Hungrige Athleten sind nicht immer bequem

Regensburg, 24. Juni 2013 (orv) –  Gestern traf ich einen Kollegen. Der erzählte mir von seinen beiden Top-Athletinnen. Die eine, sagt er, ist meistens unzufrieden mit ihrer Leistung, wenn’s nicht ganz zum Sieg gereicht hat. Sch …Rennen schimpft sie nicht selten und wenn das aus irgendeinen Gründen ein paar Mal passiert, wird auch gleich ein Sch…Sommer draus, obwohl sie beileibe auch international immer wieder in den Medaillenrängen ist. Die andere ist eigentlich genauso gut, aber immer gut aufgelegt. Sie will einfach Spaß haben, dabei sein und dann kommt er schon, der Erfolg. Es ist einfacher mit der stets Zufriedenen nach dem Wettkampf, meint er, du musst nicht ständig nach Gründen suchen, warum es diesmal noch nicht nach ganz oben gereicht hat.


Ständig zerrt die Unzufriedene neue Gesichtspunkte heraus, wie es vielleicht noch schneller gehen könnte und im Training neigt sie dazu, immer schneller und immer mehr zu wollen, was eigentlich am Plan steht. Da ist es dann mit der anderen schon leichter. Die macht eben das, was auf dem Plan steht und wenn’s mal nicht so gut klappt, geht sie dennoch zufrieden nach Hause. Eines unterscheidet die beiden doch ein wenig. Wenn’s drauf ankommt, ist die stets Unzufriedene, die alles an ihr eher schlecht als gut sieht, in aller Regel da – einfach erfolgreicher.

Den Wettkampf vor der Haustür will sie gar nicht. Sie sucht den internationalen Vergleich und investiert dafür einiges. Bei der anderen können es schon mal die Bezirksmeisterschaften sein, sie ist einfach pflegeleichter. Das olympische Grundprinzip der Teilnahme verkörpert sie in Reinkultur, erzählt von den tollen Menschen die sie getroffen hat und der entspannten Atmosphäre. Man hört ihr gerne zu.

Mein Kollege beschreibt eigentlich das derzeitige Bild unserer Spaß- und Feiergesellschaft. Da passt der fröhliche, entspannte Verlierer pardon, natürlich Teilnehmer, besser ins Raster als der verbissene Gewinner, der nur dann strahlt, wenn er mit Bestleistung Gold geholt hat, ansonsten immer ein Haar in der Suppe findet. Er passt so gar nicht in das harmonische Gefüge der stets Zufriedenen. Und weil das so ist, wird er nicht selten mit Neid belegt, was man bei anderen Nationen noch anders verspürt.

Eigentlich, sagt mein Kollege, kommst du mit erstaunlich wenig Aufwand auch sehr weit, wenn du ein Talent bist und die Gefahr, dir weh zu tun, ist bei viel Training viel größer. Eigentlich macht das, sagen wir mal bei einer 1500m Leistung, oft nur eine Sekunde aus. Was ist das schon, das kann man doch vernachlässigen. Eigentlich stimmt das schon, was mein Kollege sagt, wenn man die Zeiten in der Bestenliste liest.

Dann musste ich mich an das Rennen meiner Spitzenkönneranfängerin, kaum 24 Stunden zurück, erinnern. Die ist inzwischen so gut, dass sie bei der Team-EM starten darf und am Fernsehen kommt, in diesem Fall war’s der Livestream. Unzufrieden war sie nach dem Rennen, weil sie nur Vierte geworden war, eineinhalb Sekunden hinter der Ersten, vier und drei Zehntel hinter der Zweiten und Dritten. Am Fernsehen schaut dies wie eine große Niederlage aus und oft entscheidet nur die Tagesform. Eigentlich war sie genauso gut wie die ersten Drei.


Eine Sekunde, was ist das schon auf langen drei Kilometern. Ganz oben, da geht’s aber immer um Zehntel und nicht selten machen dich drei Hundertstel zum Verlierer. Es ist schon verrückt. Für die zehn Sekunden mehr, um dran zu kommen an die Elite, brauchst Du Talent und ein bisschen Training. Für die wenigen Zehntel, um ganz vorne zu sein, musst du das Vielfache aufwenden, dich jahrelang schinden, der Spaß und Freudegesellschaft meist ade sagen, im Training Gras fressen, so manches Tief überwinden und hast dann immer noch nicht die Garantie, dass das alles auch klappt.

Solche junge Menschen gibt es doch kaum mehr, die dies wollen, meint mein Kollege. Vielleicht hat er Recht, wahrscheinlich sind sie wirklich weniger geworden. Vielleicht aber suchen wir sie gar nicht mehr, weil Vieles mit wenig auch zu erreichen ist, es immer noch genügend Talente gibt, um dabei zu sein und das bisschen Mehr für ganz oben einfach nicht mehr in die Köpfe derer rein will.