Lauftrainer und Vereinsvorstand Kurt Ring im Interview mit Thomas Hahn

Harrer-Ring12_Olympia12_bruesselfotoMünchen, 17. November 2012 (Thomas Hahn) - Thomas Hahn hat Kurt Ring, Lauftrainer und Vereinsvorstand der LG Telis Finanz, im Vorfeld der diesjährigen Jahresfeier über Spitzen-Leichtathletik in veralterten Verbandsstrukturen, Sportlergehälter vom Staat, Doping bei Olympia und das Erfolgsjahr der LG Telis Finanz Regensburg befragt. Das Interview ist im "Sport in Bayern" in der Süddeutschen Zeitung vom 17. November erschienen. Hier geht's weiter zum gesamten Interview ...

Thomas Hahn: Herr Ring, am Samstag feiert die LG Telis Finanz Regensburg bei ihrer Jahresfeier ein außergewöhnlich erfolgreiches Jahr 2012. Sie müssten längst lauter Glückwünsche bekommen haben.
Ring: Ich habe aber manchmal auch Neid gespürt.
 
Thomas Hahn: Wie äußert sich das, wenn die Neidgesellschaft nach einem greift?
Ring: Man bekommt teilweise seltsame Kommentare. Man vermisst Gratulationen von Leuten, von denen man sie todsicher erwartet hätte. Und man ist selbst müde und fällt ein bisschen in ein Loch.
 
Thomas Hahn: Was ist los, wenn Sie im Loch sind?
Ring: Dann fällt’s schwer, wieder anzupacken und erneut von vorne anzufangen, mit all den Schwierigkeiten und Unwägbarkeiten, die eine neue Saison mit sich bringt.
 
Thomas Hahn: Antwort?
Ring: Erstens gibt es bei mir den Satz „Geht nicht, gibt´s nicht“. Alles, was von irgendjemandem abgetan wird, das gehe nicht, reizt mich. Vor allem wenn ich sehe, dass das eigentlich ganz einfach zu bewegen wäre. Man muss nur mal anfangen, an seinem Traum richtig zu arbeiten. Und das haben wir in Regensburg gemacht. Wir haben auf der Suche nach dem ersten Sponsoring bestimmt 30 oder 40 Unternehmen abgeklappert, bis wir endlich bei den Milchwerken an den richtigen Mann kamen. Bei Telis Finanz waren wir dann schon einen Schritt weiter. Dann ging´s schneller voran.
 
Thomas Hahn: Zweitens?
Ring: Ganz einfach: Da ist eine junge, forsche Läuferin aus Wenzenbach und ein lieber Junge aus Sindelfingen, ein blitzgescheiter Junge aus Hessen und ein schnelles Mädel aus dem Emsland – die haben alle einen Traum. Und ich schein einer zu sein, der ihnen helfen kann, diesen Traum zu erfüllen.
 
Thomas Hahn: Corinna Harrer, die Olympia-Teilnehmerin über 1500-Meter, sowie die drei EM-Teilnehmer Philipp Pflieger (5000 Meter), Florian Orth (1500) und Maren Kock (5000m)...
Ring: Denen  möchte ich diesen Traum von der Olympia-Teilnahme verwirklichen. Das ist für mich immer ein sehr schöner Moment, wenn diese jungen Leute etwas erreichen, was nur ganz wenige schaffen.
 
Thomas Hahn: Dieses Jahr war ein Durchbruch für Ihre Arbeit. Warum dauert es so lange, bis man einen so durchschlagenden Erfolg hat wie in diesem Jahr.
Ring: Weil Sie das Netz, auf dem das ganze liegt, erst einmal spannen müssen. Es war ja nichts da. Wenn ich hier ein Talent hatte, stand ich anfangs vor der Alternative, es an Quelle Fürth oder einen anderen Großverein abzugeben. Das wollte ich nicht. Ich wollte hier, in Regensburg, zeigen, dass es geht. Da haben wir an diesem Netz gearbeitet. Das fing damit an, dass wir den Verein zunächst auf eine gute finanzielle Basis gestellt haben. Dann haben wir ein Physiotherapeuten- und Ärzte-Netz aufgebaut. Die Trainingsarbeit wurde auf ein Team umgestellt, indem jeder der anteiligen  Trainer vor allem seine Stärken einbringt. So sind meine Läufer viel mehr auf das fokussiert, was sie tun, und viel weniger auf diese „Lichtgestalt“ Trainer in der Mitte. Ich möchte sie eher vom Rande aus lenken.
 
Thomas Hahn: Ist Ihr Erfolg Zeichen einer starken deutschen Leichtathletik-Struktur? Oder ein lokales Einzelphänomen?
Ring: Ich hatte überhaupt keine Zeit,  mich mit der Stärke der deutschen Leichtathletik zu befassen. Ich war nur erfreut darüber, wie schwach die deutschen Läufer zeitweilig waren. Dadurch war es für uns einfacher, nach oben zu kommen.
 
Thomas Hahn: Das ist nicht wirklich Ihre Haltung.
Ring: Mein Gehirn hat einfache Strukturen und einfache Gedanken. Die sind für mich schlüssig und die versuche ich dann umzusetzen. Ich werde immer zornig, wenn komplizierte Gebilde hinter etwas gesetzt werden, was eigentlich ganz einfach ist. Wenn ich schneller laufen will, muss ich auch schneller trainieren. Und wenn ich ganz schnell laufen will, dann brauche ich Leute, die schnell laufen können.
 
Thomas Hahn: Mit schnellen Leuten meinen Sie Leute mit Grundschnelligkeit wie Corinna Harrer, die mal bayerische Schüler-Meisterin über 100 Meter war.
Ring: Einfaches Beispiel: Frauenfinale über 1500 Meter bei Olympia in London. Die letzten 800 Meter sind in 2:02,9 Minuten gelaufen worden, die letzten 600 in 1:29, die letzte Runde in 57,8 Sekunden – das kann derzeit keine deutsche 800-Meter- vielleicht Corinna, aber wir haben es natürlich noch nicht ausprobiert.
 
Thomas Hahn: Wenn man von Olympia spricht, muss man allerdings auch fragen, wie natürlich die Leistungen dort waren.
Ring: Oh ja. Sie müssen sich damit abfinden, dass da eine Anzahl Unehrliche im Feld stehen. Die ersten Drei bei Olympia über 1500 Meter haben alle schon ihre Dopingsperre hinter sich - da muss man Fragen stellen. Wenn man aber selbst hundertprozentig auf den Erfolg fixiert ist, muss man das ausblenden. Dann müssen wir sagen, wir wollen in diesem Weltklassefeld unser Bestes abgeben - und das hat Corinna Harrer getan.
 
Thomas Hahn: Sind sogenannte Fabelzeiten ohne Doping möglich?
Ring: Bis zu einer gewissen Grenze ja. Wenn Sie eine Läuferin haben, die die 100 Meter in 11,50 Sekunden läuft und die Grundlagenausdauer generieren kann, wie sie meinetwegen eine Corinna Harrer vielleicht einmal generieren kann, so in etwa 31:30 über 10 000, dann sind diese Fabelzeiten möglich. Man muss diese Läuferin nur finden. In Deutschland wird man sie nie finden. Weil jede Läuferin, die 11,50 laufen kann, wohl im Sprint festgehalten wird.
 
Thomas Hahn: Kann sich das nicht ändern?
Ring: Sie erwarten von der alten Dame Leichtathletik sehr, sehr viel. Da ändert man sehr wenig und sehr langsam.
 
Thomas Hahn: Olympia in London war ein Erfolg für die deutsche Leichtathletik. Sie scheint sich erfolgreich reformiert zu haben.
Ring: Langfristig gesehen muss sich das erst bestätigen
 
Thomas Hahn: Was sagen Sie?
Ring: Die größte Bremse sind die alten amateurhaften Funktionärskonstrukte über Bezirks-, Landesverbände und dem DLV selbst, in denen eine Vielzahl ehrenamtlicher „Warte“ rumsitzen und beraten, was irgendwann einmal zu tun sei und dann immer zu spät dran sind, weil die Sitzungen eben dauern. Der moderne Leistungssport ist wie ein Betrieb. Der kann nur funktionieren, wenn Leute da sind, die schnelle Entscheidungen treffen. Man kann über Leistungssport nicht abstimmen. Man muss ihn tun.
 
Thomas Hahn: Was muss man tun?
Ring: Die Verteilung der Fördergelder zum Beispiel wäre ganz einfach: Für Leute mit Olympia- bzw. WM-Norm könnte es ein Grundgehalt über zum Beispiel 3000 Euro vom Staat direkt geben - die Topathleten wären dann grundabgesichert und könnten sorgenfreier Leistungssport betreiben. Dann könnte man sich den Weg über eine Sportfördergruppe der Bundeswehr oder der Polizei sparen. Manche Sportler sind bei der Polizei und wollen gar nicht Polizist werden. Oder sie sind bei der Bundeswehr und würden entsetzt sein, wenn sie später zu einem Friedenseinsatz müssten. Das ist doch alles ein wenig falsch gestrickt.
 
Thomas Hahn: Der Sportler müsste sich allerdings erst für sein Gehalt qualifizieren.
Ring: Für die Sportfördergruppe muss man sich auch qualifizieren. Glauben Sie im Ernst, dass ein Sportler, der noch kein Olympiaformat hat, überhaupt irgendwas bekommt in Deutschland? Die leben wie Hartz-4-Empfänger. Das monatliche Sponsoring von 500, 600 Euro eines Talents bringt die meisten Vereine schon an die Grenze des Möglichen. Ab Olympia-, EM- oder WM-Reife müsste man professionell einsteigen und die Leute absichern. Deutschland redet darüber, dass man rechtzeitig in die Rentenkasse einzahlen müsse. Von den Sportlern verlangt man, dass sie sich erst ab 30 in normale Arbeitsverhältnisse begeben. Wir mussten uns zum Beispiel Gedanken darüber machen, wie wir Philipp Pflieger nach seinem Bachelor-Studium über Wasser halten können.
 
Thomas Hahn: Wie lief das?
Ring: Wir haben viele kleine Förderungen aufgebaut und so versucht, die Einkünfte des Athleten auf ein Maß zu setzen, dass er zumindest davon leben kann. Wenn Sie Olympia-Reife haben, ist vieles ein bisschen einfacher. Das ist wie so ein kleiner Schlüssel für Sponsoring.
 
Thomas Hahn: Kann sich der Staat Leistungssportler mit Grundgehalt leisten?
Ring: Ich denke schon. Wenn die weitaus ärmeren Briten sich das leisten können, sollte das in Deutschland auch möglich sein.
 
Thomas Hahn: Der britische Sport finanziert sich stark über seine Lotterien.
Ring: Wir haben in Deutschland auch Lotterien. Es gibt viele Möglichkeiten. Man müsste Ideen entwickeln. Aber haben Sie schon mal „Verwalter“ mit Ideen gesehen? Das klingt arrogant, was ich sage, aber es ist so: Vielleicht müsste man sich in Deutschland mal die Zeit nehmen wie ich es in Regenburg getan habe, und ganz langsam Stück für Stück ein Profil für die Sportart aufbauen. Wenn dann so ein Profil da ist, kann man etwas verkaufen und es springt dann auch jemand drauf an. Aber bauen wir irgendwo in der Leichtathletik Profile auf?
 
Thomas Hahn: Haben Sie den Eindruck, dass man Ihre Kritik in Ihrer Sportart hört?
Ring: Man ist zuweilen so beschäftigt, dass anscheinend keine Zeit zum Zuhören da ist. Das soll keine Kritik sein, aber dieses ganze Verbände-Konstrukt muss sich entkrampfen, damit es wieder Ideen entwickeln kann. Es erstarrt in Formalitäten. Wir schlagen uns zum Beispiel mit internen Normen für deutsche Meisterschaften rum, müssen unseren Topathleten Sonderstati geben,  damit sie bei deutschen Meisterschaften starten können, weil irgendein ganz „Schlauer“ neue unsinnige Normen setzt, die keiner braucht. Wir bewegen uns in vielen Nebenkriegsschauplätzen, die eigentlich unwichtig sind. Und die wichtigen Felder vergessen wird dabei.