Mit der internationalen Qualifikation beginnen meist erst die Probleme

Regensburg, 18. Februar 2016 (orv) – Die blutjunge Regensburgerin Franziska Reng hat am vergangenen Sonntag in Barcelona ihren ersten Halbmarathon bestritten. Heraus kam in 1:12:33 Stunden auf Anhieb die EM-Norm für Amsterdam – im Übrigen ebenso wie für ihre Teamkollegin Anja Scherl, die noch einen Platz vor ihr ins Ziel kam und dabei mit 1:11:17 Stunden die drittbeste Leistung einer deutscher Läuferin in den letzten 15 Jahren erzielte. Sie hofft nun sogar auf Olympia und will im April den dafür geforderten Marathon möglichst unter der Olympianorm von 2:30:30 Stunden in Angriff nehmen.

Solche Sensationssteigerung im letzten Moment sieht das bürokratische Sport-Deutschland nicht vor. Eigentlich ist die Aufnahme in den Doping-Kontroll-Pool bereits am 25. Januar abgelaufen und zum obligatorisch getesteten Bundeskader gehörte die Ältere der beiden Regensburgerin bisher auch noch nicht. Also wurde sie noch im Eilverfahren nachträglich in den Bundeskader aufgenommen, was im wirklichen Sportbetrieb so alle paar hundert Jahre mal passiert und daher organisatorisch wirklich absolut lobenswert ist. Als ihr Teamchef nach einem Zuschuss für das anstehende Auslandstrainingslager bei der Bundestrainerin anfragte, bekam er sehr schnell die eigentlich schon erwartete Antwort. „Für Trainingslager innerhalb des Vereins gibt es keine Zuwendungen.“ Die Richtlinien sind eben so, auch wenn Anja Scherl im Januar mit den Bundeskaderathletinnen schon trainierte, aber da noch keine Kaderathletin war, oder Franzi Reng im Januar wegen anstehender Prüfungen an der Uni nicht konnte und so beide nur für die Vereinsmaßnahme betteln können. Dass die zwei derzeit schneller sind als alle sonstigen Bundeskaderathletinnen spielt dabei wohl auch keine Rolle.

Anja, die ältere der beiden, arbeitet vollberuflich und kann sich so schon aus diesen Gründen den hoch bezuschussten Höhenketten-Maßnahmen des Verbandes nicht anschließen. Die Auslagen für die Trainingslager für sich und ihrem Mann und Trainer Marco zahlt sie eben dann aus eigener Tasche. So, wie die junge Studentin Franzi auch, die derzeit für so kostspielige Unternehmungen wie das Ostertrainingslager in Italien wenig bis gar keine Mittel zur Verfügung hat. Ihr Verein unterstützt beide nach Kräften, für die Jüngere wird’s finanziell trotzdem immer ein wenig knapp. Ein bisschen Förderung durch den Verband würden sich beide wünschen, zumal die Forderung durch denselben in Form einer Extranorm von 1:13:00 Stunden auch da war. Der veranstaltende Europäische Verband hat den Halbmarathon ohne Normvorgabe ausgeschrieben, ihn lediglich auf sechs Athletinnen pro Nation beschränkt. Anja und Franzi werden wohl bis zum Nominierungsschluss zu den Fünfen gehören, die der Deutsche Leichtathletik-Verband mitnehmen will.

Wie gesagt, der Anspruch bei der Führungsschicht des DOSB, des DLV und des geldgebenden Bundesinnenministeriums ist hoch an die Athletinnen und Athleten. Gehört man nicht zum erlauchten Kreis der besten Sechs im internationalen Vergleich, fällt die Förderung der Talente ganz schnell gegen Null ab. Franzi Reng, immerhin schon drei Jahre im Bundeskader und international durchaus erfolgreich, ist so eine Null-Athletin. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und das Bundesinnenministerium (BMI) arbeiten seit einem Jahr intensiv an einem Konzept, mit dem die Rückkehr in die Weltspitze gelingt. Präsentiert wird das Reformwerk im vierten Quartal des Jahres. „Viele nehmen es so wahr, dass jetzt die Chance besteht, einen großen Schritt zu tun“, sagte DOSB-Sportchef Dirk Schimmelpfennig der Deutschen Presse-Agentur. Die olympische Erfolgsbilanz des deutschen Sports ist rückläufig, dieser Abwärtstrend soll gestoppt werden. Die Befürchtung ist aber groß, dass Franzi Reng nach der Strukturänderung eine noch größere Null-Athletin sein wird, dann im Junior-Elite-Team des DLV, weil die junge Läuferin in Barcelona die zweitbeste Halbmarathonzeit lief, die jemals von einer deutschen U23-Athletin erzielt wurde. Bundestrainer Dietmar Choynard meint, es könnte gut sein, dass es dann für Franzi Reng nicht mal mehr für’s Taschengeld von 200.- Euro monatlich von der Deutschen Sporthilfe reicht. Bundesinnenminister de Maizière hat dafür eine kurze, aber prägnante Aussage. Er will für weniger Geld mehr Medaillen sehen.

Die deutsche Sportwissenschaft fordert bei der Reform des Leistungssports eine starke Mitsprache. „Wir haben eine Krise in der Struktur des deutschen Spitzensports“, sagte Kuno Hottenrott, Präsident der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft, am Mittwoch in Hamburg. „Die Strukturen jetzt bieten keine Zukunft.“ Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und das Bundesministerium des Inneren arbeiten seit einem Jahr an einem Konzept zur Rückkehr in die Weltspitze. Allein die Forderung nach mehr Medaillen greife zu kurz. „Die Medaillenbilanz kann nicht Ausgangspunkt einer Strukturreform sein“, sagte der Münchner Sportwissenschaftler Martin Lames. Zunächst soll die Frage geklärt werden: Warum wollen und brauchen wir Spitzensport?

Die Heimatkommune Regensburg bastelt seit der Wahl des neuen Oberbürgermeisters Jochen Wolbergs im Jahre 2014 an neuen Sportrichtlinien mit Stipendien für die hiesigen Spitzensportler. Von 100.000 Euro pro Jahr ist da die Rede. Man hatte Olympia 2016 im Auge. Man plant immer noch. Man weiß, dass man zu Potte kommen muss, man spricht zumindest schon ein wenig konkreter von Unterstützungen. Doch Olympia und die anstehenden Europameisterschaften sind quasi übermorgen und Franzi Reng braucht ein bisschen Kohle für das letzte wichtige Trainingslager in Italien. Und nicht nur Franzi Reng, sondern eine ganze Handvoll ihrer Teamkollegen von der LG Telis Finanz, die in der Warteschleife für Rio und Amsterdam stehen. Das ist für eine Stadt ohne Leichtathletikhalle sensationell. Die soll auch kommen, fragt sich nur wann?

Teamchef Kurt Ring würden graue Haare wachsen, wenn er nicht schon welche hätte. Vom Verhandeln, Bitten, Klagen, Betteln bis zum Provozieren hat er in der letzten Zeit alles für seine Schützlinge probiert. Immer drei Schritte voraus und zwei zurück, manchmal auch drei oder vier. Jedes kleine Zugeständnis musste abgerungen werden im Armenhaus Leichtathletik, seiner Leidenschaft, die ihm selbst im Jahr gute 10.000 Euro kostet. seinen kargen Ersatz für die Übungsleitertätigkeit  spendet er dem Verein zurück. Jeder fünfklassige Fußballspieler lacht sich darüber die Hucke voll. Leichtathleten sind eben rettungslose Idealisten, zumindest in Deutschland und Teamchef Kurt Ring als echter Vertreter dieser Spezies wird weiter machen mit dem Bohren nach Mitteln. Denn wo gehobelt und gebohrt wird, fallen auch Späne ab. Und die schenkt er dann seiner Franzi, Anja, Maren, Corinna, Philipp, Flo, Manuel und so weiter …auch wenn sie oft reichlich spät kommen.