Aufgezeigt am Beispiel der 1500m

Orth11 DM13 KiefnerfotoRegensburg, 4. Juli 2014 (Kurt Ring) – Nominierungsrichtlinien sind gut und zielführend, wenn sie dem eigentlichen Ziel, die stärksten Athleten an den Start zu bringen, gerecht werden. Erfüllen die Nominierungsrichtlinien des Deutschen Leichtathletik-Verbandes diese Zielvorgabe oder beinhalten sie Nominierungsfallen? Was schon im Hinblick auf die Team-EM kritisiert wurde, mochte ich mit diesem Artikel exemplarisch aufzeigen am Beispiel der 1500m beiderlei Geschlechts.

 

In den Nominierungsrichtlinien heißt es unter 2.2 Nominierung der Athleten (3): Die Nominierungsentscheidung orientiert sich in den Einzeldisziplinen an den besten Leistungen, die im jeweiligen Nominierungszeitraum in den jeweils benannten Nominierungswettkämpfen erzielt wurden. Eingeschränkt wird dieser Passus für die Europameisterschaften in Zürich. Hier erhält die/der Deutsche Meister/in in der jeweiligen Disziplin Vorrang, sofern er die DLV-EM-A-Norm bis einschließlich zum Zeitpunkt der Deutschen Meisterschaften in Ulm (26./27.7.2014) erfüllt hat (Passus 3.1.2 (3).

 

Dies ist so zu verstehen, wenn nun im Vorfeld 4 und mehr Athleten/Innen die Norm erfüllt haben, fährt der Deutsche Meister und die weiteren beiden Zeitschnellsten nach Bestenliste unabhängig von ihrem Ergebnis bei den Deutschen Meisterschaften. Im Extremfall wäre dann auch folgendes Szenario möglich: Läufer A läuft die drittbeste Zeit innerhalb der A-Norm am 5. Mai, also sehr zeitfern zur EM und scheidet im Vorlauf von Ulm aus. Läufer B wird nur eine Hundertstel langsamer als Läufer A im Mai Dritter bei den Meisterschaften. Analog der Nominierungsrichtlinien müsste dann Läufer A nominiert werden.

 

Nun zur Realität: Bei der Nominierung zur Team-EM über 1500m Frauen bot sich Diana Sujew als eindeutig Schnellste mit einer 4:05,71 an. Da die Läuferin aber auch über 3000m die schnellste Zeit vorweisen konnte, entschied man sich bei ihr für die längere Distanz. Die bis zum letzten Rennen innerhalb des Nominierungszeitraums zweitschnellste Läuferin Elina Sujew wurde somit für die Team-EM über 1500m nominiert. Das Rennen in Dessau, in dem Elina Sujew nur viertbeste deutsche Läuferin wurde und dabei im Spurt nicht mithalten konnte, hatte keinen Einfluss mehr.

 

Eine absolut falsche Entscheidung, wie sich im Anschluss bei der Team-EM zeigte. Das Rennen in Braunschweig entwickelte sich wie all die Team-Entscheidungen in den Jahren vorher, zur reinen Spurtentscheidung ohne nennenswerte Endzeit. Elina Sujew zeigte das, was sie schon in Dessau gezeigt hatte. Auf der Zielgerade wurde sie fast von allen Konkurrentinnen überspurtet. Ihr Rennprofil weist die Hamburgerin leider nicht als starke Läuferin in Endspurts aus, sie generiert ihre Leistung aus einem schnellen Durchschnittstempo. Das hätte eigentlich auch der vorschlagende Bundestrainer und der nominierende leitende Bundestrainer wissen müssen. Die Nominierungsrichtlinien ließen aber wohl de facto keine andere Lösung zu, sieht man einmal davon ab, dass die persönlichen Verbandelungen in diesem Fall sowieso Spekulationen Tür und Tor öffneten.

 

Im Falle der 1500m Männer könnte sich nun bei den Männern ein ähnliches Bild ergeben. Homiyu Tesfaye und Timo Benitz scheinen auf Grund ihrer bisherigen 3:31 und 3:34, sowie der gezeigten Leistungen unanfechtbar. Sie gelten in Spurtentscheidungen (siehe Team-EM) als veritable Erfolgsathleten und sollten die Fahrkarte für Zürich bereits in der Tasche haben. Florian Orth hat mit seinen 3:36,88 von Dessau ebenfalls die A-Norm erfüllt, muss aber jederzeit damit rechnen, dass der in Dessau nur knapp gescheiterte Carsten Schlangen bis Ulm in irgendeinem Rennen kontert. Es kommt zu einem unglücklichen Fernduell zu verschiedenen Zeitpunkten und verschiedenen Orten bei völlig verschieden gestalteten Rennen. Wenn sie sich jeweils sicher sein wollen, müssen sie in den verbleibenden internationalen Rennen möglichst oft versuchen, ihre beste Leistung abzurufen. Der direkte Vergleich bei den Meisterschaften hat nämlich dann laut Nominierungsrichtlinien keine Bedeutung. Das ist in Hinblick auf Zürich unsinnig und erfolgsminimierend, weil letztendlich müde Athleten an den Start geschickt werden.

 

Was den Sport ausmacht, ist schließlich der direkte Vergleich, im Bereich Lauf faszinierend beim Kampf Mann gegen Mann. Weil das so ist, bestimmt man bei Europameisterschaften die Finalplätze nicht nach den Bestenlisten, sondern lässt Vorläufe und Halbfinals stattfinden. Also ein echtes Trial-System. Was wären zum Beispiel die Fußball-Weltmeisterschaften ohne Achtel-, Viertel- und Halbfinale im k.o.-System. Warum man dieses System, zudem absolut medienwirksam, bei den Deutschen Meisterschaften nicht zulässt, wissen wohl nur die, die die Nominierungsrichtlinien 2014 geschrieben haben. Die besten Meisterschaftsathleten werden sie damit sicher nicht finden.