Wenn leitende Trainer nicht die richtigen Worte finden

Regensburg, 1. Oktober 2015 (orv) – Philipp Pflieger hat beim diesjährigen Berlin Marathon für die deutsche Laufszene richtig Werbung gemacht und damit auch für den Deutschen Leichtathletik-Verband. In seinem ersten durchgestandenen Versuch über die längste olympische Laufdisziplin erzielte der Regensburger nach Ansicht der führenden deutschen Marathon-Veranstalter als 16. beim wohl leistungsstärksten Marathon der Welt  mit 2:12:50 Stunden ein sensationelles Debüt. In den letzten zwanzig Jahren liefen mit Michael Fietz (1997) und Arne Gabius (2014) nur zwei deutsche Läufer schneller als der Regensburger. Wie schnell er nach den Vorstellungen des Deutschen Leichtathletik-Verbandes für die Olympischen Spiele in Rio laufen hätte müssen, erfuhr der Athlet der LG Telis Finanz erst Mitte September, also zwei Wochen vor seinem Start. Dem DLV waren seine Ziele durchaus seit letztem Herbst bekannt. Trotzdem wurde er nur im Langstreckenkader und nicht im Marathonkader geführt. Die deutsche Olympianorm von 2:12:15 Stunden trifft fast überall auf Unverständnis, weil fast alle führenden Nationen wesentlich weichere Normen ansetzen und somit viele Konkurrenten von Pflieger, die weitaus langsamere Zeiten vorweisen, sich nun schon gezielt auf Rio vorbereiten können.

Die Normen-Kritik nach dem 42. Berlin-Marathon wollte Bundestrainer Wolfgang Heinig so nicht stehen lassen, obwohl er Pflieger lobte und ihm die Olympia-Norm im nächsten Frühjahr durchaus zutraut. "Das war eine hervorragende Leistung von Philipp, da kann man nur den Hut ziehen", sagte der 64-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. "Aber ich würde an diese Sache anders herangehen: Ein professioneller Läufer sollte sich doch fragen: Was muss ich tun, wie muss ich trainieren, um dieses Ziel Olympia zu erreichen?" Und: "Jeder Leistungssportler, der professionell an seine Sache herangeht, kann diese Normzeiten auch laufen." Das wiederum empfindet Pfliegers Regensburger Umfeld, vor allem dessen Trainer Kurt Ring als absoluten Affront. „Keiner vom DLV hat in Philipps Vorbereitung überhaupt nur den Hörer in die Hand genommen und ihn angerufen. Woher sollte Herr Heinig eigentlich wissen, ob wir uns unprofessionell verhalten haben, wenn er von der Vorbereitung gar nichts wusste. Um Olympia in einer Vorbereitung gezielt angehen zu können, müsste man zumindest die Qualifikationszeit wissen. Die erfuhren wir zwei Wochen vor dem Start. Wir konnten sie in der Schärfe auch nicht ahnen, die deutsche Norm für die vergleichbaren Weltmeisterschaften 2015 lag bei 2:12:45 Stunden.“

In den zahlreichen Interviews, die Philipp Pflieger nach dem Rennen gab, sprach der Regensburger auch von einem „mangelnden Vertrauen“, das man in ihn setzt. Verständlich, wenn sich das im Zielbereich anwesende Trainerpaar Wolfgang Heinig (Teamleiter Lauf) und Kathrin Dörre-Heinig nach Pfliegers Zielankunft nicht persönlich bei ihm sehen ließen. Ebenso wenig wie Cheftrainer Idriss Cheick Gonschinska, der sich auf der nur einen Steinwurf entfernten Ehrentribüne befand. „Wir fordern von den Dreien eigentlich einen konsequenten Einsatz für jede/n Athleten/In, die/der die internationale Norm schafft. Als Trainer sind sie in erster Linie ihren Athleten und deren Zielen verpflichtet. Der obskure Vergleich mit Speerwerfern, Judokas oder vielleicht Bobfahrern interessiert keinen Läufer, wenn er an der Startlinie steht. Es interessiert ihn aber sehr wohl, wenn Gegner aus anderen Nationen mit wesentlich schwächeren Leistungen bei Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften und Europameisterschaften starten dürfen und er nicht“, sagt Pflieger-Trainer Kurt Ring dazu.

„Das stets als Gesprächseinleitung aufgeführte Belehrungsszenario Gonschinskas über falsche Trainingsansätze und gemachte Fehler“ empfindet der Regensburger Coach inzwischen als „Ablenkung vom Wesentlichen“, dem eigentlichen Thema, über das man sprechen will. „Der Anlass für die Normen-Kritik mögen die Fälle Orth und Pflieger, sinnigerweise beide im Arbeitsbereich von Kurt Ring angesiedelt, sein, der eigentliche Kern der Sache ist doch, warum der DLV sich um Dinge kümmern muss, die ihn gar nichts angehen. Für die internationalen Qualifikationsrichtlinien sind ausschließlich die internationalen Verbände in ihrer Eigenschaft als Veranstalter zuständig, und der DLV könnte stolz auf möglichst viele Qualifizierte verweisen. Die spätere Erfolgsbilanz können die bösartig beschimpften „Olympiatouristen“ in keiner Weise verschlechtern, eher im Gegenteil bisweilen überraschen“, erläutert der Regensburger Coach weiter. Er ist in der Laufszene längst nicht mehr der einzige, der das so sieht. Kollegen aus Karlsruhe und vom Team Wendelstein sehen das ebenso und haben sich dazu beim DLV auch schon schriftlich geäußert.