Irritationen bei den gebeutelten Viertelmeilern

Wendelstein, 26. Februar 2013 (Krämer) - Die betroffenen Athleten wie auch deren Heimtrainer sind zum einen irritiert und zum anderen erschüttert über die Absage der 4x400m Staffel der Männer bei den Hallen – Europameisterschaften in Göteborg. Obwohl der Europäische Verband nach den Europameisterschaften 2012 in Helsinki die besten 5 europäischen Staffeln – darunter Deutschland – und das Gastgeberland Schweden eingeladen hatte, in Göteborg als Abschluss dieser Meisterschaften ein 4x400m Staffelrennen zu bestreiten und Deutschland im Dezember 2012 eine verbindliche Zusage an die EAA (European Athletic Association) richtete, beschlossen die Verantwortlichen beim DLV nach den Deutschen Hallen-Meisterschaften, keine Staffel nach Göteborg zu entsenden, da sich keiner der 400m Läufer über eine Einzelnorm qualifiziert hat.

Die in Frage kommenden Athleten hatten sich nach der Entscheidung des zuständigen Bundestrainers im Oktober 2012, dass Deutschland auf Einladung des Europäischen Verbandes bei den Hallen-Europameisterschaften eine Staffel (Einladungswettbewerb) laufen wird, auf dieses Ereignis intensiv vorbereitet. Obwohl die Einzelleistungen der besten vier nationalen Athleten über 400m nicht den Erwartungen der letzten Jahre entsprachen, waren doch alle hoch motiviert und freuten sich bereits auf den internationalen Vergleich. Dass eine Staffel bei internationalen Meisterschaften zu Höchstleistungen in der Lage ist, haben ganz aktuell die Ergebnisse bei den Weltmeisterschaften 2011 in Daegu (8. Platz) und bei den Europameisterschaften 2012 in Helsinki (Bronzemedaille) eindrucksvoll bewiesen. Allein die Erfahrungen, die man bei internationalen Vergleichen gewinnen kann, hätten eine Berücksichtigung der Deutschen Staffel gerechtfertigt. Diese unverständliche Entscheidung verursacht bei Athleten und Heimtrainern wieder einmal einen hohen Vertrauensverlust gegenüber dem Verband und eine Demotivation jedes einzelnen Athleten für die zum Teil aufopfernde Arbeit für sich selbst und für Deutschland.

Die Sportart Leichtathletik steckt in einer nicht mehr zu verleugnenden Krise. Von den Verantwortlichen im DLV oftmals schön geredet, haben sich die Medien längst verabschiedet. Deutsche Meisterschaften werden oftmals nur als Randnotiz erwähnt und glücklich ist man, wenn im Fernsehen ein zweiminütiger Zusammenschnitt aus 2 Wettkampftagen gezeigt wird. Dies aber auch nur dann, wenn ein bis zwei Weltbestleistungen zu vermelden sind. Für Großsponsoren ist die Leichtathletik ebenfalls nicht mehr interessant, da diese ihr Engagement mit den Fernsehminuten aufrechnen, wo Ihr Firmenlogo auffällig gezeigt wird (siehe Wintersport).

Seit Jahren kommen von der Basis die unterschiedlichsten, aber im Ergebnis die gleichen Warnungen, dass eine Generalstrukturreform dringend notwendig ist, um auf die veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu reagieren. Passiert ist nichts, zumindest nichts Erkennbares und hilfreiches. Das Leistungsniveau nimmt seit Jahren kontinuierlich ab und es wird in den kommenden Jahren noch viel schlimmer. Dafür braucht man kein Prophet zu sein, sondern nur in die Schulen gehen, sich einmal einen Sportunterricht ansehen und bei Kreismeisterschaften sich den aktuellen Nachwuchs anschauen. Noch lebt die Leichtathletik in Deutschland von den 80iger und 90iger Jahrgängen, die vor allen Dingen in den technischen Disziplinen die eine oder andere Medaille für Deutschland holen. Noch leistet sich der DLV den Anspruch, die vom Europäischen und Weltverband festgesetzten Qualifikationsnormen zu ignorieren und deutlich höhere Maßstäbe anzusetzen.
 
Wenn andere Länder grundsätzlich die besten drei Athleten einer jeden Disziplin zu den Titelkämpfen schicken, so verzichtet der DLV lieber auf die Besetzung ungeliebter Disziplinen und unrealistisch hoch angesetzten Normen, die schon in einigen Jahren dazu führen könnten, dass der Verband ohne Sportler zu den internationalen Ereignissen fährt. Wann wacht der Verband endlich auf und führt ein gerechtes und für jeden Sportler nachvollziehbares Qualifikationssystem ein? Die Nominierung für Göteborg zeigt wieder einmal die Ungerechtigkeit und Willkür bei dem Aufgebot. Da werden Sportler mitgenommen, die zwar die Norm hauchdünn geschafft haben, bei den entscheidenden Titelkämpfen jedoch weit unter Wert abschneiden. Andere haben die Norm erst gar nicht erreicht, wenn auch nur mit wenigen Hundertsteln, werden aber dennoch mitgenommen. Eine bereits gesetzte und gemeldete Nationalstaffel bleibt dagegen zu hause. Es wär so einfach, wenn man endlich dazu kommt, dass nur die drei Besten einer Deutschen Meisterschaft nominiert werden. Alle Athleten wissen dann zum einen, wo sie verbindlich dran sind und zum anderen spiegelt dies auch den aktuellen Leistungsstand unmittelbar vor dem internationalen Großereignis dar. Es ist das brutalste aber gerechteste System, was bereits seit langem viele Nationen so praktizieren. Bei uns herrscht das System der Lobbyisten unter den Vereinen mit den besten Kontakten, wovon einige Athleten profitieren, andere und gleichwertige Athleten jedoch ignoriert werden.

Macht so weiter, dann ist die geringe Aufmerksamkeit der Zuschauer, der Medien, aber ganz besonders die Präsenz der wichtigsten Akteure – der (de-) motivierten Sportler – ganz verschwunden.