Das Laufen im Gelände steht beim DLV nicht hoch im Kurs

Regensburg, 15. Oktober 2015 (Ring) – Es ist Herbst in deutschen Landen. Ende des Monats geht in Frankfurt der letzte große deutsche Marathon über die Bühne. Fast unmittelbar dahinter beginnt die Crosssaison mit den nationalen Höhepunkten in Pforzheim (14.11.) und Darmstadt (22.11.), vielen kleinen, aber durchaus interessanten Veranstaltungen im tiefen Geläuf und den Cross-Europameisterschaften im französischen Paray le Monial als ersten internationalen Höhepunkt am 13. Dezember. Für den Deutschen Leichtathletik-Verband steht diese Veranstaltung immer weniger im Fokus des Interesses, weil eben auch im europäischen Vergleich keine Medaillenflut zu erwarten sind.

„Die U20-Wettbewerbe werden mannschaftlich geschlossen (mindestens 5 Teilnehmer/Innen) besetzt. Die Nominierung der Teams erfolgt auf Grund der Ergebnisse von Pforzheim und Darmstadt, wobei die ersten Zwei dieser Events grundsätzlich schon einmal qualifiziert sind. In der U23 und bei Frauen und Männern ist eine Qualifikation einzelner Athleten möglich, wenn die Junioren/Innen in Darmstadt oder Pforzheim unter den ersten Vier des bereinigten Frauen/Männereinlaufes einlaufen oder sich beim internationalen Crosslauf  in Tilburg/Niederlande unter den bereinigt besten 12 des Frauen- und Männerfeldes befinden. Bereinigt heißt, dass alle Nicht-Europäer oder auch deutsche Asylbewerber bei der Zählung nicht gewertet werden. Der Weg für eine Frauen/Männerqualifikation führt allein über einen internationalen Cross wie Tilburg, wo deutsche Cross-EM-Anwärter unter den besten Acht sein müssen, natürlich auch wieder bereinigt“, sagt der für den Crosslauf zuständige Bundestrainer Pierre Ayadi zum doch etwas komplizierten Prozedere.

Warum das so sein muss, versteht keiner in der Laufszene so recht. Von „schwammigen“ Nominierungsrichtlinien ist die Rede. Pforzheims Veranstaltungsmanager Stephan Hohl kennt zumindest die etwas verzwickten Cross-EM-Nominierungsrichtlinien, mag sie aber auch nicht in allen Teilen gutheißen, weil er die Verlegung einer Ausscheidung ins Ausland für die Vereine und deren Athleten als unzumutbar betrachtet. Kosten für die Beschickung werden vom DLV selbst für seine Kaderathleten nicht übernommen. Wilfried Raatz, Urgestein des deutschen Crosslaufs und bis vor kurzem noch Crossbeauftragter des DLV, seines Zeichens langjähriger Veranstalter von Deutschlands größten Crosslauf, dem Darmstadt Cross, ist sich mit Hohl einig, dass die wenigen deutschen Crossläufe von Qualität nicht durch Ausscheidungen bei anderen internationalen Läufen im Ausland geschwächt werden dürfen. „Eigentlich müsste der Deutsche Leichtathletik-Verband als Motivationshilfe für den Lauf sämtliche Wettbewerbe der Cross-EM mit kompletten Mannschaften besetzen. Man muss Anreize setzen, sozusagen in die Sache investieren“, erläutert Stephan Hohl. Und Darmstadt Macher Raatz hält die Idee einer deutschen Cross-EM-Ausscheidung mit einem klar ersichtlichen Kampf Frau gegen Frau und Mann gegen Mann mit echter Wettkampfsituation und leichter Durchschaubarkeit nicht nur aus Eigeninteresse oder Markenting technischen Ansätzen für eine gute Idee.

Mit etwas Phantasie könnten solche Unternehmungen sogar verbandsunabhängig finanziert werden. Gernot Weigl, Racedirektor des München Marathons sowie seine Kollegen aus Frankfurt, Köln, Hamburg und Berlin bringen dabei die unselige Geschichte des Lauf-Euros ins Spiel. „In echter Gutsherrenart“ will der DLV von seinen Laufveranstaltern pro teilnehmenden Läufer 50 Cent – ursprünglich war sogar mal ein Euro im Gespräch – als Abgaben kassieren. Das sind laut Weigl rund 1,5 Millionen Euro im Jahr. Die Laufveranstalter hätten grundsätzlich gegen eine solche Abgabe nichts einzuwenden, wenn der DLV nachweisen könnte, dass sie im vollen Umfang zur Förderung des deutschen Laufs eingesetzt würden. Bisher gibt es vom Verband dazu aber noch keine klaren Aussagen, geschweige denn zu fördernde Projekte.

Inzwischen ist Kampfstimmung eingetreten. Der Verband droht Leistungen, bei denen diese Prokopf-Abgabe nicht gezahlt wurde, aus den Bestenlisten zu streichen. Eine erste Umfrage bei einem großen Marathon hat aber laut Weigl ergeben, dass von tausenden Teilnehmern überhaupt nur zirka vierzig Wert auf diesen Eintrag Wert gelegt haben. Die Vereinigung der größten deutschen Marathonläufe lässt indessen nicht locker. Ende November kommt es in Berlin in dieser Frage mit dem DLV-Präsidium zum Gipfeltreffen. Die Marathon-Macher wollen ihr Geld eigentlich selbst und eigenverantwortlich der Unterstützung des deutschen Laufs und damit ihrer Kundschaft zukommen lassen. Mark Milde, Berlins Renndirektor, will sogar den Vorschlag machen, aus diesen Mitteln Philipp Pfliegers Olympiateilnahme voll zu finanzieren. Die Petition der deutschen Marathon-Veranstalter für den Regensburger Sensationsdebütanten auf den 42,195 Kilometern wurde unmittelbar nach dem Berlin-Marathon an den DLV adressiert.

Es ist schon so, wie es Philipp Pflieger im ARD-Interview formulierte: „Ich habe das Gefühl, dass uns der eigene Verband hinsichtlich Olympia Knüppel zwischen die Beine wirft“. Projekte zur Förderung wären also genug da, auf der Straße wie beim Crosslauf. Man müsste sie nur aufgreifen. Von Seiten des Verbandes geschieht hier nach Ansicht von Athleten und deren Trainer nichts bis gar nichts. „Selbst die für Anfang Juni terminierten Nominierungsrichtlinien für die Cross-EM erschienen dann erst Ende Juli, klammheimlich versteckt im Kontext der „Allgemeinen Nominierungsrichtlinien 2015“, in denen sie bis dato noch nicht enthalten waren. Die minimalen Änderungen gegenüber dem Vorjahr können jenen späten Eintrag in keiner Weise rechtfertigen“, sagt dazu Pflieger Trainer Kurt Ring, der in seiner Ära schon viele Athleten/Innen zu Cross-Europameisterschaften vergangener Jahre schicken konnte.

Irgendwie wird man den Eindruck nicht los, dass der Verband viele Win-Win- Situationen mit einer Laufbewegung, die inzwischen Millionen zählt, gar nicht erkennt, stattdessen unter Umgehung der Regenpfützen, jede Jauchegrube trifft, die so auf seinem Weg zu finden ist. „Ob nun der Fall Orth bei den Weltmeisterschaften im Stadion, der Fall Pflieger auf der Straße, jedes Mal hat sich der Verband den Schwarzen Peter eingehandelt und es wird wohl beim Crosslauf so weiter gehen. Wenn man sieht, dass ein Mann wie Pflieger bei der fast vierstündigen Marathon-Übertragung bei der ARD als sympathischer deutscher Werbeträger bestimmt über eine Stunde auf der Mattscheibe kommentiert wurde, sollte ein kluger Verband diesen Ball aufnehmen und zumindest versuchen, die auseinandertriftenden Lager wieder näher zusammenzubringen. Aussagen, er hätte sich auf die Normerfüllung nicht professionell vorbereitet angesichts der Tatsache, dass man ihm diese, mit dem Hintergrund einer WM-Norm 2015 von 2:12:45 Stunden, erst zwei Wochen vor Berlin sagte, sind da wenig zielführend“, sagt Pflieger-Trainer Kurt Ring. Er befürchtet, dass nun beim Crosslauf in ähnlicher Form wieder Ähnliches passieren könnte. Seine Athleten Maren Kock und Florian Orth haben die Cross-Europameisterschaften im Fokus, müssen dabei aber noch die Unwägbarkeit von Tilburg überwinden, ohne Aussicht, dass sich daraus ein deutsches Team ergibt. Das finden beide schade.