Kein Nachhaken,  sondern Beschreibung einer komplizierten Entwicklung

Harrer-London2012-gebeugtRegensburg, 3. August 2013 (orv) –  Am Abend des 20. Mai diesen Jahres war die Welt der Läuferin Corinna Harrer noch in Ordnung. Sie hatte acht Tage bestes Training hinter sich, war optimistisch, optimal in die Saison einsteigen zu können: Zuerst bei einem obligatorischen Testrennen in heimatlichen Gefilden, dann bei Diamond league Meeting in Rom, wo sie bereits letztes Jahr mit ihrem Immer-noch-Allzeitrekord von 4:04,30 geglänzt hatte. Es war Pfingstmontag und ein lauschiger Grillabend mit den Eltern stand auf dem Programm. Am nächsten Vormittag aber war die Welt der Corinna Harrer ins Wanken geraten.


Nachmittags klingelte das Telefon bei ihrem Coach Kurt Ring: „Ich habe Durchfall – ziemlich stark, ich kann heute unmöglich trainieren.“ Wenn seine Coco freiwillig auf Training verzichtet, konnte dies nichts Gutes sein. Na gut, Durchfall kann jeder einmal bekommen, warum nicht seine Athletin. Der übliche Satz, den man in solchen Fällen dann meist sagt, wird auch hier wohl gefallen sein. „Bleib mal im Bett, morgen schaut die Welt wieder ganz anders aus, morgen machen wir halt dann eine Regenerationseinheit …“

Zwei Tage später war die Welt der beiden noch mehr in die Schieflage geraten. Der Durchfall war immer noch da, Bauchkrämpfe kamen dazu. Dank der Bekanntschaft des Chefarztes des Kelheimer Kreiskrankenhausens, Dr. Reng, im Privatleben Vater einer Teamkollegin von Corinna, wurde wenigstens keine Zeit für eine richtige Diagnose verspielt. Relativ schnell war klar, dass sich die Regensburgerin eine Salmonellen-Infektion eingefangen hatte. Die nächsten zehn Tage war allein der Gedanke an Training ein unsinniger, absolute Ruhe und die Einnahme von starken Antibiotika war angesagt.

„In zehn Tagen kannst du wieder joggen, in vier Wochen bist du wieder fit, die Ursache ist erkannt und wird erfolgreich bekämpft“, meinte der Intensiv-Mediziner beruhigend. „Das packen wir schon wieder“, beruhigte der Trainer. Was sollte er schon anderes tun. „Die Welt ist beschissen“, klagte die Athletin nicht ohne Grund und mit dieser Meinung war sie wohl auch nicht alleine, auch wenn ihr das zu diesem Zeitpunkt keiner so zu sagen wagte.

Zu Hause hockte ihr Coach und brütete, woher die Norm für die U23-EM in Tampere herkommen sollte. Stichtag 17. Juni, dem Tag, an dem Corinna keineswegs Deutsche U23-Meisterin werden wollte. 4:16 Minuten sind normalerweise für sie kein Aufwand. Diese Zeit war aber garantiert in keinem Fokus ihrer vermeintlichen Gegnerinnen von Göttingen. Im Vorfeld war erreicht worden, dort nicht, wie alle anderen U23-EM-Aspiranten laufen zu müssen. Sie wollten auch jetzt nicht hin, Athletin nicht und auch der Coach nicht. International gesehen hätte sie auch ohne Rennen die Norm gehabt. Schließlich war sie im letzten Jahr eine 4:04,30 gelaufen und Zeiten unter 4:10 serienweise, international war auch der Zeitraum 1.1.2012 bis 24.6.2013 als Qualifikationsbereich terminiert, doch national schaut die Sache dann ganz anders aus.

Der DLV fordert die Leistung bei einer Freiluftveranstaltung 2013 und Regeln, die einmal geschrieben sind, hat der Verband praktisch noch nie umgangen. Den Vorstoß bei den entsprechenden Gremien ersparte sich der Trainer. Ein Zeichen von oben trotz vorsichtiger Thematisierung durch den Heimtrainer beim Bundestrainer kam auch nicht. Indessen rückte Rom am 6.6. immer näher und der Coach war froh, dass sein Schützling drei Tage vor dem Rennen, im zweiten Training überhaupt, wenigstens eine Stadionrunde in 61 Sekunden hinbrachte. Nichts hätte er dagegen gesagt, wenn seine Athletin auf Rom verzichtet hätte, nach dem Motto „Das war’s, es ist sinnlos“. Die finale Weichenstellung kam dann ganz allein von der Athletin. Die sagte nur zwei Worte: „Ich fliege“.

Wenn eine Corinna Harrer dies so sagt, weiß Kurt Ring, dass ihr Entschluss unverrückbar ist und in diesem Fall nur noch eins half, nämlich beten. „Schau, dass du durchkommst“ gab er ihr mit auf den Weg und wusste nicht, ob sie seine Unsicherheit erkannt hatte. Noch nie hatte er so gezweifelt, noch nie war ihm das so schwer gefallen. Sollte die so hoffnungsvoll begonnene Saison jetzt schon wieder zu Ende sein? Sollten alle Träume der beiden verflossen sein? Wo ging’s denn bitteschön lang?

Der Abend des 6. Juni war für den Coach wohl einer der sportlich grausamsten. Der furchtbar schlechte Livestream blieb natürlich obligatorisch beim Startschuss stehen. Als er wieder lief, waren in Rom nur noch siebenhindert Meter zu laufen. „Ist sie noch dabei“, fragte er seine Frau, “du siehst besser, oder ist sie schon draußen.“ Die Athletin beschrieb die Tortur auf ihre Weise: „In allen meinen Rennen vorher habe ich nicht daran gedacht auszusteigen, hier war’s alle hundert Meter der Fall“. Die Geschichte ist inzwischen bekannt, sie blieb drin und lief eine 4:08,23. Eigentlich ist sie eine, die bei Wettkämpfen ohne ihren Trainer vor Ort, diesen zu Hause schon mal einige Zeit warten lässt. Diesmal war vieles anders. Keine fünf Minuten später war sie am Handy: „Ich bin 4:08 gelaufen und fix und foxi.“ Der hätte sein tolles Mädel einfach nur gerne in den Arm genommen. Wenigstens Tampere war damit gesichert, dort, wo sie unbedingt noch eine Nachwuchsmedaille holen wollte.

Dass sie dann zwei Tage in Regensburg noch die 800m lief, war eine Herzenssache, methodisch vielleicht ein Fehler, psychisch für sie aber ein Muss. Es war ihr Publikum. Gut die Hälfte der immer noch spärlich vertretenen Gala-Besucher war wohl allein wegen ihr gekommen. Sie genießt jedes Jahr das Bad in der Menge und es war beinahe schon egal, dass sie nur Dritte und zudem um zwei Hundertstel von einer Deutschen geschlagen wurde. Die Welt schien sie wieder zu mögen. „Wenn du in diesem Zustand 4:08 laufen kannst, dann sollten die 4:05,50 kein Problem sein“, beruhigte der Trainer vordergründig seine Athletin und insgeheim natürlich auch sich, „es ist alles nur eine Frage des richtigen Rennens.“

Zuvor aber musste noch die Aufgabe bei der Team-EM in Gateshead erledigt werden. Die 3000m waren schon lange geplant und die Athletin wollte diese auch nach all der Vorgeschichte unbedingt laufen. Sie freute sich darauf und vor allem darüber, dass Wolfgang Heinig, ihr Bundesteamleiter, das Versprechen von der Hallen-EM für diese Strecke nie in Frage gestellt hatte. Vertrauen, das sensible Hochleistungsathleten eben brauchen und auch ihr Coach, beileibe kein Jasager bei den Bundestrainern, zog vor solch ungewohnter Loyalität den Hut.

Wie recht sollte er doch mit seiner Aussage „des richtigen Rennens“ behalten. Das sollte es dann in Ostrava und in Birmingham geben. Beim ersten erkannte Corinna zu spät, „dass sie eigentlich auf der letzten Runde nur hätte durchziehen müssen.“ Irgendwie war ihr gar nicht bewusst, wie nah sie mit ihren 4:06,60 eigentlich schon an der geforderten Zeit dran war.“ In Birmingham erhielt sie dann den nächsten Nackenschlag. Eine Gegnerin trat ihr den Spike herunter und anschließend mit den spitzen Dornen auch gleich noch ins empfindliche Fersenfleisch. Geschockt gab die Regensburgerin auf -  viel zu spät, erst eine Runde vor Schluss, barfuß und erheblich verletzt auf höchstem Niveau mit der Weltklasse bis dato mitlaufend.
Und wieder stand alles Spitz auf Knopf, gerade einmal sechs Tage vor den nationalen Titelkämpfen in Ulm. Die Mediziner in Birmingham hatten schon top gearbeitet, jene  in Regensburg genauso gut. Nach zwei Tagen Pause wollte man den Fuß testen, der immer noch stark schmerzte, der aber nach einem eiligst gemachten MRT für ansonsten renntauglich befunden wurde. „Nix da, ich will noch einmal richtig trainieren“, meinte Corinna, biss auf die Zähne und zeigte die wohl beste Serie, die sie jemals gelaufen war. Wo ein Wille ist, ist anscheinend auch ein Weg.

„Sie solle doch Ulm auslassen“ empfahl der Bundestrainer, „Tampere wäre wichtiger, da geht’s immer noch um eine Medaille.“ Das wusste auch ihr Coach, der wusste aber auch, dass die Medaille sehr schnell weg sein würde, wenn sein verunsicherter, gedemütigter und nicht nur am Körper angeschlagener Schützling in diesem Zustand in ein EM-Rennen gehen würde. Und wieder traf sie ganz allein jene Entscheidung, die auch der Trainer wollte, spürte und auch im Innern unterstützte. Sie allein war zu der Überzeugung gekommen, in Ulm laufen und gewinnen zu wollen, was sie dann auch eindrucksvoll tat.

Mit einem großen Sack voll Selbstbewusstsein, aber auch der Tatsache, dass zielgerichtetes Training in den letzten sieben Wochen, bedingt durch eine eher unglückliche und trotzdem unabdingbare Rennfolge, nur eher ganz selten stattfand, ging’s schon einen Tag nach Ulm zu den Europameisterschaften. Geeicht auf die erfolgreiche „Ulmer Renn-Strategie“ sah Trainer Ring im EM-Vorlauf „die beste Coco, die er je gesehen hatte“. Fatalerweise sollte sich am nächsten Tag seine Warnung bewahrheiten, die er immer dann anbrachte, wenn Corinna ihre Gold-Vorstellungen vor der Junioren-EM vorbrachte. „Diejenige, die dich dort schlagen will, muss eine sehr Gute sein. Damit, dass es sie gibt, musst Du aber leben. Es ist einfach das Schöne und Unwägbare im Sport.“ Wie recht er doch hatte. Erneut kam Coco nur auf Platz zwei ins Ziel und doch – die neue Europameisterin musste alles geben, neuen Meisterschaftsrekord laufen, dahinter blieb Corinna auch noch unter der alten Bestmarke.

Sie war traurig ohne Ende, vielleicht auch zornig oder sogar ein wenig ratlos, weil sie augenscheinlich im Rennen alles richtig gemacht hatte. Er hatte ab diesem Moment, vielleicht auch schon Stunden vorher, den Draht zu seiner Athletin ein wenig verloren. Für solche Fälle fehlt der Läuferin einfach noch der Automatismus, wie man mit solchen Situationen, nicht zuletzt der Favoritenrolle, umgehen muss. Es war dann wohl auch besser, dass Teamleiter Wolfgang Heinig ruhig mit ihr die Rennanalyse vornahm, ihre Selbsteinschätzung lobte. Trotzdem, der innere Druck war bei ihr da. „Das entspricht nicht meinem Anspruch“, sagte sie und man wurde den Eindruck nicht los, dass sie im Innersten den Erfolg als Verlust verbuchte. Von der Grundstimmung hatte sie Gold verloren und nicht Silber gewonnen. Ein warmer Händedruck, aber nichts zum weiteren Vorgehen kam vom Cheftrainer.

In solchen Fällen verselbständigt sich Corinna Harrers Problembewältigung gerne. Die Dinge möglichst rasch und möglichst radikal zu erledigen ohne überhaupt auf Hilfe zu warten, mag wohl vordergründig die Seele ablenken, Lösungen kommen dabei aber nicht schneller zum Tragen, zumal dann, wenn das ganze System stark verunsichert ist. Spekulationen schießen ins Kraut. Die 4:05,62 ihrer Konkurrentin Diana Sujew sah sie als willkommene Herausforderung, ihr Trainer eher als unerwünschte Ablenkung vor dem EM-Finale. Tatsache war aber, dass wohl ein Sujew-Lauf unter 4:05,50, der A-Norm, objektiv besser gewesen wäre, dann wäre sie wieder alleinige B-Norm Besitzerin gewesen. Sie wollte jetzt zur Diamond league nach Monaco, der Trainer empfahl Bottrop. Den Entscheidungskonflikt mussten beide nicht ausfechten, weil sie nicht ins Monaco-Starterfeld aufgenommen wurde.

So schluckte sie denn die ungeliebte Pille Bottrop, unterstützt von einer eigenen Tempomacherin. Teamkollegin Thea Heim hatte sich bereit erklärt, Tempo zu machen, was sie auch außerordentlich gut hinbrachte. Eine zweite ukrainische Pacemakerin führte noch bis 950 Meter, zu wenig an diesem Tag. „Was immer Corinna gemacht hätte, es hätte nicht zum Ziel geführt. Das Rennen, wie auch tatsächlich geschehen, bei tausend Meter in die Hand zu nehmen, dafür hatte Corinna nicht mehr die Spannkraft. Hinter Diana Sujew zu bleiben und auf den starken Endspurt zu hoffen, hätte vielleicht den Sieg gebracht, aber die Zeit wäre noch langsamer gewesen“, kommentiert der Trainer. Wie auch immer, das Rennen war für die Katz  und hinterließ eine Coco Harrer, die versuchte, nach außen souverän damit umzugehen. Tief im Innern mag’s wohl anders ausgesehen haben. Es brodelte, bei ihr und beim Trainer.

Das sehr intensive Gespräch, das Coach und Athletin dann bei der extrem langen Heimfahrt hatten – die NRW-Ferien hatten begonnen und die Autobahnen gegen Süden waren dicht –werden beide wohl nie preisgeben. „Es war wichtig und für meine Athletin wohl zielführend“, sagt der Trainer dazu und fühlt sich bestätigt, weil sein Mädel ab da wieder lossprudelte und auf ihn zuging. „Mein Trainer kann ganz schön hart sein, ich brauch das aber“, kommentiert Corinna gern solch Aussprachen. Der Prozess, am Ende der schwierigen Saison dann doch noch „an jenen magischen Ort des Olympiastadions zurückzukehren“, der dauerte noch einige Stunden, obwohl ihr der Coach noch kurz vorher auch die volle Unterstützung für ein „gemachtes“ Rennen in Pfungstadt nach dem WM-Nominierungstermin zugesagt hatte. Die WM Hetzjagd hatten hier bereits beide ad acta gelegt. „Sollen sie mich doch mitnehmen, wenn sie wollen oder sollen sie mich zu Hause lassen. Es ist egal. Am 29. Juli bin ich klüger“, sagt die Athletin dazu. „Pfeif auf die Zeit, lauf ein gutes Rennen, egal, wie schnell es ist“, sagt der Coach. Sie haben Frieden geschlossen mit sich und der WM-Saison. Das Rennen selbst muss man nicht kommentieren. Corinnas Akku war leer, das Ergebnis entsprechend. Ein Hochleistungskörper lässt sich nicht austricksen, zu viele Körner wurden während des Jahres verbraucht, letztendlich fehlten die am Ende.

Vielleicht hätten sie Hilfe gebraucht an einigen entscheidenden Weggabelungen, vielleicht auch nur einen Tipp, wie sich dieses namenlose Gremium BAL ein erfolgreiches Vorgehen Richtung WM in Höchstform vorstellt. Vielleicht einen kleinen Vorschuss an Vertrauen, das sie so wohlwollend einmal seitens Teamleiter Wolfgang Heinig hinsichtlich der Team-EM schon erhalten hatten. Vielleicht sehen sie das – wohlweislich aus ihrer Sicht – auch falsch. Ein Gespräch könnte helfen, auch wenn’s erst nach dem Ganzen stattfindet. „Hochleistungssportler sind keine anonymen Erfolgsgaranten, die die nationale Medaillenbilanz zu verbessern haben. Es sind sensible Geschöpfe, die gemocht und verstanden werden wollen“, so das abschließende Credo des Heimtrainers und er will das als konstruktive Kritik verstanden haben. Wir schreiben inzwischen den 2. August, der Bundestrainer hat heute mit der Athletin telefoniert.