Mediales Umkehrspiel

Regensburg, 11. März 2015 (Ring) – 1998, an meinem 50. Geburtstag, habe ich erstmals Bekanntschaft gemacht, mit dem Ding, das fortan in meiner bekannt ausgebeulten Hosentasche mal mehr, mal weniger klingeln sollte. Mit 50 Lebensjahren schien ich reif genug zu sein, mit dem Ding verantwortungsvoll umzugehen. Ich habe es auch schnell erobert, für mich und meine Ziele domestiziert, mein ständiger Begleiter halt. So wie eine schöne Frau, die du vielleicht ein Leben lang an deiner Seite hast.

 

Inzwischen, nach gut 15 Jahren, habe ich die ganze Verwandtschaft kennen gelernt und das Ding hat sich auch ganz stark verwandelt. Es heißt jetzt Smartphone, kann prächtige Fotos machen, ersetzt ein Navi, wenn man keins dabei hat. Wobei sich hier gleich mal die Frage stellt, wie wir uns in der Landschaft vorher orientiert haben. Selbst Fernsehschauen kann man mit dem Ding, wenn dazu eine „app“ heruntergeladen hat und einem bisweilen der Saft nicht ausgeht, weil der Speicher leer ist. Zuhause stehen und liegen auch noch die Verwandten meines Dings, der Laptop, das Tablet und der Rechner, natürlich mit zwei Monitoren, herum, damit mir ja nichts entgeht. Anfangs war das alles eine schöne und angenehme Verwandtschaft meines Dings.

 

Inzwischen ist meine Einstellung zu deren Kindern, die da Facebook, Twitter oder eben das world-wide-web heißen, differenzierter geworden. Allein auf meinem Smartphone bin ich via Mail, whattsapp, SMS, dem ganz normalen Telefon und Skype erreichbar und das ständige Brummen, Piepsen und Klingeln in meiner Hosentasche kann ganz schön nervig sein. Vor allem dann, wenn man in meinem Alter beim schnellen Lesen auf dem kleinen Bildschirm so seine größeren Probleme hat, weil man das, was man lesen will, eben nicht mehr so gut lesen kann. So hat den nun auch mein Ding mit dem Brillenetui, in dem sich meine Lesehilfe befindet, einen treuen Begleiter bekommen und wenn ich nicht aufpasse, nehme ich die beiden auch noch auf’s Klo mit.

 

Ganz schön bescheuert, werden nun einige sagen. Doch ich bin hier nicht der Einzige. Die ganze Menschheit scheint dieser Virus befallen haben. Diese Sparte der Lebewesen ist sozusagen inzwischen degeneriert, von den Zweihändigen zu den Einhändigen, denn nur eine Hand ist mehr verwendbar für die Dinge, die das Leben für Hände bereitstellt. Die andere Hand krallt sich am Ding fest, bei mir sogar am Ding und am Brillenetui. Beim Essen, beim Spazierengehen, im Café und beim Friseur, in der U-Bahn und im Kino – dann leise gestellt, aber eben da -  in Notfällen eben auch auf dem Klo.

 

Wohl dem, der wenigstens Hosentaschen hat, wie ich und – ein wenig schwerhörig ist. Dann muss er vielleicht beim Anblick von schönen Dingen nicht permanent 27.000 Mails checken und unglaublich – der Himmel verfinstert sich dann darüber nicht, die Welt geht nicht unter. Da fällt mir ein: Ich muss mal jemanden, der vom anständigen Verhalten in Restaurants eine Ahnung hat, fragen, wo denn mein Ding neben Teller, Gläsern Essgeschirr und Serviette Platz zu nehmen hat. Bei mir natürlich nebst Brillenetui.

 

Irgendwie liest du dann doch mal wieder Zeitung und all die Dinge, die derzeit in der Ukraine passieren. Ganz schön fies dort. Zuerst waren die Russen Freunde der Ukrainer, so lange wie sie das gemacht haben, was die Russen wollten. Jetzt wurden die Ukrainer, weil sie etwas anders dachten, einfach feindlich eingenommen. Irgendwie geht mir dann ein gewagter Gedankensprung nicht mehr aus dem Kopf: Zuerst habe ich mein Ding beherrscht. Es hat gemacht, was ich wollte. Jetzt renn ich zu Hause 24mal am Tag zum Rechner, checke 37mal mein Ding, log mich 45mal in world-wide-web ein und stell dann fest, dass ich wieder nichts Weltbewegendes erfahren habe. Wer beherrscht da eigentlich wen? Bin ich denn nicht längst schon eingenommen worden von meinem Ding und seiner Verwandtschaft? Ganz schön blöd, aber ich bin mit dieser Weisheit wenigstens nicht alleine auf dieser Welt.