Großer Interpretationsspielraum in Sachen Regelauslegung bei der Halbmarathon-DM

FitschenTempomacher DM-HM13 volkefotoRegensburg, 13. Mai 2013 –  Bei den Deutschen Straßenlaufmeisterschaften im Halbmarathon erlebten die Fachinteressierten den ungewöhnlichen Auftritt eines persönlichen Tempomachers für den Wattenscheider Top-Läufer Jan Fitschen. Die allgemeinen Ausschreibungsbestimmungen für Deutsche Meisterschaften lassen dies eigentlich nicht zu. Eine fachspezifische Notwendigkeit für das Erreichen einer bestimmten Qualifikationsnorm bestand nicht. Der Tempomacher selbst wurde von Jan Fitschen selbst nachgemeldet, der beim örtlichen Veranstaltungsleiter Jochen Baumhof auch die Nachmeldegebühr von 100 Euro plus der üblichen Startgebühr entrichtete. Bundestrainer Wolfgang Heinig wurde von Jan Fitschen ebenfalls erst am Dienstag vor dem Rennen über den Tempomacher verständigt. Der Bundestrainer gab den Vorgang an die AG Wettkampfwesen zu Händen von Manfred Mamontow weiter. Ein für Deutsche Meisterschaften üblicher Antrag auf Sonderstartrecht wurde unseres Wissens nicht gestellt.
Der Vorfall hat in Läuferkreisen hohe Wellen geschlagen. Die Frage der Wettbewerbsverzerrung bleibt. Dazu gibt es eine ganz klare Aussage des DLV-Präsidenten Dr. Clemens Prokop. Er lehnt Tempomacher bei Meisterschaften grundsätzlich ab und wünscht sich hier den Kampf Frau gegen Frau bzw. Mann gegen Mann. Nach seiner Darstellung sollte dies so nie wieder vorkommen. Für die AG Wettkampfwesen indessen ist der Vorfall nach dem Verfall der einstündigen Einspruchsfrist nach Beendigung des Wettkampfes rein formell ad acta gelegt worden.

Ist er das wirklich? Es geht doch letztendlich gar nicht um die Disqualifikation eines Läufers. Subjektiv gesehen hat Jan Fitschen und sein Verein alles richtig gemacht, wenn auch in der absoluten Regel-Grauzone. Es ist kaum vorstellbar, dass Athlet und Verein die allgemeinen Regularien für die nationalen Titelkämpfe nicht kennt oder nicht gelesen haben, der Tempomacher selbst für alle Teilnehmer bestimmt war. Es ist auch unwahrscheinlich, dass der Kenianer die Vereinszugehörigkeit des TV Wattenscheid zum Meldeschluss besaß, die Meldung vielmehr über den prüfenden westfälischen Verband überhaupt nicht lief, von einem gültigen Startpass überhaupt zu schweigen. Vorstellbar ist dagegen dass das äußerst fragwürdige Projekt einfach durchgewinkt wurde.

Wer jemals für einen seiner Athleten schon ein Sonderstartrecht für Deutsche Meisterschaften beantragt hat, weiß, wie kompliziert und aufwändig das Procedere ist. Im Falle des Kenianers lief wohl alles sehr schnell und reibungslos, so schnell, dass selbst die betroffenen Mitkonkurrenten erst am Vorabend per Zufall davon erfuhren. In anderen weit weniger Wettkampf beeinflussenden Dingen, wie das Fehlen der zweiten Startnummer auf Rücken oder Brust verursacht dies weit größeres Ungemach bei der Wettkampfdurchführung bis hin zum Ausschluss vom Wettkampf.

Keiner möchte hier bei den kontrollierenden beziehungsweise ausführenden Organen des DLV-Wettkampfwesens Vorsatz zum Bevorteilen bestimmter prominenter Teilnehmer beziehungsweise deren Vereine vermuten. Tatsache bleibt jedoch, dass die „Lex Fitschen“ hier deutlich die Allgemeinen Wettkampfbestimmungen für Deutsche Meisterschaften ausgehebelt hat und sich Jan Fitschen damit einen Vorteil für sich alleine verschaffen wollte. Dazu möchte sich das DLV-Wettkampfwesen allerdings trotz einer Bitte danach nicht äußern. Ein übler Nachgeschmack in dieser Sache wird bleiben.

 

von Kurt Ring