsequenzen. Dass auch im Lauf-Nachwuchstraining ein Wandel nötig ist wird bisher nur zu zaghaft thema-tisiert. Man hat das Gefühl, dass viele sich noch am Lauf – Nachwuchs - RTP von 1992 orientieren. In 20 Jahren seiner Gültigkeit hat sich die Welt aber sehr verändert, eine deutliche Verjüngung im Weltniveau der Läufer vollzogen, die Laufweltrekorde und die Leistungsdichte im Spitzenbereich in nicht erwartete Dimensionen entwickelt, inzwischen gibt es sogar Olympische Spiele der Jugend, Jugend-Europameisterschaften und Nachwuchs-Weltmeisterschaften. Und der DLV hat sich entschieden, nicht nur mitzumachen. Das weist auf die Problematik etwas tiefer hin. Zu viele Jahre wurde kaum unterschieden zwischen den Anforderungen in der „Allgemeinen Leichtathletik“ und an die Talente die Deutschland eines Tages international erfolgreich vertreten sollen. Die Kenianer lehren: mehr Geschwindigkeit im DL-Training, long runs in allen Disziplinen, Athletik für das stärkere Chassis und die Füße und die „Hills“ machen den Unterschied. Bist Du nicht zufrieden musst Du etwas ändern, vielleicht sogar vieles.

Es gibt sie schon die Olympischen Spiele der Jugend

Was international erfolgreich derzeit bedeutet oder erwartet wird, konnte man in den letzten Wochen feststellen, wenn man die Medienberichte von den gerade zu Ende gegangenen Olympischen Winterspielen der Jugend in Innsbruck aufmerksam verfolgt hat. Von den er-rungenen Goldmedaillen wurde sogar in den TV-Nachrichten berichtet, weiteren Medaillen im Medienresümee schon weniger Platz eingeräumt, als dem jungen Fußballer der aus ver-einsegoistischen Gründen besser nicht zu einer der vom Fußballbund eingerichteten zahlrei-chen Eliteschulen des Fußballs gehen sollte, um später, nach besserer Grundausbildung als daheim, vielleicht einmal unser Land in der Nationalmannschaft erfolgreich zu vertreten.

Fehr-Kiprob_2012_schneiderfotoAuch in der Leichtathletik wird Leistungsfähigkeit von vielen, auch Funktionären seit Jahren daran gemessen, wie viele deutsche Meister ihr Verein hervorbringt oder auf welchen Rang ihr Landesverband in Deutschland steht, ohne das in einem Vergleich zum Weltniveau zu beurteilen oder ihren Anteil an unbefriedigenden Ergebnissen des DLV zu bewerten. Es wird zu wenig unterschieden zwischen denen, die etwas mehr wollen und denen die nur 3-4x wö-chentlich kommen wollen. Dabei hat man oft das Gefühl, dass zu viele gern darüber reden, wie schlecht der DLV bei den verschiedensten internationalen Events abgeschnitten hat, aber selbst auch nichts zur Besserung beitragen. Dabei gibt es doch auch in den Landesverbänden Abteilungen für Leistungssport. Auch hier könnte man einmal über Team- oder auch über eine Neupositionierung der Talentsuche und Talentausbildung reden. TEAM-ARBEIT könnte  einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, dass wir bald wieder dazugehören im Laufen. Der Talentbestand und die Trainingsbelastung reichen derzeit nicht für mehr.

Obwohl inzwischen die ersten umgelegten Hebel im Laufbereich Spuren hinterlassen, mit zu wenig „Mitarbeitern“ (soll heißen mit zu wenig „mitarbeitenden“) für die Nachwuchs-Elite zei-gen sich Veränderungen aber nur sehr zäh. Dabei sind Fortschritte in Einzelfällen schon er-kennbar, die Vorbilder durch erhöhten Trainingsumfang und höhere Trainingsgeschwindig-keiten und die notwendige Bereitschaft zu mehr lassen sich glücklicherweise auch nicht durch Diskussionen hinter vorgehaltener Hand aufhalten. Es lässt sich nicht verbergen, dass man auch im Jugend-Aufbautraining schneller trainieren muss und ein paar Trainingseinhei-ten mehr braucht, wenn man zu den internationalen U18 und U20 Wettkämpfen will, um an-schließend daheim in die Kategorie „erfolgreich“ eingestuft zu werden. Leider ist eine not-wendig differenzierte, frühzeitigere Ausbildung, auf der Basis ererbter Voraussetzungen, zu Mittelstrecklern oder Langstrecklern derzeit kaum zu erkennen. Für Werfer ist das früher und mehr offensichtlich schon länger klar, für Läufer leider nicht.
 
Ein großes Problem für die DLV-Läufer wird aber in naher Zukunft sein, dass derzeit der „Ta-lentbestand“ für diese höheren Aufgaben dünn, sehr dünn ist und erst einmal nur punktuell echte Fortschritte in den 12 Mittel- und Langstreckendisziplinen auf der Bahn zu erwarten sein werden. Deshalb muss neben vor allem notwendigen Fortschritten in der Trainingsbelastung die gleiche Aufmerksamkeit neuen Formen der Talentsuche und Talentausbildung gelten. Erfreulich ist, dass sich die Führungscrew dieser Aufgabe schon zugewendet hat. Für Spitzenleistungen werden solche Talente gebraucht, die über die psychophysischen Voraus-setzungen, die Erbanlagen für schnelles Laufen verfügen, vor allem aber die Bereitschaft für einen Weg nach ganz oben mitbringen. Die Leistungssportpraxis zeigte in der Vergangenheit, dass das immer nur sehr Wenige sind und es auch einmal Jahre gibt, in denen keine Talente auf den Bäumen wachsen. Noch schlimmer ist aber, wenn in den Landesverbänden keine Talentsichtung mit anschließend anspruchsvollen Talenterkennungstraining stattfindet. Es ist aber auch aus den anderen europäischen Ländern bekannt, dass nicht jede(r) die/der in einer Region vorn wegläuft, ein Talent ist!

Die Organisation des Trainings und der Wettkampfleistungen werden entscheiden

sujew-twins_krebs2012_kiefnerfotoDer bereits begonnene Aufwärtstrend wird sich sicher im nächsten Sommer schon zeigen und fortsetzen. Aus den immer öfter gemeinsamen Trainingslagern wird erfreulicherweise Positives berichtet. Es wird Licht, aber auch weiter Schatten geben. Die entscheidenden Wochen sind schon im vollen Gange. Nur wer im Frühjahr besser trainiert als im Winter, wird im Sommer besser sein, als beispielsweise in der Hallensaison. Die Organisation des Trai-nings jetzt und der Wettkampfleistungen danach werden entscheiden, wer ein Ticket nach Helsinki oder London lösen und wie er/sie dort bestehen wird. Alles ist offen, es wird nicht leicht. Wer sich aber für die Olympischen Spiele qualifiziert, ist dem Weltniveau schon ein ganzes Stück näher gerückt.

Bleibt auf dem Teppich, die Etablierten werden nicht „bitte nach Dir“ sagen

Vor allem einige an der Schwelle zum Erwachsenenalter lassen hoffen, weil sie für bessere Zeiten danach und die erforderliche Ausgangsposition haben, vielleicht sogar für die Finals 2016. Natürlich hoffen wir auch mit den „Älteren“, mit denen, die in den letzten Jahren den DLV entsprechend ihren Möglichkeiten gut vertreten haben. Wie in allen Olympiajahren bis-her werden aber auch für sie 2012 nur weitere deutliche Leistungsfortschritte positive Schlagzeilen ermöglichen. Wunder sind vor allem für die Jungen nicht möglich, aber Erfah-rungen werden sie mitbringen, wenn sie bei EM oder OS schön aufpassen und es nicht nur darum geht, dort Spaß zu haben. Im folgenden Olympiazyklus werden sie das Zepter end-gültig übernehmen. Das Reisen um die Welt kann beginnen. Dabei ist zu hoffen dass die Platzhirsche die Arena nicht freiwillig räumen, sich wehren solange es geht, damit die Jungen zunächst zu Hause lernen, dass Erfolge erkämpft werden müssen.

Es wollen mehr in die Finals als es dort Plätze gibt

Bedenken sollte man, dass unsere „Jungen mit den großen Fortschritten“ aus dem Vorjahr wie beispielsweise die Sujews, Gesa Krause, Coco Harrer oder Denis Krebs zuerst Vorläufe gegen die in bereits vielen „Schlachten um den Sieg“ gestählten Weltbesten bewältigen müssen. Aber Achtung, es wollen mehr in die Finals als es dort Plätze gibt. Meist geht es langsam los, aber dann........ Da gilt es höllisch aufzupassen, weil die Besten bis zu Spurtbe-ginn in der Regel höchstens 95 % ihrer Leistungsfähigkeit einsetzen müssen. Eine Qualifika-tionen für die EM oder die Olympischen Spiele macht aber noch keinen glücklichen Sommer,  wenn man nicht wenigstens eine Runde weiterkommt. Wem die persönliche Bestleistung beim Höhepunkt gelingt, hat die größten Chancen. Die Fans und Medien erwarten bekannt-lich mehr als nur die Teilnahme. Und für die Besten lehrt die Erfahrung, dass für sehr gute Platzierungen, vor allem für Medaillen bei EM, WM oder OS mindesten 3 gleichgute antreten müssen, um am Ende die eine erfolgreiche Platzierung zu erreichen. Bis dahin ist gesund bleiben die erste Aufgabe im Rahmen der Erfüllung der individuellen Ziele. Wer das Finale erreicht, bekommt zu Hause eine Schlagzeile, wer eine Medaille erringt, wird am Flughafen empfangen und kommt beim Bürgermeister ins Goldene Buch!

EM oder OS sind für junge Läufer außerordentliche Bewährungssituationen

Auch wenn DLV-Coach Henning von Papen in leichtathletik.de v. 3.2.2012 sehr optimistisch gestimmt einen Blick voraus wagte, bei der EM in Helsinki (27. Juni bis 1. Juli) mit einem nahezu vollen Mittelstrecken-Aufgebot rechnet. Bei den 1.500 Metern der Frauen sieht er sogar vier Hoffnungsträgerinnen für die 4:05,50 Minuten, die für London reichen würden. Wenn man wüsste wer die Vierte ist könnte man ihr raten sich gleich über 5000 m zu versu-chen. Und die Männer? Nicht nur Arne Gabius braucht Rennen, die im Vergleich zu den letz-ten Jahren eine Top-Organisation erfordern, zur persönlichen Bestleistung im Bereich der Normen führen oder die die Vorlauferwartungen simulieren. Wünschen würde man es allen, es wäre schön wenn sich die „neue Arbeitsintensität“ im Team bereits auszahlen würde. Alle sollten aber auch darauf vorbereitet sein, das in einem solchen Spiel Enttäuschungen nicht ausbleiben können.

Und noch eins: Wer vor allem den jungen Qualifizierten bereits im Vorfeld der Jahreshöhe-punkte Wunder abverlangt zeigt seine fachliche Inkompetenz. Verschieben sie die frühe Feier bereits nach den erfüllten Qualifikationskriterien. Für unsere junge Garde hat die neue, hoffentlich erfolgreiche Zeitrechnung bei den Aktiven gerade erst begonnen, sie können jetzt schon mehr. Bitte aber nicht fehlspekulieren, Erfahrungen mit Vorläufen bei einer EM werden erfahrungsgemäß die Qualifikationsnormen für Olympia kaum ermöglichen, da bedarf es schon der Finals.

London wird sehr viel härter als Peking (Dr.Thomas Bach)

Der  Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Thomas Bach, wollte bestimmt nicht den Teufel an die Wand malen als er warnte: "London wird noch sehr viel härter als Peking. Die Spitzennationen sind sehr viel enger zusammengerückt, und es gibt immer mehr Länder, die Medaillen gewinnen. Bei den anderen Nationen waren nie so viel Geld und Know-how im Spiel wie jetzt."
Die EM und London 2012 werden also eine große Herausforderung nicht nur für unsere Läu-fer und Geher sondern für das ganze deutsche Olympiateam, zumal es nach dem Scheitern diverser Mannschaften (u.a. Fußball, Handball) so klein werden könnte wie seit der Wieder-vereinigung nicht. Sicher haben Sie kürzlich auch die Meldung gelesen, dass in Kenia im vergangenen Jahr 150 Läufer Marathon schneller als 2:15:00 Stunden gelaufen sind! Im Vergleich zu den Würfen bereiten sich in den Laufdisziplinen weltweit die meisten Gegner mit dem Ziel vor ihren sozialen Status zu verbessern, das sollte aber diejenigen die nicht gut werfen oder stoßen können nicht abhalten nach immer größeren Investitionen immer mehr zu zeigen. Und die internationalen Ergebnisse in der Hallensaison haben hoffentlich alle auf-geweckt, es ist Olympiajahr, die goldenen, silbernen und bronzenen Trauben werden sehr hoch hängen!