Über Allgemeines und Spezielles

Regensburg, 21. Juni 2013 (orv) –  Meine Frau sagt oft: "Jetzt hast du den Stapel Zeitschriften wieder vergessen, wegzuräumen“. Meine Frau hat Recht. Beim Aufräumen bin ich nicht der Stärkste, beim Wegwerfen schon gleich gar nicht. Vielleicht ist diese schlechte Eigenschaft von mir schuld daran, dass mein Abo der Zeitschrift „Leichtathletik“ nach über vierzig Jahren immer noch besteht. Mein Freund Lothar, immerhin im Bereich der Leichtathletik ein noch besser Bewanderter, hat es geschafft. Er sagt: Was ich immer in der Zeitung gelesen habe, stand schon vorher im Internet. Eigentlich hat er Recht.

 


Irgendwie bin ich aber ein Nostalgiker. Schön waren sie, die Zeiten, als man mit der Zeitschrift in der Hand im Stadion oder vor dem Fernseher saß und als Einstimmung vor jedem Wettbewerb die Einschätzung der Experten zu den „Unsrigen“, den deutschen Athleten, noch einmal überfliegen konnte. Heutzutage liest du, warum Deutschland bei der Team-EM nur Zweiter werden kann, was du eh schon weißt, und jene globalen Sätze unseres leitenden Bundestrainers „An der Herausforderung, nicht für das eigene Ergebnis, sondern auch für das der Mannschaft verantwortlich zu sein, können junge Athleten wachsen.“ Toll!

Da steht dann auch irgendwo, dass wir zehn Sieganwärter/Innen im Team haben, eine Analyse der einzelnen Disziplinen fehlt aber. Na ja, die Zeitschrift ist immer dünner geworden und der europäische Anspruch muss sein. Neben der Seite für Hindernisläuferin Antje Möldner-Schmidt braucht‘s dann auch ausführliche Reportagen über den russischen Weitspringer Menkov, den französischen 800m-Läufer Bosse und die britische Lokalmatadorin Weightman. Wir sind eben Europäer und die Redakteure von „Leichtathletik“ eben auch.

Über die derzeitigen Besonderheiten der deutschen Teammitglieder erfährst du relativ wenig. Wenn interessiert eigentlich, warum unsere Deutsche Meisterin über 1500m zwar Jahresbeste ist, in Gateshead aber partout die 3000m laufen will. Oder warum der junge Dreispringer zwar Bester in Deutschland derzeit ist, aber doch nur im zweiten Ansatz ins Team gelangte. Da gäb’s doch so manche aktuelle Geschichtchen zum einen oder anderen mit dem Adler auf der Brust. Der DLV hat zwar einen Mediendirektor, aber so richtig auspacken will er auch nicht, außer, dass Deutschland diesmal nur Zweiter wird. Aber das wissen wir ja schon.

Die Info, wo man das Ganze am Samstag sehen kann, bekommt man leider nicht. Vielleicht bekommt man es gar nicht zu sehen, weil Eurosport dann das 24-Stunden-Rennen von Le Mans überträgt und das dauert eben 24 Stunden, wie der Name schon sagt. Weil dann das ZDF eine Zusammenfassung macht und sich dafür die Rechte gekauft hat, können wir den offiziellen Livestream auch nicht anschauen. Der ist nämlich in Deutschland gesperrt. Irgendwo werde ich dann wohl schon eine Internetadresse aus Russland oder sonst woher finden, mir dabei Schmuddelreklame einfangen, Probleme beim Download haben. Vielleicht bleibt dann auch wieder der Livestream genau dort stehen, wo es interessant wird, weil meine Ladekapazität nicht reicht. Aber wenigstens gibt es auf der EAA-Seite Liveergebnisse. Wenigstens das klappt.

Leichtathletik kann also multimedial so spannend sein, zumindest dann, wenn du just in time laufende Bilder suchst, den „Leichtathleten“ in der Hand, wo du wenig über deine deutschen Heroes erfährst. Aber wie gesagt, ich gehöre zu den Nostalgikern. Sch… doch auf die Aktualität. Im Mittelalter haben die Leute auch oft Wochen später erfahren, was passiert ist. Vielleicht sollte man am Sonntagabend nicht im Internet nach den Ergebnissen wühlen oder Kommentare zum Auftritt der deutschen Mannschaft suchen. Vielleicht sollte man bis zum Mittwoch Spannung aufbauen, wenn um neun Uhr der Postbote die Fachzeitschrift, deinen „Leichtathleten“ einwirft und du dich mit glühenden Backen auf die Neuigkeiten des letzten Wochenendes stürzen kannst.

 

Alles ist dann neu und toll, weil du das Internet ja vorher nicht gelesen hast, auch wenn es dann vielleicht für dich kein multimediales Erlebnis war. Das Heftchen ist zwar immer dünner geworden, du hast es aber noch. Da steht zwar nicht drin, was du wirklich lesen willst, aber vielleicht ist es nur eine intermediäre Störung. Auch in der Erdgeschichte gab es viele Eiszeiten. Vielleicht ist die Änderung zu „meinem“ Guten schon nächsten Mittwoch der Fall. Ich bin eben ein Nostalgiker und verliere nie den Glauben ans Gute. „Bis dass der Tod euch scheidet“, fragt sich nur, wer länger durchhält, „Leichtathletik“ oder ich.

 

von Kurt Ring