Zur Problematik der Medaillenzielvorgabe durch den DOSB

Regensburg, 25. Februar 2014 (orv) – „Die Ziele haben wir definitiv nicht erreicht. Die Bilanz ist in der Tat enttäuschend“, sagt der deutsche Chef de mission Michael Vesper zum Abschneiden der deutschen Mannschaft bei den Olympischen Winterspielen in Sochi und meint damit, dass die Medaillenzielvorgabe des DOSB mit 30 Stück (unteres Ziel 27 Medaillen) bei weitem nicht erreicht wurde. Er liefert damit ein schlechtes Gesamtbild des deutschen Wintersports bei guten individuellen Ergebnissen mit vielen Überraschungen und entsprechenden Enttäuschungen. Woher die Verwalter und Controller des bundesdeutschen Sports jene Dreistigkeit einer 30-Medaillen-Forderung - oder sagen wir vielleicht auch Zielvorgabe - hergenommen haben, können ernsthafte Kenner der Sportszene sicher nicht nachvollziehen. Viele der in der Vergangenheit so erfolgreichen Verbände mussten in den letzten Jahren den Abgang von Disziplin-Ikonen hinnehmen und sind derzeit nicht in der Lage solche aus dem eigenen Nachwuchs wieder zu generieren. Wenigen Disziplingruppen, wie zum Beispiel den Rodlern, den Nordisch Kombinierenden oder den Skispringern ist das gelungen.
Zwischen Weltcupergebnissen und olympischem Edelmetall bestand schon immer ein enger Zusammenhang. Sportler die während der ganzen Saison im Weltcup den Ton angeben, sind in aller Regel auch bei der Medaillenvergabe stark beteiligt. In medaillenträchtigen Sportarten wie dem Eischnelllauf, dem Skilanglauf und dem Biathlon mit einer großen Anzahl von Wettbewerben taten dies deutsche Sportler eben heuer nicht. Hier blauäugig im Vorfeld dann Medaillen nach der Devise „es hat doch immer geklappt, es wird auch diesmal klappen“ hochzurechnen, ist wohl voll in die Hosen gegangen. Ein Spitzenverband, der eigentlich keinen Einfluss auf die Leistungsentwicklung hat, außer dass er die Gelder der Bundesregierung an die einzelnen Fachverbände verteilt und kontrolliert und die längst nicht optimal arbeitenden Olympiastützpunkte am Leben erhält, sollte zurückhaltender bei der Prognostizierung des deutschen Spitzensports sein.

Grundvoraussetzungen für den Spitzensport zu schaffen ist mehr als nur Gelder zu verteilen oder Vorstellungen zu produzieren, die fernab von den Realitäten der einzelnen Fachverbände liegen. Grundsätzliche Fragen, wie die Re-Integration des zukünftigen Leistungssports in alle Schulsysteme von 16 (!) Bundesländern, wie die teilweise Umorientierung der Lehrerausbildung vom Funsport zum seriösen sportlichen Wettkampfvergleich, wie die Zusammenarbeit  des Spitzensports mit allen Universitäten und Hochschulen im Sinne einer Studienvergünstigung für Hochleistungssportler und letztendlich die soziale Einbindung zukünftiger junger Leistungssporttrainer in den Schulsystemen im Sinne einer erneuten Manifestierung eines differenzierenden Sportunterrichts, sind mit den Regierungen der Länder und der Bundesrepublik Deutschland zu klären.

Nur so kann Deutschland im Weltvergleich konkurrenzfähig bleiben. Bisher drücken sich die Sportführer des DOSB um diese Herkulesaufgabe und zeigen sich lieber im Glanz der immer weniger werdenden Erfolge von Randsportarten wie Rodeln und Dressurreiten. Es war schon immer leichter bei medialer Präsenz vermeintlich kluge Luftblasen abzugeben als sich der wenig medienträchtigen Hintergrundarbeit zuzuwenden. Im bundesdeutschen Sport deutschstämmiger Natur kriselt es nicht erst seit gestern. Zwei Drittel der bundesdeutschen Olympiamannschaft der Sommerspiele in London hatten Migrationshintergrund und diese Sportler sind nur in wenigen Fällen in Wanne-Eickel, Garmisch oder Weilheim aufgewachsen. Dies ist ein deutlicher Hinweis, dass unsere Ausbildungssysteme nicht mehr mit dem (Hoch)Leistungssport zusammenpassen. Das muss nicht für alle Zeiten so bleiben. Andere Nationen machen es uns schon längere Zeit erfolgreich vor. Also liebe Leute vom DOSB, zählt weniger Medaillen im Vorfeld der großen Events, legt lieber im Hintergrund die Grundlagen, damit die Fachverbände wieder richtig loslegen können und nicht zwecks Talentmangels verhungern.