Wenn die kleinste gemessene Zeitgröße zum leichtathletischen Politikum wird

Regensburg, 4. November 2015 (Ring) – Eine Hundertstelsekunde ist eine verdammt kurze Zeitspanne. Im Sportgeschehen wurde sie beim Messen der Leistung erst im elektronischen Zeitalter verwendet. Inzwischen können moderne Zeitmessgeräte bereits den Unterschied eines Tausendstels festhalten, wobei in der Leichtathletik bei der Zielüberquerung der zur Messung bestimmte Körperteil optisch eingeordnet werden muss und damit auch ein wenig von der subjektiven Betrachtung des Zielfotos abhängig ist. Trotzdem bleibt, ein Hundertstel ist sehr wenig, selbst dann, wenn es sich um ein 100m-Finale handelt.

Auch Qualifikationsleistungen für Meisterschaften werden inzwischen im Hundertstelbereich angesiedelt. So geschehen auch bei den Normleistungen für die Leichtathletikwettbewerbe der Olympischen Spiele. Für diejenigen, die eine solche Normleistung zu entwickeln haben, ist dies keine leichte Entscheidung, zumal die Zeiten gerade bei kurzen Sprints allein auf der Zielgeraden sehr stark noch von der Windkomponente beeinflusst werden. Natürlich sind mehr als 2m/s Rückenwind zu viel an Unterstützung, die unter solchen Bedingungen erzielte Leistung könnte zur Qualifikation nicht mehr herhalten. In Sprinterkreisen sagt man, 1m/s Rückenwindvorteil bringt 1 Zehntel an Zeit, was nichts anderes heißt, dass die Leistung auch schon durch einen Hauch von 0,1m/s mehr Wind auch um ein Hundertstel verbessert wird.

Ein sportlicher Qualitätsunterschied zwischen 10,20sec oder 10,21sec ist daher nicht feststellbar, unterliegt oft dem Zufall der Umstände. Das wissen auch jene, die Olympianormen festzusetzen haben. Aber irgendwo muss sie dann eben doch eine fixe Leistung festgeschrieben werden. Für die 110m Hürden in Richtung Rio beträgt sie genau 13,47sec. Die Bemessung der erweiterten Endkampfchance ist ein Wettstreit am grünen Tisch, den der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) ohne größere Handlungsnot als Nebenschauplatz erst erfunden hat. Man braucht ihn zur besseren Außendarstellung deutscher Sportler, sagen die zuständigen Funktionäre. Deshalb gibt es auch noch nationale Normen für Olympia. Der DLV schlägt vor, der DOSB akzeptiert. Wenn er dies nicht tut, muss eben nachverhandelt werden.

Über 110m Hürden liegt diese nationale Norm genau bei 13,46sec, also ein winziges Hundertstel schneller als die Vorgabe des IOC (Internationales Olympisches Komitée). Bei den Weltmeisterschaften 2015 betrug der Unterschied zwischen internationaler und nationaler Norm wenigstens noch zwei Hundertstel. Und weil Hürdenläufer Alexander John zwar eine Hundertstel langsamer war als die geforderte nationale Zeit, aber auch ein Hundertstel schneller war als die internationale Norm, hat man ihn trotzdem mitgenommen. Begründung: ein Hundertstel zu wenig ist letztendlich bei der Bemessung der Endkampfchance doch nicht aussagekräftig. Doch was macht man 2016? Verhält man sich wieder so, ist die Vorgabe von 13,46sec des DLV von vornherein überflüssig. Man muss diese unsinnige Logik nicht verstehen..

Ähnliche Spitzfindigkeit des Schöpfers jener ominösen Berechnungsformel der „erweiterten Endkampfchance“ trifft die Hochspringer. 2,29m fordert das IOC, 2,30m der DLV. Die Hochspringer trifft es damit noch härter als die Hürdenläufer. „Die internationalen Ausrichter von Hochsprung-Events werden natürlich jetzt alle 2,29m auflegen lassen, dann kommt die Steigerung auf 2,32m. De facto wird es wenige Möglichkeiten geben, wo Deutschlands Hochspringer genau jene geforderten 2,30m überspringen können“, sagt ein renommierter Trainer aus dem Springer-Lager.

Anstatt stolz zu sein auf jeden Athleten, der die internationale Qualifikation für Olympische Spiele schafft, quälen sich unsere deutsche Funktionäre mit der Frage, wer denn nun die erweiterte Endkampfchance hat und wer nicht. Berechnen – und da sind sich eigentlich alle Praktiker einig – kann man so etwas sowieso nicht. Wer jene komplizierte Formel erfunden hat, weiß man DLV, rückt aber damit nicht heraus. In kniffligen Fragen schiebt man gerne mit dem BAL (Bundesausschuss Leistungssport) ein Gremium nach vorne, von dem so keiner recht weiß, wie es sich zusammensetzt.

Der Österreichische Verband macht das genau umgekehrt. Er hat bereits nach freien Quotenplätzen für seine Athleten beim IOC nachgefragt, sollten Vorläufe mit Athleten ohne internationale Norm aufgefüllt werden. Hannes Gruber, Sportdirektor des ÖLV bestätigt, dass man in seinem Verband alles tun wird, jedem österreichischen Athleten, der auch nur den Hauch einer Chance auf eine Olympiateilnahme hat, den Weg nach Rio zu ebnen. In Deutschland ist das aus Sicht der Athleten, Trainer und Vereine und vieler Leichtathletikfans nicht so.