Die Saison 2013 der LG Telis Finanz hatte Haken und Ösen

Telis-Team13 TL-Cervia13 VolkefotoRegensburg, 2. August 2013 (orv) –  Wenn Kurt Ring, umtriebiger Chefcoach der „Blauen Gefahr“ noch vor den Weltmeisterschaften in Moskau seine Saisonanalyse macht, ist was schiefgelaufen. Er gehört nun wahrlich nicht zu denen, die immer alles schön, großartig und toll finden, auch dann nicht, wenn es um sein eigenes Team geht. „Natürlich, die Entwicklung des Ganzen über mehrere Jahre ist auch für mich beeindruckend“ und meint damit die derzeit bombastische Stellung seiner Zöglinge im deutschen Laufbereich, „aber so manches Ziel konnte heuer nicht erreicht werden, vor allem nicht beim Spitzenquartett, die allesamt im letzten Jahr bei den Europameisterschaften in Helsinki dabei waren.“


Es ist ja nicht so, dass Harrer und co nicht gepunktet hätte. Insgesamt auf zehn internationale Einsätze hat es das Team gebracht und sein Vorzeigeweibchen Coco Harrer hat zudem noch dreimal Edelmetall mitgebracht, von dem das Hallen-Silber von Göteborg besonders hell leuchtet. Die Möglichkeiten vor der Saison waren zumindest bei Corinna Harrer und Florian Orth mit Bestzeiten unter der diesjährigen WM-Norm da, die Umsetzung scheiterte jedoch auch an Umständen, die man nicht einfach einkalkulieren kann. Am Ende blieb es bei allen Vieren bei einer Saison, in der persönliche Bestzeiten Mangelware darstellten.


Darüber zu jammern, wäre ein Jammern auf hohem Niveau, weil solche Duftnoten im Bereich Lauf auch besondere Anlässe, sprich Rennen brauchen. Das hat wohl auch der Coach erkannt und bastelt akribisch an seinem eigen Meeting, um nicht nur seinen Lieblingen die richtige Plattform zu schaffen. Wenigstens einmal im Jahr und dann unter Bedingungen, wo man auch schnell laufen. Dann kam ihm aber der internationale Kalender dazwischen. Seine Langstreckler Philipp Pflieger und Maren Kock wollten unbedingt zum 10.000m Europacup nach Bulgarien und zum internationalen Rennen nach Hengelo und kamen dabei vom Regen in die Traufe. Nicht nur, dass die Hitze in Bulgarien schnelle Zeiten unmöglich machte und das Rennen in Holland ungünstig gestrickt war - Corinna Harrers verkorkste Schnittstelle Mitte Mai bis Anfang Juni auf Grund einer schlimmen Infektion muss hier und heute dann auch nicht noch einmal vertieft werden - auch der sensible Saisonaufbau für weitere Großtaten war empfindlich gestört. Lernen kann oft ganz schön wehtun.


Da waren aber dann auch die nationalen Titelkämpfe quer übers Jahr verteilt. Nie zuvor trat ein Regensburger Leichtathletikteam so dominant auf wie in diesem Jahr. Zwei Titel in der Halle durch Harrer und Orth, dazu der Sweep über 3000m Frauen, sieben Titel beim Cross mit dem vollen Medaillensatz durch Orth, Pflieger und Harrer und dem zusätzlichen Junioren-Gold von Coco Harrer, viermal Gold beim Halbmarathon mit Junioren-Gold für Jonas Koller und Silber für Carolin Aehling sowie Philipp Pflieger bei den Erwachsenen, erneut Junioren-Gold von Harrer über 10.000m, dazu ihre Silbermedaille bei den Frauen und jene unglückliche von Philipp Pflieger, der eigentlich Gold gewinnen wollte. Junioren und Frauen-Bronze für Thea Heim sowie Maren Kock kamen noch dazu. Bei der Junioren-DM in Göttingen vertritt Thea Heim Coco Harrer glänzend und holt sich ihren ersten Titel, Valentin Unterholzner überrascht mit Hindernis-Silber.
 
Die Deutschen Meisterschaften in Ulm vor jeweils 15.000 Zuschauern an beiden Tagen bringen 13 Platzierungen unter den besten Sieben, davon fünf auf dem Stockerl. Corinna Harrer wird zum dritten Mal in Folge 1500m Meisterin, was ihr letztendlich in Richtung WM nichts bringt. ‚Silber geht an Maren Kock und Philipp Pflieger über 5000m. Auf derselben Strecke holt Carolin Aehling Bronze genauso wie Florian Orth über 1500m. Bei den in Rostock ausgelagerten Langstaffelmeisterschaften überrascht die Frauen-Staffel auch ohne Harrer in der Besetzung Anna Plinke, Maren Kock und Thea Heim mit Silber, die Jungs mit Felix Plinke, Philipp Pflieger und Florian Orth verkraften ihr „Blech“ als Vierte nur schwer. Franziska Reng überrascht mit 3000m-Bronze und formidablen 9:51,53 mit U18-Bronze über 3000m. 35 Medaillen sind das unterm Strich und Kurt Ring ist sich dabei nicht einmal sicher, ob er denn nicht das eine oder andere Edelmetall vergessen hat.

International ist man seit letztem Jahr mit vier Mal EM und einmal Olympia doch sehr verwöhnt und die kalte Dusche in 2013 kam vielleicht zur rechten Zeit. Schon bei der Cross-EM im vergangenen Dezember lief es nicht nach Plan, weil Coco Harrers malader Zeh eben nur einen sechsten EM-Einzelplatz in der U23 und Mannschaftsbronze zuließ, Neuzugang Moritz Steininger den Schuh verlor und Chrissy Danner bei den Frauen als einzige deutsche Vertreterin zwar ein Ausrufezeichen setzte, aber im Feld der europäischen Eliteläuferinnen natürlich als 33. keine Chance hatte.

Dafür zündete Corinna Harrer bei der Hallen-EM in Göteborg einen Kracher. Zuvor schon in Karlsruhe über 3000m auf 8:51,04 verbessert, stürmte sie hinter der Portugiesin Sarah Moreira auf den Silberplatz. Ein wenig Anteil an Team Silber bei der Team-EM Ende Juni in Gateshead hatte sie mit Platz vier über 3000m dann eben auch und das Unternehmen U23-Junioren-EM in Tampere Mitte Juli darf für das Ass von der LG Telis Finanz durchaus auch als Erfolg gewertet werden. Sicher war sie nach Silber und dem insgeheim erhofften, aber dann verpassten Gold, zunächst einmal enttäuscht. Festzuhalten bleibt aber, dass sie hinter der Überraschungsmeisterin Tercic aus Serbien, mit 4:07.71 die zweitschnellste Zeit lief, die jemals bei solchen Meisterschaften erzielt wurde, und vor allem sie selbst ganz allein verantwortlich war, dass es so schnell wurde.

„Hinten wird die Ente fett“, beliebt Coach Ring des Öfteren zu sagen und hinten gingen der Regensburgerin nach einer sagenhaften Normen-Treibjagd unter den gesundheitlich problematischen Voraussetzungen eben die Körner aus. Mit der WM-Qualifikation wurde es dann eben doch nichts. Für Florian Orth kam das allmähliche Einsehen schon während der Saison. Im Winter noch problemlos für die Hallen-EM qualifiziert und äußerst unglücklich am Finale gescheitert, erreichte der Regensburger im Sommer nie die Form, die WM-Träume hätten reifen lassen können. Während 15:18 für Maren Kock als WM-Norm am Rande noch vorstellbar waren, waren es jene 13:15 für Philipp Pflieger eben dann doch nicht. Die logische Konsequenz: Er geht ab jetzt auf die Straße, Richtung Marathon, will aber bei der EM 2014 noch einmal die 10.000m auf der Bahn erleben.

„Es war eine komische Saison bisher“, sagt Teamchef Kurt Ring, „irgendwie waren wir stark wie nie zuvor, aber irgendwie waren wir auch oft zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort“, und meint damit solche Dinge wie Thea Heims verspätete Normerfüllung für die U23-EM oder jene auch im Zivilleben äußerst selten auftretende Salmonellen-Infektion von Corinna Harrer. „Wir brauchen mehr Zeitpuffer, um solche Misslichkeiten besser auffangen zu können“, analysiert er weiter und hat auch schon fast das ganze Team jetzt Ende Juli in den Urlaub geschickt. Es soll in weiten Teilen ein „heißer blauer“ Herbst werden, aber der gehört nach leichtathletischer Zeitrechnung schon wieder zu 2014. Der ganz lange Anlauf zur nächsten Saison ist reiflich überlegt. Denn dann gibt es im August, genauer gesagt vom 12. bis 17., wieder Europameisterschaften. Im europäischen Kultstadion, im Letzigrund zu Zürich werden sie stattfinden und die Regensburger Asse wollen natürlich dabei sein.

„An der Abfolge von Trainings- und Wettkampfblöcken müssen wir noch feilen, auch wenn es auf Kosten der einen oder anderen Meisterschaften geht, damit die Endausprägung der Höchstform besser gelingt“, sagt Kurt Ring am Ende und sitzt jetzt schon wieder über den Planungen für das nächste Jahr. Sechs sichere B-Kader mit bereits erfüllter B-Kadernorm (Orth, Harrer, Heim, Soethout, Koller, Steininger) hat er dann zu betreuen, und zwei weitere, bei denen man im Falle der beiden Langstreckler Philipp Pflieger und Maren Kock – jeweils nur um 54 bzw. 1 Hundertstel von der Richtzeit entfernt – an einer Aufnahme nicht zweifeln muss. Carolin Aehling will jene Richtzeit dann im Frühherbst auf der Halbmarathondistanz auch noch erfüllen.