Der Zweifel läuft aber jederzeit mit

Regensburg, 10. Juli 2015 (Ring) – Rückblende: 1993 Weltmeisterschaften in Stuttgart. Auf den Laufstrecken der Frauen laufen die Chinesinnen alles in Grund und Boden. Experten reiben sich die Augen. Was da passiert, ist kaum zu glauben. Das Wort Doping wird offen ausgesprochen, ja sogar Pfiffe beim sonst so fairen Stuttgart Publikum waren zu hören. 1993, das Jahr, als der chinesische Trainer Ma Juren mit seiner Frauentruppe die Welt des Frauen-Laufsports auf den Kopf stellt, Weltrekorde markiert, die über 1500m, 3000m und 10.000m auch 22 Jahre später immer noch Gültigkeit haben. Nach Erklärungen wurde gesucht und die wildesten Stories umkreisten den Erdball. Von Schildkrötenblut war die Rede, vom besonderen Biorhythmus der Chinesinnen, deren Trainer sie beizeiten auch nachts um Zwei trainieren ließ. EPO kannte man da im Hochleistungssport noch nicht, Gerüchte von Gen-Doping machten die Runde. Erwischt wurden einige Chinesinnen erst später und Anfang des neuen Jahrtausends war plötzlich der der ganze Spuk vorbei. Unter den besten zehn 1500m-Läuferinnen aller Zeiten befinden sich immer noch sieben Chinesinnen, auf den ersten vier Plätzen vier Läuferinnen aus dem Land der Mitte mit Zeiten von 3:50,46min (WR), 3:50,98min, 3:51,34min und 3:51,92min, alle erzielt in den Jahren 1993 und 1997.

Profiliert man die Zeiten der Weltrekordhalterin über 3000m und 10.000m, Wang Junxia (8:06,11/29:31,78min) nach der Weder-Methode über die Berechnung des Ermüdungskoeffizienten kommt man anhand der gelaufenen 1500m und 3000m Zeit zu einem sensationellen individuellen Laufprofil der Chinesin: Es spannt sich von 1:58,3, über 2:30,2, die reell gelaufenen 3:51,92 und 8:06,11 hin zu einer 13:57,5 und 29:09,3min über 5.000m und 10.000m. Wer der Weder-Methode misstraut, soll ruhig mal in den deutschen Bestenlisten der Männer stöbern und wird dann erstaunliche Parallelen finden. Bezeichnend dazu ist, dass Wang Junxias 10.000m Weltrekord mit einer ersten Hälfte im Bereich von etwas über 15:00min und einer zweiten unter dem damaligen 5000m-Weltrekord gelaufen wurde, es erlkärt aber hinreichend die Differenz zwischen Berechnungs- und Realwert. Ob nun die Chinesen sich selbst aus der Weltspitze zurückzogen oder aber die verfeinerten Methoden der Antidoping-Agenturen griffen, kann so recht keiner sagen.

Mitgemischt im Reigen der Weltrekorde haben natürlich auch die Russinnen und die Läuferinnen der DDR. Inzwischen sind sie Vertreterinnen des flächendeckenden Staatsdopings, dass sich aus deutscher Sicht weitgehend auf Grund der Verdienste des damaligen DLV-Präsidenten Professor Helmut Digel kurz nach der Wende erledigte, in Russland aber noch Jahrzehnte später seine Blüten trieb und im Fall Stepanova erneut an den Pranger gestellt wurde. In Russland, ein Land, das in Europa und der Welt jahrzehntelang mit den Ostafrikanern im Laufsport der Frauen mitbestimmend war, sind in Folge derzeit schwere Leistungseinbrüche festzustellen.

 Die Geschichte der ostafrikanischen Läuferinnen ist eng verbunden mit den Ländern Äthiopien und Kenia, wobei letztere immer wieder durch Dopingskandale aufgefallen sind. Äthiopische Läuferinnen scheinen hingegen stets eine weiße Weste zu haben und fallen vor allem durch einen exzellenten Laufstil und großer Endspurtstärke auf. Wie ein roter Faden zieht sich im Vita äthiopischen Laufsport der Frauen der Erfolg der Dibaba-Schwestern durch. Zuerst dominierten die beiden Älteren Ejegayehu und Tirunesh, geboren 1982 und 1985 die Langstrecken der Welt. Während sich die ältere der beiden zurückzog, trat mit Genzebe die dritte, geboren 1991,auf die Bühne, die sich anfangs mit mehr oder weniger großen Erfolgen auf den 1500m herumtummelte. Tirunesh hält inzwischen den Weltrekord über 5.000m (14:11,15min) und wäre wohl laut Weder-Profilierung, mit ihren reellen Werten über 5.000m und 10.000m berechnet (29:54,66min, gelaufen im Olympiafinale 2008 in Peking), in der Lage gewesen, über 3.000m und 1500m genauso schnell zu laufen, wie es derzeit ihre jüngere Schwester Genzebe tut, also im Bereich von 3:54 und 8:15min.

Genzebe Dibaba ist derzeit unter Freiluft-Bedingungen noch weltrekordlos. Das kann sich aber sehr schnell ändern, was allein die Pariser Zeit 2015 von 14:15 über 5000m zeigt. Es ist ein Fingerzeig dafür, dass die jüngste Dibaba-Schwester genauso wie ihre beiden Schwestern eigentlich eine Langstrecklerin ist, vielleicht sogar auf Grund ihrer exzellenten Mittelstreckenwerte über 5.000m mit der ersten 13er-Zeit einer Frau Geschichte schreiben soll. Dass dies möglich ist, zeigt allein schon das Berechnungsprofil der Chinesin Wang Junxia. Berechnet man den aerob/anaeroben Schwellenübergang der drei Dibaba-Schwestern, ergeben sich auch wieder erstaunliche Parallelitäten: Bei der ältesten liegt der theoretische Rechenwert bei 3:08,6min/km, bei Tirunesh bei 3:08,1min/km und bei Genzebe derzeit bei 3:07,8min/km.  Ejegayehu hatte wohl an ihrer etwas schwächeren Unterdistanz (Theorieansatz 4:02/1500m) zu knabbern und auch von Tirunesh sind keine reellen 1500m-Leistungen notiert. Am schwersten wird wohl in der Zukunft der 10.000m-Weltrekord der Chinesin zu knacken sein, deren theoretisch errechneter Schwellen-Übergang von 3:02,2min/km noch deutlich über den der Dibaba-Schwestern liegt und den Weltrekord in der Güte erst möglich gemacht hat.

Wenn wir uns der Analyse des letzten Dibaba-Streichs, der 1500m von Barcelona (8. Juli 2015/3:54,11min) zuwenden, fällt auf, dass das Rennen durch die Tempomacherin mit einer 61er Runde sehr schnell begann, diese nicht einmal die zweite Runde weiterführte, sondern bei etwa 1:48,5min ausstieg, Genzebe mit einer 63er Runde zirka bei 2:04min die 800m überlief, bis 1000m einen kleinen Hänger hatte (2:37,5min), um dann furiose letzte 500m in zirka 76,5sec folgen ließ. Jeder, der jemals 1500m gelaufen ist, weiß, dass unter der Konstellation eines Alleingangs ab 700m kaum reelle Bestzeiten zu erzielen sind. Das Fazit heißt also: Bei entsprechender Pace bis 1200m sollten durchaus jetzt schon bis zu 2 Sekunden mehr drin sein. Chinesische Ausmaße also.

Um das Ganze abzurunden, muss gesagt werden, das Äthiopien keine eigene, nach Wada-Statuten funktionierende Antidoping-Agentur hat, lediglich zur afrikanische Zone 5 zusammen mit Ländern wie Kenia, Somalia, Uganda, dem Sudan und einigen weiteren gehört, sowie die afrikanische Weise der Kontrollen keineswegs dem europäischen oder sogar dem deutschen Standard entspricht, derzeit eine Kampagne der nationalen Agenturen der Schweiz, Österreich und Deutschland mit dem Ziel der „Chancengleichheit“ läuft. Zudem steht Genzebes Manager Jos Hermens (Global Sports Communication) schon seit längerem in Verdacht der Dopingfahnder. Nachgewiesen werden konnte ihm bisher noch nichts. Der Zweifel an den Leistungen aller „außerirdischen“ Läuferinnen der jüngeren Geschichte bis zurück in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts läuft daher immer mit.