Manchmal kann weniger viel mehr sein

1973-magerlWenn du als Läufer in den 60er oder 70er Jahren lebtest, ist es zurückblickend kaum zu glauben, dass wir so lange überleben konnten! Wir hatten Schuhe an, die eine Beleidigung für die Füße waren. Unsere Trainingsstätten waren Aschenbahnen, die sich meist in Staub oder Dreck auflösten. Einen Föhn besaß keiner. Wir gingen einfach auch mit nassen Haaren nach Hause, auch wenn’s zehn Grad unter Null hatte. Ohne Mütze versteht sich, der Frisur und der Mädchen wegen. Die Wettkampffahrten dauerten ewig, weil es meist über kurvige und holprige Landstraßen in schlecht gefederten VW-Käfern ging.


Wir tranken Wasser aus Wasserhähnen und nicht aus Flaschen. Wir liefen über frisch geackerte Felder, weil wir glaubten, das sei Crosstraining. Erst als wir das vier Tage hintereinander gemacht hatten und nicht mehr konnten, merkten wir, dass das doch nicht so richtig war. Schon als Kinder hatten wir morgens das Haus zum Spielen verlassen. Wir blieben den ganzen Tag weg und mussten erst zu Hause sein, wenn die Straßenlaternen angingen. Niemand wusste, wo wir waren und wir hatten nicht mal ein Handy dabei!

Wir haben uns oft verletzt, befanden uns fünfmal pro Jahr im Übertraining und wenn nichts wehtat, hatten wir wohl auch nicht richtig trainiert. Wir brachen Knochen und Zähne und niemand wurde deswegen verklagt. Es waren eben Unfälle. Niemand hatte Schuld außer wir selbst. Keiner fragte nach "Aufsichtspflicht" oder „Trainer, warum hast du mir das nicht gesagt“. Beizeiten hatten wir Härte geübt.  Als Jungs kämpften und schlugen wir uns einander manchmal grün und blau und die Mädels spielten Fußball wie wir, auch wenn sie öfter die Beine als den Ball trafen. Damit mussten wir leben, denn es interessierte die Erwachsenen nicht besonders. Wir aßen Schweinebraten, Brot mit dick Butter drauf, hatten keinen Ernährungsberater und wurden trotzdem nicht zu dick. Wir tranken mit unseren Freunden aus einer Flasche und niemand starb an den Folgen.

Wir hatten nicht: Playstation, Nintendo 64, X-Box, Videospiele, 64 Fernsehkanäle, Filme auf Video, Surround Sound, eigene Fernseher, Computer, Internet-Chat-Rooms und keine 5678 Likes im Facebook. Wir waren auch nicht digital vernetzt und den Begriff Homepage gab es noch nicht, geschweige denn eine eigene. Wir hatten ganz einfach Freunde, mit denen man sich immer treffen konnte. Wir zogen einfach los und trafen sie an immer denselben Stellen. Oder wir marschierten einfach zu deren Heim und klingelten. Manchmal brauchten wir gar nicht klingeln und gingen einfach hinein. Keiner brachte uns und keiner holte uns... Wie war das nur möglich?

Wir dachten uns jede Menge Spiele aus, mit Stöcken und Steinen und später mit allen Geräten, die wir im spärlich ausgestatteten Gerätekammerl fanden. Als echte Kinderhelden hatten wir schon gelernt, Würmer zu essen. Na ja, nicht alle, aber zumindest die mutigsten. Und die Prophezeiungen trafen nicht ein: Die Würmer lebten nicht in unseren Mägen für immer weiter und mit den Stöcken stachen wir auch nicht besonders viele Augen aus. Beim Straßenfußball durfte nur mitmachen, wer gut war. Wer nicht gut war, musste lernen, mit Enttäuschungen klarzukommen.

Manche Kumpel waren nicht so schnell oder ausdauernd wie andere. Sie waren einfach immer hinten dran. Das führte damals nicht zu emotionalen Auseinandersetzungen oder gar zum Besuch eines Psychologen. Krank ist davon auch keiner geworden. Unsere (Un)Taten hatten manchmal Konsequenzen. Das war so und keiner konnte sich verstecken. Wenn einer von uns gegen die Regeln oder Gesetze verstoßen hat, war klar, dass die Eltern oder andere Schutzbefohlene ihn nicht automatisch aus dem Schlamassel heraushauen. Im Gegenteil: Sie waren auch noch gegen uns! So etwas!

Unsere Generation hat eine Fülle von innovativen Problemlösern und Erfindern mit Risikobereitschaft hervorgebracht. Wir hatten Freiheit, Misserfolg, Erfolg und Verantwortung, vielleicht auch manchmal kleinere Komplexe. Mit alldem wussten wir umzugehen! Was wir vor allem hatten, waren sehr reelle Ziele. Olympische Träume hatte keiner, der mal bei bayerischen Meisterschaften teilgenommen hat. Zumindest hat uns keiner einen solchen geraubt, auch wenn wir sie doch insgeheim hegten. Heutzutage ist vieles anders.