Die Last der falschen (Sport-)geburt in Richtung höhere Ziele

Pflieger1 Venlo15 KiefnerfotoRegensburg, 16. September 2015 (orv) – Philipp Pflieger kann seinen Vereinskollegen Florian Orth gut verstehen. „Es tut schon weh, wenn du als Athlet internationale Reife nachweist, deine eigenen Funktionäre dir aber den Daumen nach unten zeigen und du andere, die schon oft geschlagen hast und auch keine schnelleren Zeiten gelaufen sind, dann bei den internationalen Meisterschaften laufen siehst.“ Philipp Pflieger weiß, von was er spricht. 2014 ging’s ihm über 10.000m in Richtung Europameisterschaften genauso und für 2016 Amsterdam wäre er auch schon qualifiziert und zwar doppelt im Halbmarathon und über 10.000m, wenn er zum Beispiel Österreicher wäre. Hannes Gruber, Sportdirektor des ÖLV sagt zu diesem Thema: „Der ÖLV übernimmt die internationalen Normen sowohl von der Leistungsanforderung als auch vom Zeitraum, in dem sie erzielt werden müssen, so, wie sie der internationale Dachverband vorgibt. Eine kleine Ausnahme ist nur der Marathonlauf, den wir für Olympia 2016 mit 2:34:00 und 2:14:00 Stunden für Frauen und Männer festgelegt haben. Für den Halbmarathon bei der EM 2016, der ohne Normleistung ausgeschrieben wurde, haben wir eine 1:14:00 und eine 1:04:00 festgelegt, wobei wir uns noch nicht sicher sind, ob wir die Männer-Quali nicht sogar noch um 30 Sekunden entschärfen.“

Wenn Philipp Pflieger seine derzeitige Situation betrachtet, möchte er sich am allerliebsten in den Allerwertesten beißen. Über 10.000m bewegt er sich zwar im „deutschen“ Qualifikationszeitraum 1.Mai 2015 bis 15.Mai 2016, war am 13. Juni diesen Jahres beim einzigen nennenswerten Lauf über die 25 Runden im niederländischen Leiden zwar schneller als das international geforderte Limit, aber lächerliche drei Sekunden zu langsam für die deutschen Anforderungen, obwohl die äußeren Bedingungen mit Sturmböen bis zu 40 Stundenkilometern extrem leistungshemmend waren. Im Halbmarathon, auf dem der Regensburger amtierender deutscher Meister ist, lief er im März, also im internationalen Korridor, in Venlo/Niederlande eine 1:03:50h, um dann am 14. September erfahren zu müssen, dass dies etwas zu früh war und leider 5 Sekunden zu langsam. „Wenn wir am 22. August gewusst hätten, dass der Qualifikationszeitraum auf dieser Strecke auf 1. August und die Anforderung eben auf jene 1:03:45 Stunden gelegt werden würden, hätte ich meinen Athleten nicht zu einem Trainingswettkampf nach Klagenfurt sondern auf die schnelle Strecke nach Berlin geschickt, wo zum gleichen Zeitpunkt auch ein Halbmarathon stattfand. Die 1:03:45 wären drin gewesen“, sagt dazu sein Coach Kurt Ring.

Die EM-Nominierungsrichtlinien für die Langstrecke sind kein einfaches Machwerk wie die entry standards des Europäischen Dachverbandes EAA. Sie sind über sieben Ecken gedacht und schwer verständlich. Wer versteht schon Passus 1.2(1): (1) Über 10.000m erfolgt die Nominierung bei Erreichen einer Platzierung von Platz 1-16 über 10.000m bei den Weltmeisterschaften vom 22.08.-30.08.2015 in Peking (CHN) bei erreichter EA-Meldenorm [28:50.00 Minuten (Männer); 33:20.00 Minuten (Frauen) im Nominierungszeitraum (Ziffer 1.5) sowie der Erst-und Zweitplatzierte des European-Cup, 10.000m, in 2016., wenn kein/e deutsche/r Läufer/In unter den besten Sechzehn war und die Austragung des European-Cups 10.000m erst nach dem Nominierungsschluss des DLV für die 10.000m stattfindet. Bezüglich Punkt 1.2.(3) wird sich jener allein dafür in Frage kommende Läufer (Arne Gabius – Anmerkung der Redaktion) wohl sehr freuen, in dem in Europa weitgehend Meeting freien Zeitraum vom 1.04. bis 15.05.2016 einen Leistungsnachweis über 5000m in einer Zeit unter 13:40min anliefern zu müssen, abgesehen, dass angesprochener Athlet sowieso nicht mehr auf der Bahn laufen will.

Eigentlich erscheint dieser komplizierte Denkansatz des Verfassers der Nominierungsrichtlinien eher als Nullnummer, als unwiderrufliche Wunschvorstellung ohne Athletenpotential. Einzig und allein vier 5000m-Läufer werden von den verwinkelten und verzwickten Nominierungsrichtlinien etwas bevorteilt. Sie alle brauchen nur noch einen Leistungsnachweis einer 3000m-Zeit von 7:55,00min bringen und wären dabei, wobei Richard Ringer dabei als WM-14ter klare Setzpriorität hätte. Was passiert aber nun, wenn andere 2016 mangels qualifizierter Wettkämpfe die deutsche Norm laufen, aber geringfügig schlechter sind als die Läufer, die 2015 ihre Zeiten erzielt hatten und zusätzlich bei der DM über 5000m besser platziert sind als jene aus 2015?  Eigentlich ist diese Denkweise auch nicht komplizierter als jene der Nominierungsrichtlinien. Fazit des Ganzen: Je mehr man aufschreibt, desto mehr kann man damit in die Bredouille  kommen.

Zurück aber nun zu Philipp Pflieger. Wäre er Österreicher, wäre alles ganz einfach, entspannt und im Sinne einer weitsichtigen Vorbereitung. Für ihn als deutschen Athleten beginnt nun der typisch deutsche Qualifikationsstress, nicht, weil im eigenen Land eine große Zahl an konkurrierenden Athleten wäre, sondern weil die „Sekundenkackereien“, wie sie Pfliegers Trainer Kurt Ring nennt, des eigenen Verbandes dies fordert. Wenn der Regensburger seinen Traum eines schnellen Marathons mit der kleinen Chance Richtung Olympia und die EM-Qualifikation über 10.000m oder im Halbmarathon verwirklichen will, muss er am 17. Januar zum Halbmarathon nach Houston/Texas, weil es zu dieser Zeit keinen mit einem Feld für die 1:03:45h in Europa gibt, und zum Marathon am 22. Februar nach Tokio/Japan, weil die schnellen europäischen Frühjahrmarathons für eine sinnvolle EM-Vorbereitung alle zu spät stattfinden. Für die 10.000m wird’s vom deutschen Qualifikationszeitraum bis 15. Mai 2015 wieder eng.

Auf die entsprechende Zeit bei den Deutschen Meisterschaften am 7. Mai zu hoffen, wäre ein bisschen Harakiri mit Anlauf, weil dort meist sogar die nationale Elite fehlt, das Rennen 2015 mit einer Zeit von 29:18,14min gewonnen wurde. Übrig bleibt das Rennen im kalifornischen Stanford am 30. April, wo die Bedingungen immer gut sind und selbst der B-Lauf die Normleistung garantiert. Das alles kostet sehr viel Geld, für das Philipp Pflieger weitgehend selbst aufkommen muss, weil auch sein Verein mit diesem Volumen überfordert ist, jede Menge Reisestress und Glück, dass man sich im europäischen Winter keine Schniefnase zulegt, wenn man sie nicht brauchen kann. Übrigens, Philipp Pflieger wäre bei den Europameisterschaften 2014 über 10.000m, die nicht taktisch gelaufen wurden und bei weit besseren Bedingungen stattfanden, als sie der Regensburger bei seinen 28:40,39min in bei seinem Rennen in Leiden vorfand, Achter geworden. Soviel nur zur „erweiterten Endkampfchance“. Auch damals stolperte der Läufer der LG Telis Finanz über das spezielle Normensystem des DLV und war am Ende nicht dabei.