Von Telis-Läufern und ihren veschiedenen Cross-Ansichten

Koller kiefnerFotoRegensburg, 05. Dezember 2013 –  Brüssel, Dublin, Albufeira, Velenje, Budapest und nun Belgrad, man kommt viel rum in Sachen Crosslauf. Einmal ersäufst Du im Schlamm der belgischen Hauptstadt, ein anderes Mal kannst Du an der Algarve Orangen pflücken, wiederum ein anderes Mal brennt der Tower am Flughafen der ungarischen Metropole und die Anreise wird zum Marathontripp. Dann geht wieder einmal bei einer Zwischenlandung dein gesamtes Gepäck verloren, stehst da mit fast nichts und hoffst, dass alles doch noch vor deinem Start ankommt. Gesammelte Horrorgeschichten aus der Historie von Cross-Europameisterschaften – mitnichten! Coco Harrer (LG Telis Finanz Regensburg), eigentlich noch junge U23-Läuferin im DLV-Team und doch schon mit der sechsten Teilnahme in Folge ein alter Hase, ist das alles schon passiert.


Flügel1 Tilburg13 StephanfotoKlimatisch sind die europäischen Titelkämpfe Anfang Dezember immer eine Herausforderung. Mal sommerlich warm wie im spanischen Torro bei Philipp Pfliegers erstem Einsatz oder eben klirrend kalt wie letztes Jahr in Ungarn, nichts ist unmöglich. Und wer glaubt, Coco Harrers Geschichten wären mit ihrem persönlichen Schicksal verknüpft, möge am Moritz Steiningers Missgeschick des letzten Jahres erinnert werden. Dem Telis-Junior wurde im Gewühl des Läuferpulks ein Spikeschuh vom Fuß getreten. Er versuchte das Unmögliche möglich zu machen und lief mit einem Schuh weiter und das auf äußerst unebenen eisig gefrorenen Schneeuntergrund. Dass das nicht ganz vernünftig war, musste er in einer dann folgenden zweimonatigen Reha-Pause zur Kenntnis nehmen. Auch kleine Helden kann der Cross so ganz schnell aus der Bahn werfen.

Steininger-Koller3 Darmstadtcross13 SteiningerfotoIn diesem Jahr gehen die beiden „jungen Wilden“ der LG Telis Finanz Moritz Steininger und Jonas Koller schon mit einem gewissen Erfahrungsschatz ins U23-Rennen. Ersterer, weil es schon sein dritter Einsatz bei solchen Titelkämpfen ist, letzterer, weil auch der bereits bei Junioren-Weltmeisterschaften internationale Luft geschnuppert hat. Beide wissen, dass man dabei sein muss, wenn die Cross-Meute losstürmt und man nie weiß, wann das lange Sterben beginnt. Es sei denn, man rennt um die Medaillen mit. Für Mo und Jonny, wie beide unter den Laufkollegen genannt werden, sind solche Erfolgsspekulationen kein Thema. Als Novizen in der U23 gehören sie zu den Jüngsten und sind froh, wenn sie am Ende der besten Zwanzig das Ziel erreichen. In der Mannschaftswertung ist allerdings ihr Hoffnungslevel etwas höher angesetzt und, wer träumt schon nicht einmal vom Podium bei einer EM.

Pflieger1 DM-Cross13 Kiefnerfoto„Wenn du da vorne bei den Ersten mitlaufen willst, musst du im Bereich von 13:20 oder 28:00 über 5000 oder 10.000m laufen können“, weiß Telis-Läufer Philipp Pflieger über das Männerfeld zu berichten, „möglichst weit vorne mitlaufen will ich schon, ob ich das aber kann, weiß ich nicht. Zunächst muss ich mal meinen Problembereich Startphase gut hinter mich bringen und im Cross kannst du schnell durchgereicht werden.“ Dass in diesem Jahr wieder eine deutsche Männermannschaft am Start ist, freut ihn sehr, und dass sein Teamkollege Julian Flügel auch dabei ist, umso mehr. Der gilt als echter Beißer. Vor zwei Jahren in Slowenien ist er um Platz 30 ins Ziel gekommen. Für Maren Kock, eine von zwei Deutschen im Frauenfeld, wird der heiße Ritt im Gelände allerdings zum absoluten Experimentierfeld. Das ganz Besondere der Cross-Europameisterschaften kennt sie noch nicht. Hopp oder topp könnte man sagen. Ein Platz in der ersten Hälfte des 80er-Feldes wäre ein Erfolg.

Harrer Heim CrossDM KiefnerEine, die den Erfolg im Crosslauf sowohl in der Einzelwertung als auch mehrmals mit dem DLV-Team auf dem Podium feiern konnte, ist Corinna Harrer. Ihr wird in ihrem letzten U23-Rennen ein Brocken vorgesetzt, den sie eigentlich nicht bezwingen kann: Sifan Hassan. Die gebürtige Äthiopierin – nach fünf Jahren in den Niederlanden Mitte November eingebürgert – startet in der in Harrers Altersklasse. Die 20-Jährige deklassierte zuletzt beim Cross in Tilburg (Niederlande) die Konkurrenz auf der zweiten Streckenhälfte und nahm 10.000-Meter-Europameisterin Ana Dulce Felix noch 20 Sekunden ab. Damit scheint der Titel vergeben. Mit Lokalmatadorin Amela Terzic (Serbien; 1.500 m) und Gulshat Fazlitdinova (Russland; 10.000 m) sind zudem gleich zwei amtierende U23-Europameisterinnen am Start. So trifft es Coco Harrer am härtesten von allen Regensburgern. „Vielleicht starten wir dann in fünf Jahren bei den äthiopischen Crossmeisterschaften, wenn endlich alle Äthiopier in Europa eingebürgert sind“, sagt der mitreisende Telis-Teamchef Kurt Ring mit einem gewissen Galgenhumor zur plötzlich entstandenen Kräfteveränderung im U23-Feld. Diesmal geht der Flieger aber noch am Freitag, pünktlich um 11.10 Uhr, Richtung Belgrad und nicht nach Addis Abeba.