Du ziehst mit einem Problem los und kommst mit drei anderen zurück

Regensburg, 1. November 2013 (Ring) –  Draußen ist es neblig und feucht. Das Thermometer zeigt am Morgen gerade einmal vier Grad an. Hilft nichts, es ist Training angesagt, auch an Allerheiligen. Beim Frühstück sehe ich eine Ansichtskarte vor mir liegen. „Liebe Grüße aus der Sonne Floridas. Uns beiden gefällt es hier super gut. Wir sind in einem netten Team, unsere Trainer sind freundlich und kompetent und allgemein ist die Betreuung hier, egal ob Uni oder Sport, sehr gut.“ Die Zeilen stammen von zwei meiner Nachwuchsathletinnen, derzeit sportlich mit amerikanischem College-Scouting für mindestens ein Jahr nach Amerika ausgewandert. Bis zu 20.000 Dollar nimmt man dort drüben über dem Teich pro Athlet/in in die Hand, um sie ins Hochschulteam zu locken. Dabei habe ich selbst ein Team mit zehn Mädels, die schneller sind als die beiden.


Wer will es den beiden verübeln, wenn sie tschüss sagen zum sportverhindernden Schul- und Studiensystem in Deutschland, wo Leistungssport - zumindest Hochleistungssport - mit Ausbildung nur noch schwer vereinbar sind. Ich würde ja gar nichts sagen, wenn deutsche Schulsysteme auf Grund ihrer außergewöhnlichen Qualität diese in früheren Jahren dort gern gesehene Freizeitbeschäftigung „Sport“ nicht mehr zulassen könnte. Stattdessen dümpeln unsere Bildungssysteme trotz extremen Beschäftigungsaktionismus und der totalen Verschulung in vielen Studiengängen innerhalb eines weltweiten Vergleichs im Mittelmaß herum. Na ja, das soll also das Land der Dichter und Denker sein.

Alles ist schwierig, wenn es in Deutschland um etwas außerhalb der Normabläufe geht. „Geht nicht, fast unmöglich, da kann man nichts machen“, sind dann die stereotypen Antworten, der Entscheider, die meist nach der Devise handeln „wenn ich nichts mache, kann ich auch nichts falsch machen.“ Du gehst zu ihnen mit einem Problem und kehrst mit dreien zurück, die aber nichts mit deinem Problem zu tun haben, sondern vielmehr mit deinen armen Gegenüber, der ständig Angst hat, Entscheidungen zu treffen, die er angeblich nicht verantworten kann.

Beispiel gefällig: Führerschein mit siebzehn. Den kann man erwerben und Mama oder Papa müssen dann immer dabei sein. In dringenden Fällen und außergewöhnlichen Fällen geht das auch ohne. Dann muss es das jeweilige Landratsamt genehmigen. Das geht in den meisten Fällen, wenn der Schulort einfach mit einem öffentlichen Verkehrsmittel nur kompliziert erreichbar ist. Das geht auch, wenn der Trainingsort dieselbe Konstellation zum Wohnort hat und man Kaderstatus hat, zumindest in den Landkreisen Regensburg und Neumarkt. Im Landkreis Kelheim, direkt neben den beiden anderen, geht das nicht, auch wenn man der einzige leichtathletische C-Kader weit und breit ist. „Das ist Ermessenssache“, sagen die Juristen. „Da könnte jeder kommen“, sagt der Landrat, „da kann man nichts machen“, sagt der Verband. Die einfachste Lösung wäre, wenn besagter C-Kader umziehen würde. Das ist nämlich einfacher als die Ermessensklärung des besagten Landrats.

Wechseln wir das Feld noch einmal. Weil ein gewisser Olympiastützpunktleiter in Bayern glaubt, die Leichtathletik müsste hierzulande das Gleiche tun wie der Skisport, um erfolgreich zu sein, streicht er von heute auf morgen die Physiotherapie von zehn Bundeskaderathleten/Innen. Natürlich sollen die nicht wie die Skisportler den Hang runter rasen, nein, sie sollen umziehen, diesmal gleich zu zehnt mit Trainer versteht sich ins fiktive Leistungszentrum, das in diesem Fall gar keins sein will. Der OSP-Leiter zentriert, von heut auf morgen, die Funktionäre schreiben Briefe hin und her, die Athleten/Innen ziehen nicht um. „Das Problem kann man nicht lösen sagen alle“, außer den Athleten und ihr Trainer. Inzwischen haben sich diese „physiotechnisch“ selbst organisiert. "Na also, „geht doch mit der Zentralisierung“, sagt der OSP-Leiter. „Problem gelöst“, sagen die Funktionäre, „wir können jetzt wieder an unsere Medaillen denken, die WIR bei den nächsten Meisterschaften holen.“

So ist es halt mit den klugen Satz nach „besten Wissen und Gewissen“ bei Entscheidungen, die hierzulande Entscheidungsträger zu treffen haben. Und weil das so ist, ist der Schuss durchs Außennetz des Leverkusener Stürmers Stephan Kießling auch ein Tor, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, nämlich ein Loch im Tornetz. Wo kämen wir denn da hin. Ein schlechtes Gewissen muss man nur haben, wenn das Regelwerk nicht befolgt wird, keineswegs wenn Lug und Trug herauskommt. Es geht schließlich um Millionen.

Um Millionen geht’s in der Leichtathletik selten. Wahr ist aber, dass viele noch nicht erfolgreiche Leichtathleten Sporthilfe bekommen, nicht viel, sondern eher wenig. Förderung nennt man das. Wenn sie erfolgreich sind, bekommen sie ein bisschen mehr, müssen dann aber einen bestimmten Prozentsatz ihres Gesamtsponsorings an die Sporthilfe wieder zurückzahlen. Das kann in bestimmten Jahren durchaus mehr sein, als sie bekommen. Damit man das weiß, müssen die Athleten ihre Einkünfte offen legen. Das haben sie in ihrer Athletenvereinbarung unterschrieben, für alle Zeiten selbstverständlich. Wenn sie das nicht tun, kommen sie nicht in die Nationalmannschaft. Zumindest ist die Situation freier als die in Katar, wo Profifußballer nicht mehr ausreisen dürfen, wenn sie nicht mehr genehm sind. Zumindest ausreisen dürfen deutsche Athleten noch, ob mit oder ohne Athletenvereinbarung, auch in die USA