Internationale Rennen haben ihre eigenen Gesetze

Harrer_moreira_Hallen-EM13_foto_chaiRegensburg, 5. März 2013 (orv) –  Als Corinna Harrer in Göteborg das Ziel erreicht hatte, zeigten die Uhren für sie genau 9:00,50 Minuten. Eine Zeit, die die Regensburgerin heuer in der Hallensaison schon mehrmals gelaufen ist und die, wenn’s hart auf hart kommt, von ihr auch im Alleingang abgeliefert werden kann. Diese neun Minuten hatten es trotzdem in sich wie keine neun Minuten vorher im Läuferleben der Regensburgerin. Kreiert von der Europameisterin Sara Moreira wurden sie zum Prüfstein für alle übrigen des Kontinents. Die Portugiesin wollte ihnen bewusst das abfordern, was sie sich selbst allein zutraute und auch schon im Vorlauf angedeutet hatte. Letztendlich wurde das Göteborger Finale zum furiosen Steigerungslauf, der schonungslos die individuellen Grenzen aufzeigte.

Nach gänzlich verbummelten 3:13 für den ersten Kilometer diktierte die Portugiesin von der Spitze weg laufend den Übrigen eine Zeit knapp unter drei Minuten für die zweite Hälfte, ehe sie im Schlussteil bei einer eigenen 2:45 so lange beschleunigte, bis sich auch die Letzte, in diesem Falle Corinna Harrer, knapp vor der letzten Runde die Zähne ausgebissen hatte. Internationale Rennen werden immer mehr in dieser Form der ständigen Tempoverschärfung angegangen und der Rest des Kontinents konnte sogar noch froh sein, dass die Dirigentin „nur“ Sara Moreira hieß. Wäre es denn eine aus dem ostafrikanischen Hochland gewesen, wären die Splits noch etwas schärfer ausgefallen und die Endzeit wohl deutlicher als die 8:58,50 unter den neun Minuten gelegen.

Moreiras zweite Hälfte lag bei einer 4:15 und wer tags zuvor das 1500m Finale gesehen hatte, weiß nun, dass einerseits dort die anwesenden Protagonistinnen mit Ausnahme der afrikanischen Leih-Siegerin Arigawi viele Hausaufgaben bis zum Sommer zu machen haben, andererseits die wohl besseren des Kontinents auf der doppelt so langen Strecke unterwegs waren. Corinna Harrer hat ihre Winteraufgabe glänzend erledigt, weiß, dass sie den Ausdauerspeck, den sie sich im Winter nun angefressen hat, im Sommer brauchen wird, wenn über die 1500m die Besten der Welt ein ums andere Mal zwei Runden bei möglichst geringen individuellen Laktatwerten spazieren laufen, um dann ihre ganz eigenen Tempospielchen auf den beiden letzten Runden zu inszenieren. So schnell, dass manch gestandene deutsche 800m-Läuferin nur noch deren Haken sehen würden, dürfte sie denn erst bei 800m für ein restlich 1 ¾ Runden ins Rennen gehen.

Genau das muss das Ziel der noch jungen, pfeilschnellen Regensburgerin sein. Erst dann, wenn sie die ersten Runden ebenso wie die Weltelite als kleines läuferisches Intermezzo empfindet, wird sie dabei sein, wenn am Ende zum Angriff geblasen wird. So paradox es klingt, am Ende wird wohl die jeweilige Grundlagenausdauer entscheiden, wer am Ende die Nase vorne hat. Corinna Harrer hat dafür jahrelang eisern trainiert, sich wenig drum gekümmert, dass die nationale Konkurrenz Ähnliches wie sie mit wesentlich weniger Aufwand an Qualität und Quantität erreicht hat. Wie ein Hamster hat sie sich wertvollen Sauerstoff für ihre Muskeln erarbeitet. Dort, wo viele im sprichwörtlichen Sinne „sauer“ sind, läuft sie schon derzeit immer noch weiter. Für den Sommer ist nun ihr und ihrem Trainer, der ihr diese „ekelhaft“ langen Einheiten immer wieder aufgebrummt hat, nicht mehr bange. Er kann kommen.