Man schätzt sich auf internationaler Ebene

Regensburg, 27. November 2015 (orv) – „Na dann. Die Frage, die die Dopingaffäre in Russland in diesen Tagen aufwirft, ist ja schon eine spannende: Sollte man einen Verband, der systematisch betrügt, nicht auch systematisch, sprich: jahrelang sperren, wie einen Dopingtäter?“ fragt Johannes Knuth in seinem Kommentar vom 16. November in der Süddeutschen Zeitung. Er meint natürlich damit den russischen Verband und rupft damit der kranken Pflanze nur die welken Blätter weg. Das Problem sitzt wesentlich tiefer. Der eigentliche Übeltäter ist die IAAF selbst mit seinem korrupten ehemaligen Präsidenten Lamine Diack, der mit seinem Clan anscheinend schalten und walten konnte, wie er wollte.

Ein Weltverband, der sich stets als demokratisches Gremium rühmte, hatte null komma nichts Kontrolle über das, was sein Oberster so alles anstellte bis hin zur organisierten Kriminalität. Sein Vize Sebastian Coe war wohl mit seinen eigenen Geschäften in Sachen „sinnvoller“ Verknüpfungen der Welt-Leichtathletik mit seinen eigenen Gesellschaften so beschäftigt, dass er den scheidenden Ober-Kriminellen sogar als seinen Ziehvater bezeichnete. Das zeugt entweder von absoluter Dummheit oder eben von einer doch vorhandenen Seelenverwandtschaft. Jenes vertraute Tete-a-tete war wohl mit Hajo Seppelts Doping-Report empfindlich gestört, als der Lord von „einer Kriegserklärung an seine Sportart“ sprach.

Wer schon mal bei Weltmeisterschaften ums Stadion spaziert ist und genauer hinschaut, dem fällt der jeweils riesige VIP-Bereich der IAAF-family auf, der Zuchtanstalt für Günstlinge und wohl auch Nährboden für so manches Geschäftchen bei Hummer und Kaviar. Es ist wohl auch kein Gerücht, dass der nun in Unehren gegangene Diack mit seiner oft 50-köpfigen Entourage nie billiger als im Fünf-Sterne-plus-Hotel residiert hat. Ein afrikanischer Grande eben. Dazu passt wohl ganz gut dazu, dass ihm die afrikanischen Funktionäre die Stange halten wollen und ihre eigene afrikanische Wahrheit suchen.

Ach ja, das leidige Doping-Problem in Russland! Hatte man es nicht schon immer gewusst, die bösen Russen also! Die Russen sind aber allen Anschein nur ein Bauernopfer und notfalls muss man auch noch für einige Monate Kenia opfern, um die olympische Welt insgesamt zu retten. Hatten die Russen wenigstens noch eine Anti-Doping-Agentur, fehlt sie in weiten Teilen Afrikas gänzlich. Aber keine Angst, Afrikaner sind hier moralisch gefestigt wie bei den „verjüngten“ Altersangaben anlässlich von Junioren-Weltmeisterschaften. Jeder weiß es in Funktionärskreisen, keiner tut was. Warum auch, die Gefahr eines weltweiten Flächenbrands ist viel zu groß und wer zündet schon gern sein eigenes Haus und das seiner Freunde an.

Eigentlich müsste in Rio nicht der russische Verband gesperrt werden, sondern die Welt-Leichtathletik selbst, jenes mafiöse Gebilde der IAAF, um einen radikalen Neuaufbau zu gewährleisten. Diese Sperre müsste wohl aber dann das IOC aussprechen, das in seinen Grundstrukturen ähnlich aufgebaut ist wie der Leichtathletik-Weltverband oder die Fifa. „One nation, one vote“ heißt die pseudo-demokratische Grundformel und jene einzelnen Stimmen müssen gekauft werden, beziehungsweise - von der anderen Seite gesehen – lässt man sich teuer bezahlen. „Da schaut der Franz (Beckenbauer) dem Sepp (Blatter) tief in die Augen und einige Milliönchen verschwinden nach irgendwo, zum Ruhme des Sports. Weiter so, liebe Funktionäre, Männer wie Hajo Seppelt brauchen schließlich auch noch im kommenden Jahr eine Beschäftigung.