Journalismus zwischen Berichterstattung und Quotenjagd

Regensburg, 24. April 2015 (Ring) – Wenn mich wer auf der Straße gefragt hätte, ob ich Bryant Jennings kenne, hätte ich nur unwissend mit den Schultern zucken können. Der Name war mir bisher nicht bekannt und ich werde ihn wohl auch bald wieder vergessen haben. Seitdem ich heute am Morgen den Sportteil der Tageszeitung aufgeschlagen habe, weiß ich natürlich, wer Bryant Jennings ist, der Mann mit dem Vollbart, dem Sixpack und dem stark ausgeprägten Ego im Aufmacher auf Seite eins des Sportteils. Klingelt es bei Ihnen noch nicht oder muss ich als Zusatzinformation noch Klitschko, Wladimir Klitschko sagen? Boxer also, jene archaische Sportart, wo einer dann überzeugend gewinnt, wenn der andere krankenhausreif am Boden liegt. Ich stelle also fest: Das muss also dieses Wochenende das absolute sportliche Highlight sein. Ich werde aber ganz bestimmt nicht morgens um 5 Uhr aufstehen, um mir diese Sensation auf RTL anzuschauen.

 

Der moderne Journalismus hat in meinen Augen schon längst seine eigentliche Bestimmung verloren, die seriöse Berichterstattung über Ereignisse die aus dem Rahmen fallen. In fast allen Fällen degeneriert die Erstmeldung schon bald zur erbarmungslosen Quotenjagd und wenn die nächste trächtige „Quotensau“ am Horizont erscheint, verschwindet so manches davor sie wichtige Ereignis ganz schnell wieder vom Sender. Da der Sport gar nicht genügend viele Sensationen liefern kann, wird so manches hingebogen, als wäre es eine oder zumindest, als könnte es eine werden. Schließlich muss einem schon vor dem Essen das Wasser im Munde zusammenlaufen, dass auch dann der richtige Appetit kommt, wenn’s dann ernst wird.

 

Ist Ihnen noch nicht aufgefallen, dass viele Vorschauen größer ausfallen als die Berichterstattung selbst, weil das Ergebnis wieder nur mal durchschnittlich ausgefallen ist, also positiv und negativ nicht viel hergibt? In vielen dieser Vorschauen wird kräftig geheizt, was werter Leser zu erwarten hat und so manch unbedarfter Athlet lässt sich verleiten, Erwartungen zu formulieren, die er dann nicht erfüllen kann. PR nennt man das und einige in der Leichtathletik verstehen das schon ganz gut. PR bringt nämlich Kohle von Sponsoren und Veranstaltern und so mancher ist dann plötzlich bester Deutscher, obwohl er vorher noch ganz selten ganz oben stand.

 

Lauf-Deutschland tut sich da im Allgemeinen sehr schwer. Die Zahl derer, die aus deutschen Landen die höchsten Weihen, einen Olympiastart nachweisen können, ist eine verschwindend geringe, die Zahl jener, die dann aber nach Rio wollen, eine bedeutend höhere. Zum Zeitpunkt der Frühjahrsmarathons darf da eine Bestandserhebung aus deutscher Sicht durchaus erlaubt sein. Wie gesagt, auch hier sind die Erwartungen sehr hoch mit vier oder gleich fünf Namen bei den Männern in einer Disziplin, in der bei den letzten drei Olympischen Spielen kein deutscher Teilnehmer dabei war. Träume seien erlaubt, aber müssen sie denn für jede Vorschau auf jene sagenhaften 42,195km herhalten?

 

Bei den Frauen könnte man meinen, nachdem Mocki nationale schon etwas in die Jahre gekommen ist, es gäbe nur noch die Zwei. Die Hahner-Twins natürlich, von denen die eine trotz vielfältiger Normzusagen mehr verletzt als gesund ist, dafür aber von jedem PR-Foto runterstrahlt, als wolle sie die Marathonwelt aus den Angeln heben. Und auch die andere musste sich in Wien die Weltlichkeit ihres Handelns eingestehen und blieb weit weg von der angepeilten Olympianorm und damit von Rio. Zu befürchten ist, dass das Frühjahr 2015 bei den deutschen Marathondamen hinsichtlich Rio eine Nullnummer bleibt, trotz Höhenketten, Canova-Training, spezieller Ernährung und allem anderen, was so zum echten Profi gehört.

 

Man möge mich nicht falsch verstehen: Ein bisschen leiser im Vorfeld und ein bisschen lauter, heißt schneller danach würde ich mir wünschen, damit die Relation zwischen Vorschau und Berichterstattung wieder stimmt und nicht alles gut geredet werden muss, was vorher vielleicht gar nicht so viel wert war. Freilich, die Leichtathletik selbst machst den Journalisten nicht leichter. Vorschauen werden zeitig abgegeben, Ergebnisse lassen auf sich warten, weil das Wörtchen „live“ bei der großen, alten Dame des Sports eher noch ein Fremdwort ist und selbst Kanal Nummer eins leichtathletik.de selten just in time liefern kann.