Theorie und Praxis klaffen oft weit auseinander

Regensburg, 30. August 2013 (orv) –  Allein der offene Disput zwischen DLV-Präsident Dr. Clemens Prokop und Lauf-Teamleiter Wolfgang Heinig zum Thema „Duale Karriere im Hochleistungssport“ ist mehr wert als eine oberflächliche Betrachtung. Im Grunde haben sie mit ihren beiden Statements beide recht, was ihren Bereich angeht: Hier der Präsident mit seiner Verantwortlichkeit für seine Athleten mit der Zeit nach dem Leistungssport, dort der Cheftrainer mit dem Auftrag international konkurrenzfähig zu sein, was zumal, wenn es die Sache Laufen betrifft, keine einfache ist. Die duale Karriereentwicklung als die einzige Alternative in der deutschen Hochleistungsleichtathletik zu sehen, kommt populistisch natürlich glänzend an, ist aber in vielen Fällen ein Weg, der zumindest sportlich nicht immer zum Ziel führt.
Es gibt in Deutschland durchaus Ansätze, die praktikable Lösungen beinhalten. Das System der „Sportsoldaten“ bringt zumindest finanziell eine zeitweilige existenzielle Absicherung, führt aber in den meisten Fällen nicht unbedingt über in ein späteres Berufsfeld. Die Situation bei den Sportförderstellen der Polizei ist dann schon eine bessere. Es wäre aber albern, nun zu fordern, dass alle Hochleistungssportler Polizisten oder Soldaten werden sollen. Mit diesen beiden Bereichen verlassen wir dann auch schon die Systematik. Alles andere, was dann in Sachen „dualer Karriere“ passiert, sei es Ausbildungsgänge oder universitäre Erleichterungen, ist stark personenbezogen, individuell angepasst, vom unmittelbaren Umfeld des/der Athleten/In geordnetes Feingefüge, das eben nur im speziellen Fall funktioniert und von einer Systematik weit weg ist.

Betrachtet man hier andere Systeme in der Welt, kommt Neid auf, aber auch die Erkenntnis, dass Deutschland auf Dauer im Hochleistungssport nicht konkurrenzfähig bleiben wird. Eins dieser Beispiele ist das amerikanische Collegesystem. Dort steht für die Besitzer eines Sportstipendiums - und die kommen aus der ganzen Welt und werden systematisch von Scouts angeworben - der Leistungssport im Mittelpunkt. Schaut man nach Großbritannien, fällt der traditionell schon enge Bezug der Schulen mit dem Leistungssport auf und an den Unis ist es nicht anders. In Frankreich übernimmt der Staat ab einer gewissen Leistungsklasse die Verantwortung für ein Strecken der Studienzeit und Erleichterung bei der Ausbildung. In Japan sind Wirtschaft und Hochleistungssport eng miteinander verwoben. Zuerst übernimmt das Wirtschaftsunternehmen die soziale Absicherung des Sportlers, der später dann ausgebildet wird und als ebenso ehrgeizige zukünftige Arbeitskraft in der Firma bleibt.

Zumindest was die Gespräche mit den Universitäten und der Idee mit Wirtschaftsunternehmen angeht, hat Präsident Prokop wohl intensiv nachgedacht. Flächendeckend Brauchbares ist dabei aber noch nicht herausgekommen. Im Gegenteil die elitäre Ausbildung des Geistes steht derzeit mit der elitären Ausbildung des Körpers auf Kriegsfuß. Das verspüren viele Hochleistungssportler schmerzlich, wenn sie mal wieder erfolglos eine Verschiebung eines Prüfungstermins oder die Befreiung von einem Seminar bräuchten. „Ich verliere einen Schein nach dem anderen, weil ich auf Grund meiner sportlichen Zwänge die Prüfungstermine nicht wahrnehmen kann“, sagt die dreifache deutsche 1500m Meisterin Corinna Harrer. Eigentlich gibt es in vielen Fällen gar kein duales System, das wirklich funktioniert. Es sind Fallbeispiele, mehr nicht.

Nehmen wir doch hier gleich mal die Regensburger Beispiele: Vier von der LG Telis Finanz waren 2012 bei den Europameisterschaften dabei, eine sogar bei den Olympischen Spielen. Einer davon, Florian Orth, hat das mit einem klassischen Studiengang gepackt. Er studiert in München Zahnmedizin. Obwohl er es geschafft hat, stützt er doch Heinigs Bedenken zur dualen Karriere. In einem Interview bei der Mittelbayerischen Zeitung wird er von Claus Wotruba gefragt: „In Ulm habe ich nach der deutschen Meisterschaft einen nachdenklichen Orth erlebt. Da war der Zwiespalt: DM-Medaille schön, aber ich hätte gerne mehr. Ihre Klubkollegin Corinna Harrer meinte: Wenn der Flo jetzt Pause im Studium hat und konzentriert trainiert, könnte in Berlin mehr herauskommen – so wie 2012.“ Orth sieht nun seine eigene Konkurrenzfähigkeit bei weiterem „dualen“ Einsatz gefährdet: „Die Überlegung war ja schon vor dem Jahr da. Vergangenes Jahr habe ich es parallel zur Uni auch zur EM geschafft. Da aber hatte ich aber Phantomkurse, wo ich Puppen behandelt habe (Orth studiert Zahnmedizin, d. Red.). Bei lebenden Patienten wie in den vergangenen zwei Semestern kann ich nicht einfach mal nicht kommen. Vielleicht zeigt mir das Ergebnis beim ISTAF ja auf, dass mehr herauskommt, wenn ich mehr frei habe. Ich habe zumindest vor, dass ich 2014 eine Art Urlaubssemester nehme und nur einen Kurs über die Mittagsstunden belege. Dann hätte ich morgens und abends Zeit zu trainieren.“ Genau so und nicht anders sieht Wolfgang Heinig die Sache mit dem Hochleistungssport auch.

Bei Maren Kock sehen die Dinge auf den ersten Blick einfacher aus. Sie hat eine abgeschlossene Berufsausbildung, arbeitet Teilzeit in einer Lingener Apotheke und hat sich all die Dinge, die sie für den Hochleistungssport braucht mit ihrem Arbeitgeber selbst ausgehandelt. Für den Verdienstausfall kommt ihr Verein auf. Jene glücklichen Umstände nun als Beweis für ein Deutschland weit greifendes „duales System“ anzusehen, wäre dreist und der Verband kann in solchen Fällen eben einfach nur danke sagen, mitschwimmen mit dem Erfolg, der keinem System entspricht sondern ein glückliche individueller Umstand ist.

Philipp Pflieger, der Dritte im Bunde, ist seit heuer sichtlich froh, dass er sein Bachelor-Studium nun mit Erfolg beendet hat. „Lange wäre das nicht mehr gut gegangen, ich kann Herrn Heinig schon verstehen, wie sollst Du dich denn bei zweimaligem Training pro Tag, wo du dich oft an der Grenze des Machbaren bewegst, noch auf wichtige Prüfungen in der Uni konzentrieren. Dazu kommen noch die mehrmals wöchentliche Physiobehandlung, das zweimalige Krafttraining im Sportinstitut und die sonstigen Verpflichtungen, die du als Hochleistungssportler hast. Das macht sechs Stunden pro Tag Stressjob, den du natürlich gerne machst, aus. Wenn Du dann auch noch sechs Stunden am Tag für die Uni investieren musst, wo bleibt dann die Zeit für die bitter nötige Regeneration? So wie jetzt, wo ich ein bisschen Betriebswirtschaftslehre an der Fernuni in Ansbach belegt habe, kann ich mich endlich auf meine Laufkarriere voll konzentrieren.“

Symptomatisch ist auch der Fall der Regensburger Olympiahalbfinalistin Corinna Harrer, die im wirklichen Leben auch hinlangen kann. Nach dem Abitur wollte sie an der Regensburger Uni BWL studieren. Bis Weihnachten ist das im ersten Semester gut gegangen, dann hat sie hingeschmissen. „Entweder ich will im Sport Karriere machen oder hundertprozentig studieren. Ein bisschen geht bei mir nicht.“ Sie hat sich für den Sport entschieden, sich „dual“ bei der Fernuni in Ansbach eingeschrieben. Die Fehlzeiten sind inzwischen so groß, dass sie wahrscheinlich ähnlich wie Florian Schönbeck, der Olympia-Zehnkämpfer von 2004, 23 Semester braucht. Florian Schönbeck hat den dualen Ansatz geschafft, aber das waren noch andere universitäre Zeiten. 23 Semester sind heutzutage nicht mehr möglich. Corinna Harrer weiß das auch. Sie hat jetzt bei einem Bankinstitut eine Ausbildung begonnen. Der Arbeitgeber nimmt dort hundertprozentig Rücksicht auf ihren Hochleistungssport. Er soll die Priorität behalten, nicht dual, sondern übergeordnet. Das Paket hat ihr persönlicher Mentor ausgehandelt.

Natürlich gehen viele duale Karrierewege auch in der deutschen Leichtathletik gut, weil Menschen im direkten Umfeld des jeweiligen Leistungssportlers viel dazu beitragen, dass es funktioniert. Gerade für die ist es bitter, wenn sich die DLV-Verantwortlichen im sportlichen Erfolgsfall auf die Schulter klopfen und postulieren, dass "ihr" duales System bestens funktioniert. Ob sie dann auch mal nachgedacht haben, welche Gratwanderung jene Athleten in all den Jahren vollzogen haben und welche Herkulesaufgaben deren unmittelbares Umfeld gerade am Beginn von solchen Karrieren auf sich genommen haben? Oder haben sie einmal überlegt, wie viele sportliche Talente an der dualen Herausforderung scheitern? Clemens Prokop hat mit 23 Jahren als hoffnungsvolles Talent seine Leistungssportkarriere hingeschmissen. Er hat auf sein Jurastudium gesetzt. Ist er nun ein Beispiel oder ein Opfer für die duale Theorie? Wolfgang Heinig soll dem DLV wieder Läufer auf Weltklasseniveau besorgen. Das ist sein Auftrag. Darf er dann die duale Karriere als politisches Postulat des Verbandes nicht zumindest in Frage stellen? Man kann ihn durchaus verstehen, zumal er einer der wenigen ist, die auf dem Gebiet des Laufens noch Hochleistungssport ausbilden können.