Der Übergang in den Hochleistungssport gelingt nur selten

Regensburg, 18. Juni 2013 (orv) –  Es ist immer schön anzuschauen. Sie jubeln, sie strahlen mit der Sonne um die Wette, sind optimistisch und voller Ziele, die Supertalente in der Leichtathletik, von denen es immer noch viele gibt. Träume werden geboren, in der Welt des Sports sind es meist olympische. Das war in den Jahren vor London so, das wird vor Rio nicht anders sein. Bayerns Olympiabilanz ist dagegen, was die Einzelstarter anbelangt, eher ernüchternd. Bei den letzten vier Olympischen Spielen von Sydney bis London waren genau sieben Athleten/Innen aus bayerischen Vereinen an der Startlinie, aufsteigend nach der Jahrtausendwende von der Anzahl immer weniger werdend.


Der erste nationale Nachwuchstitel ist immer ein erhebender Moment, für das Jungtalent, den Heimtrainer, das oft klein geschneiderte Umfeld und die regionale Presse. Zum ersten Mal dann den Adler auf der Brust, im Notizbuch des Bundestrainers und von vielen als Hoffnung für die große Welt des Sports gehandelt, mag so manches Talent platzen vor Stolz. Die Welt hängt voller Geigen, fehlende Voraussetzungen für mehr werden oft übersehen. Es wird schon gehen. Schule, Freund, Freizeit, die nicht unbedeutenden Vorstellungen der Eltern vom Werden ihres Kindes werden zu einem einigermaßen durchführbaren Zeitpatchwork zusammengefügt, mit vielen Kompromissen belastet, selten hochleistungsorientiert. Immer wieder hört man den Satz: „Das habe ich mit fünf Mal Training pro Woche gepackt“. Früher mal wurde in Athletenkreis gern mit „viel“ und zweimaligem Training am Tag gepunktet, sozusagen als Beweis für die Ernsthaftigkeit seines sportlichen Treibens. Heutzutage scheint man zu minimieren, um das persönliche Talent damit noch zu unterstreichen.

Szenenwechsel: Corinna Harrer war noch vor allzu langer Zeit auch so ein Supertalent, gesegnet mit internationalen Erfolgen im Nachwuchsbereich. Corinna Harrer ist aber anders als die meisten heutzutage. Sie hat schon immer viel trainiert und als das Abitur geschafft war, ganz schnell auf zwei Einheiten pro Tag umgeschaltet. Sie unterscheidet sich auch in ihren sportlichen Zielsetzungen. Teilnehmen ist für sie fast ein Schimpfwort, Medaillen gewinnen will sie ganz oben und dafür ist ihr keine Einheit zu viel. Pessimisten haben sie Jahr für Jahr für weitere Leistungsentwicklungen abgeschrieben und doch war sie es, die mit nur 22 Jahren als eine der ganz wenigen Läuferinnen des letzten Jahrzehnts die Olympiateilnahme packte. Aber was heißt hier schon packte, mit etwas Glück hätte es fast das Finale sein können und ihr inzwischen achter Platz bei der EM vorher, war ihre bitterste Stunde der ganzen Saison.

2:03 und 4:20 sind tolle Nachwuchsleistungen, sogar auf’s Trepperl kann’s damit bei Junioren-Europameisterschaften reichen, bei den Erwachsenen reicht das eben nicht. Dort beginnt die Elite bei unter 1:59 und unter 4:05, was deutschen Supertalenten bei den Erwachsenen praktisch nie gelingt. Der Schutzbehauptung „die anderen dopen alle“ wird zumindest von den älteren Trainern widersprochen, die noch bessere deutsche Zeiten erlebt haben. Liest man in den Trainingsplänen von internationalen Top-Athleten, wird man den Verdacht nicht los „die Deutschen trainieren weniger und langsamer“ als die Konkurrenz, sagen sie dann.

Ortswechsel: Viele der Jungstars wagen derzeit den Sprung über den großen Teich ins amerikanische Collegesystem. Angelockt von traumhaften Begleiterscheinungen und finanziellen Unterstützungen wollen sie ein Jahr, vielleicht auch gleich mehrere, sorglos ihrer größten Leidenschaft, der Leichtathletik frönen. Der Nachteil, den Deutschland hier hat und nicht nur gegenüber den USA, ist unübersehbar. Dort hat der Leistungssport Priorität, hier wirst du zuerst durch die G8 und dann durch ein vollgestopftes Bachelor-Studium gepresst. Ein Werdegang, den die meisten auf dem sportlichen Weg nach oben nur mit vielen Kompromissen beseitigen können: Kompromisse in der Trainingsquantität aber auch –qualität, in der Regeneration, im Zeitmanagement, bei der Pflege des eigenen Körpers. Leistungsstagnation dort, wo es erst richtig losgehen soll, Verletzungen und Motivationsprobleme auf Grund einer ständig schleichenden Überlastung sind die Folgen, sportliches Burnout eben. Wer hat schon Lust, nach einem 40-Stundenplan und einem 60-Stunden-Schuljob pro Woche noch Sport zu treiben.

Hochleistungssport in der heutigen Zeit ist letztendlich eine professionelle Betätigung, ohne Wenn und Aber, Beruf eben und alle, die regelmäßig vor der Mattscheibe hocken und die Neuners, Schweinsteigers, Hartings bewundern, sollten sich klar sein, dass es in 99,9% der Fälle eben nicht anders geht. Es ist also an der Zeit, dies auch laut auszusprechen. Die viel besungene Zeit des 1er-Medizinstudenten, der den Olympiasieg mit links packt, ist eigentlich vorbei. Doch die Ausnahme ist bei uns der Regelfall, kommt aber eben höchst selten vor.

 Dem Leichtathletik-Verband ist eigentlich schon längst klar, dass eigentlich nur die Profis mit gedehntem Fernstudium, jene von der Bundeswehr oder der Polizei, hundertprozentig freigestellt für ihren eigentlichen Job „Leistungssport“, eine echte Chance im beinharten internationalen Vergleich haben. Systeme wären notwendig, damit diese Sportler auch nach dem Sport noch ein vernünftiges Leben führen können. So wichtig der Topsport in der Wahrnehmung der heutigen Gesellschaft ist, so wenig wird für deren Protagonisten getan, sofern sie nicht den Profi-Sportarten angehören. Die Versuche, die Leichtathletik auch in solche Gefilde zu hieven, gab’s, sind aber alle gescheitert. Andersrum ist es meist zum Werden zu wenig und zum Sterben zu viel.

Deutsche haben ein fatales Verhältnis zum einmal Geordneten, zum System aus deutscher Hand. Eine OECD-Studie besagt, dass Deutschlands Schüler im Weltvergleich nur im Mittelfeld herumschwimmen. Kein gutes Zeugnis für das Volk der Dichter und Denker. Man will schon verbessern, im Netzwerk von tausenden bürokratischen Verordnungen gelingt das selten, am wenigsten in der schulischen oder universitären Ausbildung. Der oft zu Markte getragene politische Aktionismus hilft da wenig. Deutschlands Sport ist aber unverrückbar zumal bis zum Hochleistungsalter mit Deutschlands Schulsystemen verbunden. Beide vertragen sich inzwischen immer weniger. „Einer gesunder Geist in einem gesunden Körper“ haut hier zulande schon lange nicht mehr hin.

So ist es nicht verwunderlich, wenn sich Kadersysteme immer mehr am minimal Machbaren als am maximal Möglichen ausrichten. Nur keinen verlieren, es sind eh schon so wenige. Nachwuchssysteme schauen längst nur noch auf eigene Meriten, rette jeder seinen Erfolg, wie er noch kann. Olympia mit fünfmal Training die Woche, irgendwo in Hinterhuglhapfing mit einem Coach, der mit voller Berufstätigkeit und Familie ehrenamtlich alles, aber letztendlich zu wenig einbringt, und dem nächsten Physio, hundert Kilometer entfernt, soll auch so möglich sein.

Irgendwann kommt für jedes Supertalent die Frage alle Fragen. Willst Du das dort oben, die jahrelange Schinderei, das Aufgeben vieler anderer Ziele, die ständige Ungewissheit, es vielleicht doch nicht zu schaffen, letztendlich auch für den sauberen Athleten die immer vorhandenen Schattenseiten des sportlichen Betrugs? Unter deutschen Voraussetzungen, ohne Seil und Haken, fehlt den meisten dann der Mut. Den Weg zum Olymp musst du hierzulande meist ziemlich alleine gehen. So mancher gut gemeinter olympischer Traum schmilzt dann schneller in der Sonne als er geboren wurde.