Den Lauftakt gibt die Weltspitze vor, es sei denn, man will gar nicht dort hin

Harrer1-pulk DM2012 kiefnerfotoRegensburg, 19. Oktober 2013 (Kurt Ring) –  Alle staunten, als Langstrecken-Ikone und Olympiasieger Mo Farah mitten in der Vorbereitung zu den diesjährigen Weltmeisterschaften einen Europarekord über 1500m auf die Bahn zauberte. Das muss man anscheinend können, um auf den langen Strecken in der Weltklasse zu dominieren. Vielleicht macht Farahs Beispiel Schule und die ostafrikanischen Vorzeigeläufer über 5000 und 10.000m begeben sich auch mal zum Spaß auf die Unterdistanz. Ich möchte Wetten abschließen, dass keiner die Bahn über einer 3:33 verlässt. Wenn im Moskauer Finale über die zwölfeinhalb Runden der letzte Kilometer in 2:22 gerannt wird und die letzten 1500m auch noch in 3:40 zurückgelegt werden, scheinen jene Zeiten, die deutsche Mittelstreckler mit Zeiten um die 3:34 derzeit nur im günstigsten Fall auf ihrer Spezialstrecke erreichen wohl Voraussetzung dafür zu sein, um in der Weltklasse mithalten zu können und es waren im Moskauer Finale nicht nur zwei oder drei Athleten, die am Schluss noch dabei waren, sondern eher zwei Handvoll.


Unmöglich, könnte man aus deutscher Sicht sagen. Ist es das wirklich? Oder liefen nicht in der Vergangenheit deutsche Langstreckenstars am Beginn ihrer Karriere Unterdistanzleistungen dieser Güte? Einer ist dann später Europameister über die 5000m geworden, der andere sogar Olympiasieger. In deren Glanzjahren war dies möglich. Wenn man einen gewissen Harald Norpoth in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch dazu nimmt, umspannt dieser Zeitraum gut 25 Jahre. Es war einfach üblich, streckentechnisch weiter zu wandern, von den 800m zu den 1500m und von der Mittelstrecke zur Langstrecke. Irgendeiner hier zulande ist dann auf die Idee gekommen, dass allein der 400/800m-Typ der einzig erfolgsversprechende Weg zum Erfolg auf den zwei Runden sei. Damit hat man national der Langstrecke eine wichtige Leistungsressource genommen.

Hand auf’s Herz, der deutsche Lauf ist trotz immer wieder aufflackernder Hoffnungsträger in der breiten Leistungsspitze drittklassig geworden. Man nistet sich ein auf den zwei Stadionrunden, lässt sich national für Leistungen feiern, die in der Regel in den meisten Fällen nicht einmal für Europameisterschaften reichen, will vielleicht einmal „dabei“ sein und verschwendet keinen Gedanken, sich mal der nächstlängeren Strecke zu widmen. Bei einer harten Analyse müsste man den meisten gleich raten, von den 800m unter Umgehung der nächsten Distanzen sofort auf die 10.000m zu wechseln. Ich weiß, die Aussage ist hart, aber die internationalen Tatsachen lassen keinen anderen Schluss zu.

„Abartig“ meinte eine 800m-Kaderathletin zum Programm meines Schützlings Corinna Harrer im portugiesischen Trainingslager Anfang des Jahres. Ich weiß nicht, ob sie damit die Qualität oder die Quantität des angesprochenen Programms damit meinte. Tatsache bleibt für mich aber, dass es auch für 800m-Läuferinnen in den Wintermonaten mit 50 Kilometer Wochenumfang sicher nicht in die Weltklasse reichen wird. 53 Sekunden für die Stadionrunde sind zwar national gesehen „schnell“, aber mit ihnen allein ist im Weltgeschehen kein Blumentopf zu gewinnen. Wer in die Weltspitze will, muss wie die Weltspitze trainieren.

Zurück nun zur Langstrecke. Wenn man als Langstreckler mit 19 oder 20 Jahren hierzulande nicht auch zur nationalen Mittelstreckenelite gehört, wird’s wohl riesig schwer werden, diese Qualität mit 25 oder 26 Jahren in einem dann spezialisierten Langstreckentraining noch nachzuholen. Wie sagte mir doch ein Trainerkollege: „Ausdauer kann ich mit 24 Jahren immer noch trainieren.“ Das ist hierzulande keine isolierte Aussage. Ausdauer ist aber nicht wie lakazides Stehvermögen innerhalb von 10-12 Trainingswochen aufzubauen. Ausdauer besitzt man zwar wie eben auch die Grundschnelligkeit, aber deren spezielle Weiterentwicklung braucht viele, viele Jahre über eine Menge von Kilometern. Und die sind von Jahr zu Jahr auch nicht beliebig steigerbar. Der Trugschluss „Ausdauer macht langsam“ ist meines Erachtens auch so eine irreführende Aussage. Ich selbst werde als Trainer oft in die „Roadrunnerecke“ gesteckt, nur weil ich von ambitionierten Athleten zumindest 120 Kilometer in der Woche abverlange. Es spricht nicht für Corinna Harrer, Maren Kock oder Thea Heim, dass sie sowohl über 800m als auch über 10.000m in der Spitze mithalten beziehungsweise mithalten werden können, es spricht gegen einen Großteil deutscher Athletinnen, die das von ihrer Talentierung aus auch könnten, aber es in der Vergangenheit nicht komplex vorbereitet haben.

Auch wieder so etwas, was ich mir verkneifen sollte, weil’s nicht diplomatisch ist und ich mit meinen Athleten/Innen selbst im Glashaus sitze. Doch Hochleistungssport, sofern er international erfolgreich sein soll, ist im Ansatz radikal und lässt keine Kompromisse zu. Dabei sein ist einmal schön, aber ein zweites Mal nicht mehr, wenn man beim ersten „Dabeisein“ brutal verprügelt wird, schlicht und einfach gesagt, vorgeführt wird. All die Nachwuchsmedaillen – ich habe davon auch einige mit meinen Schützlingen gesammelt - sind letztendlich in der internationalen Top-Elite der Frauen- und Männerklasse Schall und Rauch, ein punktuelles Streiflicht für den Ausblick in eine neue Saison, aber keine Garantie für folgende Kontinuität. Natürlich werden bei den Anforderungen, die ein Hochleistungstraining beinhaltet, viele hängen bleiben und nur wenige ankommen. Ohne diesen Anspruch der Auslese wird aber wohl keine/r ankommen.

Was bleibt festzuhalten im Herbst des Jahres 2013? Deutsche Bahn-Langstreckler/Innen der Gegenwart verfügen in der Mehrzahl über zu geringe Unterdistanzleistungen um ganz oben anzukommen. Die wenigen, die das können, sind erst auf dem Weg. Ein breites Umdenken in Richtung Langstrecke findet in aller Regel noch nicht statt. Auch wenn’s unbequem klingt, die Weltspitze gibt trainingsmethodisch den Takt vor. Der lässt langfristig gesehen nur ein professionelles Vorgehen zu, was zur Folge hat, dass Laufen zur lebensbestimmenden Priorität wird. Da die Umfeldbedingungen (Schule, Berufsausbildung, Trainer, Laufzentren, Sponsoring etc.) in Deutschland im Vergleich zu anderen Nationen eher mittelmäßig sind und damit viele junge Talente im Dropout der Übergangsjahre zum Hochleistungssport hängen bleiben, wird man um eine klare und neue Strategie für die Zukunft nicht umhin können, eingedenk dessen, dass diese sicher erst zehn Jahre später auf den Langstrecken zum Tragen kommen wird.