… und keiner geht hin

Regensburg, 16. Juli 2014 (F.Reng) - Ein bisschen mutet es so an, wenn man sich die Teilnehmerlisten für die Bayerischen Meisterschaften am kommenden Wochenende in Regensburg anschaut. Gut, die Schülerklassen sind nach wie vor ganz gut besetzt. Da gibt es doch noch zumindest ein Dutzend an jungen Nachwuchstalenten, die sich beispielsweise im 2000m-Lauf der weiblichen Jugend U16 messen wollen. Aber schaut man bei den Laufdistanzen einmal in die höheren Altersklassen wird man nachdenklich: Für die 3000m der Juniorinnen U23 haben gerade einmal fünf Teilnehmerinnen gemeldet. Ob sie dann tatsächlich starten werden, ist erfahrungsgemäß bei weitem nicht sicher zu sagen.

 

Wo bleiben sie denn, all die Athleten, die Leichtathletik-Asse, die den bayerischen Landesverband auf nationaler und auch internationaler Ebene in ein so strahlendes Licht rücken? Sind sie sich zu fein, um bei den eigenen Landesmeisterschaften anzutreten? Das könnte man zumindest meinen, wenn man erfährt, dass vor allem Top-Läufer/Innen zum gleichen Zeitpunkt in der Ferne gemeldet sind. Statt eines Rennens vor der Haustür, für die Regensburger sogar im eigenen Trainingsstadion, treten sie die Reise ins weit entfernte belgische Heusden zur „KBC Night of Athletics“ an. Dort erwarten sie „unbekannte Gegner“ „Tempomacher“ „internationale Felder“, wie sie selbst sagen. All das, was ein Läuferherz höher schlagen lässt. Bayerische Meisterschaften sind dann schnell vergessen. Der Heusden-Hype schlägt zu, einen Titel zu gewinnen hat für sie keinen Wert mehr.

 

Die Asse der LG Telis Finanz artikulieren sich dazu sehr deutlich. Philipp Pflieger sieht sich momentan in der letzten Vorbereitungsphase auf einen möglichen  internationalen Saisonhöhepunkt: „Ich möchte jetzt meine eignen körperlichen Grenzen testen und im Idealfall verschieben, schließlich brauche ich über 5000m noch die EM-Norm von 13:35 Minuten“. Dafür zieht er verständlicherweise „schnelle, für Bestzeiten geeignete Rennen vor“, auch wenn sich diese nur im Ausland ergeben. Für ihn sind die Bayerischen Meisterschaften auch ein terminliches Problem, taktische Spielereien kann er jetzt nicht gebrauchen, er muss jetzt maximal schnell laufen. Viel lieber wären ihm kleinere Meisterschaften, wie es die „Bayerischen“ für ihn sind, eher „ab Anfang Juni“, wo meist die „Saure-Gurken-Zeit der deutschen Meetings“ beginnt.

 

Corinna Harrer, ihres Zeichens Olympia-Teilnehmerin, Vize-Europameisterin, mehrfache Deutsche – aber natürlich auch Bayerische Meisterin, pflichtet ihrem Mannschaftskollegen bei: „Leute auf deutschem Spitzenniveau finden aufgrund der leistungsschwächeren Meldungen keine Konkurrenz mehr. Und ohne Gegner, ohne einen tatsächlichen Kampf „Mann gegen Mann“ ist es einfach nicht möglich, Top-Zeiten zu laufen.“

 

Irgendwie finden es alle Befragten etwas schade, wenn der Sport immer mehr zur Jagd nach neuen Bestleistungen verkommt? Sind Landesmeisterschaften nur deshalb so dünn besetzt, weil hier keine adäquate Konkurrenz mehr zu finden ist? Das Meisterschaftsrennen als Trainingslauf zu gestalten und so auch mal andere, etwas leistungsschwächere Sportler zu Bestzeiten führen, hat Philipp Pflieger bei den Süddeutschen Meisterschaften im eigenen Stadion und auch schon bei der Sparkassen Gala vorgeführt. Es passt aber halt nicht immer und auch nicht für alle Asse.

 

Die Tops merken wohl zu Recht an, dass die Attraktivität der regionalen Veranstaltungen nach und nach, nicht nur für Spitzen- sondern vermehrt auch für Amateursportler abnimmt. In Heusden zum Beispiel erwartet sie stattdessen ein „top organisiertes Meeting“. Florian Orth gerät geradezu ins Schwärmen, wenn er von belgischen und niederländischen Meetings erzählt, wo „die Leichtathletik noch richtig zelebriert wird, vor allem mit uns manchmal vernachlässigten Läufern, verbunden mit einem Vor- und Nachprogramm bis spät in die Nacht hinein“.

 

Davon sind Bayerische Landesmeisterschaften, warum auch immer, nach Aussage vieler, die trotzdem immer wieder dabei sind, weit entfernt: Leere Zuschauerränge, langwierige, schleppende Zeitabstände zwischen den einzelnen Wettbewerben und eine oft träge Organisation nehmen der Leichtathletik hier den Reiz, den sie eigentlich verdient hätte, am Höhepunkt der weißblauen Saison: Landesmeisterschaften als Schnittstelle, an dem Hochleistungssport auf Amateursport trifft, Profi-Athleten auf Nachwuchstalente. Zwischen diesen Welten wird der Bruch immer größer, die einen hier, die anderen da, die Zwei-Klassen-Gesellschaft zeichnet sich langsam, aber stetig immer mehr ab.


Es zu verhindern erfordert Einsatz an vielen Stellen: Organisatoren und Veranstalter dürfen sich ruhig ein bisschen mehr ins Zeug legen, was die Stimmung im Stadion betrifft. Eine Meisterschaft sollte doch ein Fest des Sports sein und kein lustloses Abhandeln verschiedener Einzelwettbewerbe. Gerade die Kleinsten würden sich besonders freuen, wenn ihre Leistungen entsprechend gewürdigt werden. Und dem Publikum soll ja schließlich auch was geboten werden, sonst schaut es lieber zu Hause in die Glotze. Die hochklassigen Sportler gehören als Vorbilder für Jüngeren und als Attraktion für die Zuschauer eigentlich dazu.