Einer Leistungssport treibende Abiturientin denkt über die Schulzeit nach

Regensburg, 11. Juli 2014 (F.Reng) - „Und? Willst du abstimmen?“  Als mir diese Frage gestellt wurde, war ich fast ein bisschen überrumpelt. Momentan läuft in Bayern nämlich ein Volksbegehren. Bürger, die der Meinung sind, dass Gymnasiasten in Zukunft selbst entscheiden sollten, ob sie ihr Abitur nach acht oder neun Jahren in Händen halten wollen, können sich überall in Listen eintragen lassen. Das Ganze regt natürlich zu hitzigen Diskussionen an: Haben unsere Schüler zu wenig Zeit für zu viel Lernstoff?  Sollte man vielleicht sogar ganz zum guten alten G9 zurückkehren?

 

Eigentlich müsste man meinen, dass ich, als frischgebackene Abiturientin, eine recht klare Meinung zu diesem Thema haben sollte. Eigentlich. Denn eine Antwort auf die mir gestellte Frage konnte  ich, auch nach längerem Überlegen, nur schwer geben. Auf der einen Seite denke ich mir: Hey, ich hab’s geschafft, mein Abi. Und ich hab’s sogar verdammt gut gemacht. Und alle meine Freunde haben’s auch geschafft.  Nur von ganz wenigen hört man, dass sie durchgefallen sind und die Anzahl der Absolventen mit einer Eins vor dem Komma steigt von Jahr zu Jahr.  Also: Warum sollen das die, die nach uns kommen nicht auch schaffen? Acht Jahre Gymnasium reichen doch vollkommen aus, wir haben es uns ja selbst bewiesen!

 

Und auf der anderen Seite denke ich an die letzten paar Monate zurück.  Ich sehe mich, sehe all das, was hinter mir liegt und da sind, ich sage es nur ungern, wirklich sehr viele, sehr schlechte Erinnerungen dabei. Ich habe unheimlich viel gelernt und versucht, mein Bestes zu geben. Auf mir und all meinen Mitschülern lastete ein Druck, den wir uns beileibe nicht nur selbst gemacht hatten. Sie wissen schon, da hört man dann immer dieses Das-ist-für-deine-Zukunfts-Blabla der Eltern, der Lehrer und von allen möglichen anderen, die es ja nur gut meinen - und trotzdem genau das Gegenteil erreichen.

 

Nämlich, dass wir kaum noch andere Dinge tun außer Lernen.  Alles Weitere bleibt irgendwie auf der Strecke.  Zu Recht beklagen sich Musikschulen, Jugendorganisationen oder Sportvereine, dass ihnen die Nachwuchstalente oft schon lange vor der Oberstufe verloren gehen.  Die müssen jetzt nachmittags vor allem Hausaufgaben machen, manch einer braucht sogar Nachhilfe und dauernd stehen irgendwelche Prüfungen, Schulaufgaben, Klausuren oder auch unangekündigte Tests ins Haus. Wie soll man da denn noch Zeit haben für anderes? Zum Beispiel für den Sport? Und erst Recht für Leistungssport?

 

Ich habe versucht, mir bis zuletzt immer dieses bisschen Zeit freizuhalten. Am Tag auch mal ein paar Stunden zu haben, in denen ich den Kopf freikriege von dem ganzen Schulstress. Einfach loslaufen und mal an was anderes denken! Aber es hat nichts geholfen. Irgendwann war ich einfach an dem Punkt angelangt, an dem mich die Schule, das ewige Lernen, der Druck so sehr mitgenommen haben, dass ich nicht mehr leistungsfähig war. Mein Körper war kaputt, psychisch und physisch. Da ging nichts mehr.

 

 Jeder, der mich gesehen hat, wie ich während der Abi-Zeit bei Deutschen U18-Meisterschaften über 5000m, eigentlich ja mein Saisonhöhepunkt, sang- und  klanglos eingegangen bin, nach etwa 3 Kilometern aussteigen musste, danach wie ein Häuflein Elend weinend am Rand der Laufbahn saß und mir einfach nicht erklären konnte, was da gerade mit mir los war, jeder, der mich so gesehen hat, kann bestätigen: Da läuft doch was schief! Das kann doch einfach nicht richtig sein!

 

Zum Trost wurde mir von vielen ähnlichen Szenen bei anderen Wettkämpfen erzählt, teils auch in anderen Sportarten. Viele haben in der Oberstufe den Sport auch ganz aufgegeben. Ich finde das erschreckend. Und es macht mich einfach nur wütend. Mein Großvater sagt stets, Sport sei die schönste Nebensache der Welt. Und ich finde, er hat Recht. Klar: Schule, Ausbildung, Arbeit, das sind Hauptsachen. Man darf sie nicht vernachlässigen oder nur zugunsten sportlicher Ziele zurückstellen – es sei denn man hat den Sport zum Beruf. Aber sind es nicht trotzdem gerade diese „Nebensächlichkeiten“, die unser Leben lebenswert machen?  Der Eine hat eine Lieblingsserie, die andere spielt in einem Orchester, und wieder andere verbringen eben ihr Wochenende auf den „Deutschen“ oder messen sich einfach mit ihren Kameraden bei Vereinsmeisterschaften.

 

Wir treiben Sport, weil wir Spaß an der Bewegung haben. Und wir treiben Leistungssport, weil wir an unsere Grenzen gehen möchten.  Aber wir wollen doch nicht schon allein durch den Schulalltag an diese Grenzen stoßen! Sportler sind ja oft schon vom Charakter her Persönlichkeiten, die ehrgeizig sind, gut sein möchten, am liebsten die Besten. Und das dann natürlich auch in der Schule. Kein Wunder, wenn dann nicht mehr viel Zeit für anderes bleibt.

 

Selbstverständlich gibt es auch noch ganz Andere. Mein eigener Bruder, ein erfolgreicher Schwimmer und momentan Schüler der elften Jahrgangsstufe des Gymnasiums, ist dafür vielleicht das beste Beispiel:  Durch nichts und niemand lässt er sich aus der Ruhe bringen, auch nicht von der Schule. Er bringt im Sport auch vor den schlimmsten Klausuren seine Leistung, baut den Stress einfach durch den Sport ab.  Ob er ein neuntes Jahr Gymnasium nötig hätte? Ich wage es zu bezweifeln.  Aber schaden würde es ihm vermutlich doch auch nicht, oder?

 

Überhaupt: Warum um alles in der Welt müssen wir denn innerhalb von acht Jahren das machen, wofür andere vorher neun Jahre Zeit hatten? Wir stehen jetzt auch „nur“ ein Jahr früher da, mit einem Blatt Papier in der Hand, das uns bestätigt, dass wir nun im Besitz der allgemeinen Hochschulreife sind, dahinter noch eine Zahl mit einer Dezimale und jetzt:  Raus in die Welt mit euch! Manche von uns sind noch nicht einmal volljährig und sollen nun entscheiden, wie es weitergehen soll mit ihrem Leben. Ich persönlich finde das ein bisschen früh. Außerdem weiß ich auch noch nicht, was ich jetzt machen werde. Studieren? Praktika? Ausland? Ich weiß nur, dass ich jetzt endlich wieder mehr Zeit haben will für etwas, das mir wirklich Spaß macht: Sport, Laufen, Trainieren für meine Ziele.

 

Und ich will wieder was von der Welt sehen! Viel zu lange bin ich die letzten Monate an meinem Schreibtisch über Büchern gesessen, habe mir mit Volterra-Gesetzen, Newton’schen Iterationsformeln oder Staatstheorien nach Polybios die Nächte um die Ohren geschlagen, zu viel Kaffee getrunken, zu wenig geschlafen. Im September geht es deswegen erst mal nach Marokko. Momentan bin ich dabei, die Vorbereitungen dafür zu treffen. Einen Reisepass beantragen zum Beispiel.

 

Als sich die Frau vor mir auf dem Amt in die Liste für das Volksbegehren hat eintragen lassen, habe ich noch einen Moment gezögert. Dann habe ich mich ihr angeschlossen. Warum? Natürlich kann ich ganz egoistisch sagen, ich gönne es denen, die nach mir kommen genau so wenig: Warum soll ich den Stress haben und die nicht? Und bis meine Kinder zur Schule gehen, gab es vermutlich schon wieder die zehnte Schulreform.  Nein, es gibt einen ganz anderen Grund, der mich zu dieser Entscheidung bewegt hat: Weinende Gymnasiasten am Rand der Rennbahn und am Rande ihrer Kräfte möchte auch ich den nächsten Jahren bei Deutschen Meisterschaften einfach nicht mehr sehen!