Der deutsche Crosslauf befindet sich in argen Nöten

Harrer Heim CrossDM KiefnerRegensburg, 20. November 2015 (orv) – Es rumort im Kreise des deutschen Crosslaufs. Eingeengt in eine kurze nationale Periode im November mit nationalen Titelkämpfen im März ist er zum ungeliebten Kind geworden, bei Seite geschoben vom Deutschen Leichtathletik-Verband, bei Seite geschoben von vielen Athleten. Ein Anstoßpunkt sind die nationalen Nominierungsrichtlinien für den alljährlichen kontinentalen Höhepunkt, den immer Mitte Dezember stattfindenden Cross-Europameisterschaften. Florian Orth, der mehrmalige Deutsche Crossmeister und Cross-EM-Teilnehmer formuliert das so: „Liest man sich die diesjährigen Nominierungsrichtlinien genauer durch, kommt man zu dem Schluss, dass der Verband bei den Männern gar kein Team dabei haben will.“

Dass man um den 5000m-WM-Finalisten Richard Ringer und Florian Orth, beides versierte und international erfahrene Läufer, jederzeit eine Männermannschaft mit zumindest vier Kandidaten hätte bauen können, steht außer Frage. Ringer und Orth hatten im Vorfeld klar ihre Cross-EM-Ambitionen zum Ausdruck gebracht und erst letztes Wochenende sind der Deutsche Hindernismeister Martin Grau und der Deutsche Crossmeister Manuel Stöckert beim Münchner Olympia-Alm-Cross ins tiefe Geläuf gegangen. Orth’s These der Verhinderung eines Männer-Teams ist beim Studieren der Richtlinien nachzuvollziehen. Dort steht schwarz auf weiß, dass sich Deutschlands Männer am kommenden Sonntag beim international hochwertigen Crosslauf im holländischen Tilburg zu qualifizieren hätten und zwar nicht irgendwie, sondern mit sehr hohem Anspruch. In einem nach Europäern bereinigten Einlauf müssen EM-Kandidaten unter den ersten acht Teilnehmern einkommen, was aus deutschen Mannschaftsgesichtspunkten schier unmöglich scheint.

Orth’s Teamchef Kurt Ring erläutert das Ganze: „Tun fünf deutsche Läufer dies, würde in Tilburg die internationale Hochwertigkeit fehlen und man könnte gleich in Darmstadt oder sonst wo in Deutschland bleiben. Meiner Ansicht nach wäre ein deutsches Ausscheidungsrennen sowieso die bessere Lösung. Nachvollziehbar, klar, spannend, Wettkampf pur eben. Doch die erweiterte Endkampfchance scheint den deutschen Funktionären auch hier im Kopf rum zu spuken.“ Er sieht im Herangehen des DLVs an die Cross-Europameisterschaften eh kein gezieltes. „Das Erscheinen der Nominierungsrichtlinien zur Cross-EM erst Ende Juli diesen Jahres mit Richtlinien, die am Ende fast alle Klarheiten beseitigen, sich im „Kann-Modus“ verlieren und den Eindruck erwecken, die Teilnahme im U23- und Aktivenbereich eher verhindern zu wollen, bestätigen seine Aussage.

Dabei hat der umtriebige Regensburger Coach 2011 dem damaligen Teamleiter Lauf Tono Kirschbaum ein schlüssiges Konzept überreicht. Es scheint in den unendlichen Weiten des Verbandsgefüges verschwunden zu sein. „Dabei ist alles sehr einfach. Ein bisschen Engagement von Seiten der Bundestrainer, ein bisschen mehr Geduld und Vertrauensvorschuss von Seiten des DLV gegenüber seiner interessierten Läufer, wenig Geld und wenig Aufwand wäre nötig, um in Sachen Cross einen großen Schritt nach vorne zu machen. Der wichtigste Punkt wäre wohl, mit den Cross-EM-Planungen unmittelbar nach den Deutschen Crossmeisterschaften im März anzufangen“, sagt der Regensburger Querdenker dazu.

Organisation scheint sowieso in den letzten Jahren nicht die Stärke des DLVs zu sein. Fakt ist, dass die Ausschreibungen der Meisterschaften, selbst jene der Premiumveranstaltungen in der Halle und im Stadion, immer später veröffentlicht werden. Für die Deutschen Meisterschaften im Halbmarathon, im Marathon und über 10km auf der Straße gibt es Stand heute, mitten im November, weder Zeitpunkt noch Veranstaltungsort. Dafür zuständig ist sowohl beim DLV als auch den Landesverbänden die AG Breitensport in Verbund mit der AG Wettkampfwesen. Ein Anruf in Darmstadt bei der Geschäftsstelle lief ins Leere. Die Dame am anderen Ende der Leitung konnte dazu keine Auskunft geben. „Die beiden dafür zuständigen Leute wären heute nicht da.“

Dass es für den Crosslauf keine kompetenten Ausrichter gäbe, stimmt so auch nicht. Im südlichen Bereich der Republik rangeln gleich vier erfahrene Ausrichter um die besten Termine. Leider ist alles unkoordiniert und ohne Athleten- bzw. Veranstaltungsmanagement tun sich Deutschlands Crosslauf-Ausrichter schwer. Wie sonst wäre zu erklären, dass drei der vier besten deutschen Crossläufe in München, Ingolstadt und Pforzheim 2016 an einem Wochenende (12./13. November) stattfinden werden und Darmstadt dann schon acht Tage später. Bayerns Landestrainer Jörg Stäcker beklagt in einem Brief an „seine“ Ausrichter jene Planungsunsicherheiten: „Gewiss ist, und da müssen wir uns ehrlich machen, dass es gerade im nächsten Jahr so viele Variablen gibt, die die Lösung beeinflussen, dass es fast unmöglich ist, die optimale Konstellation zu finden.“

Die Dinge aber einfach vor sich herzuschieben, ist bestimmt nicht die richtige Lösung. „Strukturelle Dinge anzugehen war noch nie die Stärke unseres Verbandes. Einfach das Alte, ob erfolgreich oder auch weniger, weiter zu verwalten, ist der gängige Modus, führt aber nicht zum Ziel. Und das betrifft nicht nur den DLV. Eine Cross-EM im zweijährigen Rhythmus, abwechselnd zur Cross-WM im März auszurichten, wäre ein Weg, um den Cross stärker zu machen. Das Argument, der Wintersport würde dann keine Fernsehzeiten zulassen, ist wohl so nicht richtig, weil zumindest in den Wintersport lastigen europäischen Ländern dieser bereits im Dezember zum Zeitpunkt der jetzigen Cross-EM allgegenwärtig ist“, sagt dazu Kurt Ring, der Regensburger. Doch der ist nur Querdenker und eben kein richtungsweisender Funktionär.