Aber wer zahlt deutschen Profis das Gehalt?

26. Februar 2016 (Lothar Pöhlitz) - Endlich. Viele hofften schon länger das die Diskussion um die deutsche Spitzensport-Krise einmal ernsthaft geführt wird. Jeder weiß wer unzufrieden ist muß etwas ändern.Die vielen Absichtserklärungen aus der Neustartzeit nach der Wende “wir werden...“ müssten nun in Aufgabenerfüllungen durch die jeweils Verantwortlichen an den verschiedensten Schaltstellen des Hochleistungssports verwandelt werden. Dafür werden keine neuen Konzepte gebraucht oder müssen Forschungsmillionen verbrannt werden, sondern es braucht „Leute, Leute“, Fachpersonal das die Bedingungen und das vorhandene Wissen nicht nur für das Hochleistungstraining nutzen kann und Finalplatzierungen oder sogar Medaillen will.

Wir haben es doch in einer erfolgreichen deutschen Vergangenheit schon gekonnt. Vielleicht könnte man für eine neue Blüte des deutschen Sports auch unsere starke Wirtschaft wieder gewinnen die einst mit Persönlichkeiten und Materiellem half.Gerade machte sich die Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) Sorgen um Deutschlands Spitzensport-Krise, auch Millionen Sportfans die unsere Besten bei den großen Events feiern – wie gerade im Wintersport oder bei der Handball-EM - sorgen sich schon länger.

Das DOSB-Präsidium hat mit seinem geplanten Projekt „Anstoß 2016 - Aufgaben- und Effizienzanalyse des DOSB“ eine umfangreiche Strukturreform, dessen Ergebnis im Sommer 2016 vorliegen soll, deutlich gemacht das „zehn Jahre nach dem Zusammenschluss von DSB und NOK zum DOSB es an der Zeit ist, unsere Strukturen einmal ganz grundsätzlich auf den Prüfstand zu stellen und uns fit für die Zukunft zu machen“ (DOSB-Präsident Alfons Hörmann). Es beruhigt das auch sie unzufrieden sind.

Mit „weniger Geld – mehr Medaillen“ - geht nicht-
Für Medaillen braucht man Geld und Talente die professionell trainieren. Die Forderung von Innenminister de Maiziere als dem kompetenten Vertreter von Regierung und ihrem Sportausschuss „mit weniger Geld – mehr Medaillen“ wird Deutschland in den Olympischen Sportarten weiter in die Bedeutungslosigkeit führen. Noch weniger  Geld? Im Spitzensport geht es zwar um wenige sehr Gute in den Sportarten und das wird auch in Zukunft kein Selbstläufer wie Breitensport, sondern erfordert langjährige umfassende, zeitaufwändige Trainings-Investitionen.

Im Spitzensport müssen Profis für Profis arbeiten. Spitzensport will organisiert werden und braucht Talente, Zeit und Bedingungen zu ihrer professionellen, in der Regel 10-jährigen Ausbildung, Profis die das wollen, aber sie müssen während ihrer aktiven Zeit auch davon leben können. Und kompetentes Personal, Teams und Trainer die den jeweiligen Generationen tagtäglich zur Verfügung stehen. Es gilt auch für den Hochleistungssport die alte Erfahrung, wer kein Geld hat kann sich dafür auch nichts kaufen! Das gilt auch für die notwendigen Veränderungen in „nicht ausreichend funktionierenden, schon vor Jahren angedachten, geplanten, offensichtlich zu wenig fachgerecht umgesetzten Konzepten in vielen Teilbereichen, die Talenten, ihren Trainern und Managern unter professionellen Hochleistungssport-Bedingungen Medaillen möglich machen sollen.

Praxiserfahrung Hochleistungstraining – Spitzenleistung = Talent & Training
Eine nachhaltige Konkurrenzfähigkeit deutscher Sportler – das wären Grüße von dem einem oder anderen Podium dieser Welt - hat auch in Zukunft ihre Grundlage zuerst in neuen Strukturen im Nachwuchsleistungssport in den Landesverbänden und einer Neuausrichtung und Belebung des Schulsports. Von einer Vielzahl der Eltern und von den Ärzten würden die Regierung und Landesregierungen viel Beifall erhalten wenn sie die Gesundheit und Fitness unserer Jüngsten endlich einmal anschiebt und „Schulsport neu“ auf ihre Agenda setzen würde.

Dann finden sich auch wieder mehr Talente, Goldkörnchen, besser noch Genies die in Leistungssportschulen von kompetenten Personal auf das Hochleistungstraining vorbereitet werden könnten. Nur in einem verbesserten Aufbautraining ab dem Schüleralter werden die Grundlagen und eine höhere Belastungsverträglichkeit für das Anschlusstraining geschaffen. Und die besten Talente werden unter diesen Bedingungen auch über unsere Grenzen hinaus in ihren U18- U20-Altersklassen konkurrenzfähig sein.

Bessere Ergebnisse wären schon möglich wenn in einem ersten Schritt z.B. für Läufer eine Neuorganisation des notwendigen professionellen Trainings- und Wettkampfsystems für die vorhandenen Kader erfolgte. Dafür wäre eine Konzentration der Kräfte – Arbeit mit den Besten - hilfreich. Warum nur hat man nach der Wende so viele gute Trainer aus Ost und West vergrault, den Schulsportlehrern die Begeisterung für auch ihre außerschulische Arbeit verleitet? Ohne Moos nichts los gilt nicht nur für die Wirtschaft. In diesem Zusammenhang müßte auch die Frage beantwortet werden wer in Zukunft deutschen Profis und ihren Trainern ein angemessenes lebenswertes Gehalt für ihren „Fulltime-Job“ zahlt, nicht unbedingt die Millionen die im Fußball üblich sind.
 
Für den Hochleistungsbereich ist man sich unter Spitzensport-Kennern bei einer sachlichen Bestandsaufnahme einig, dass Deutschland unter den derzeitigen Führungs- und Förderstrukturen zukünftig keine Spitzensportnation mehr sein wird. Nicht voneinander zu trennen ist, dass das Fachpersonal auch an der Basis Bedingungen für Nachwuchsleistungssport und das Hochleistungstraining braucht. Es gibt sie noch die Mittel-, Langstrecken- und Marathonläufer beispielsweise, sie stehen nah am Rande eines tiefen Brunnens und man kann derzeit wohl davon ausgehen dass Gesa Felicitas Krause eine der wenigen bei den Olympischen Spielen 2016 sein wird die eine Medaille erkämpfen kann. Nach ihrer Vorbereitung auf das Hochleistungsalter an einer Eliteschule des Sports bereitet sie sich in einem bereits mehrjährigen Prozeß unter professionellen Bedingungen mehrfach im Jahr im Höhentraining vor. Das sind die notwendigen Voraussetzungen für Spitzensporterfolge z.B. im Mittel- und Langstreckenlauf.  

Nachwuchsleistungssport = Scouting & Ausbildung
Nur mit Talenten die sich ganzjährig über mehrere Olympiazyklen systematisch ansteigend bis zu 10-12 Trainingseinheiten pro Woche bei professioneller sportmedizinisch-physiotherapeutischer Begleitung auf das Höchstleistungsalter vorbereiten können, werden Deutschlands Leichtathleten wieder auf breiterer Front ihren Beitrag zu einer konkurrenzfähigen Spitzensport-Nation leisten. Dazu wäre Scouting, wie es im Fußball bereits seit Jahren praktiziert wird, eine Schlüsselaufgabe. Nur wenn zukünftig echte Talente in den Landesverbänden ausgewählt und erfahrungsgemäß in 8-12 Jahren auf eine Belastbarkeit für Spitzenleistungen vorbereitet werden, wird Deutschland nachhaltig auch in Sportarten außerhalb des Fußballs Medaillen gewinnen.

Das bedeutet zugleich, das nur wenn innerhalb der Olympischen Leichtathletik jeder Trainer, Funktionär und Sportler seine Arbeit dieser Aufgabe widmet, haben wir eine Chance. Das erfordert eine Neuaufstellung des deutschen Spitzensports in diesem Sinne beginnend beim DOSB, in den Verbänden und vor allem dort wo die Leistungen „produziert“ werden, also auch durch Neuorganisation und mehr Effizienz der Bundesleistungszentren, Olympiastützpunkten, Eliteschulen des Sports und den Leistungssportabteilungen bei den Leichtathletik-Landesverbänden.

Das Fachpersonal an der Basis braucht Bedingungen für Nachwuchsleistungssport, Hochleistungstraining und ein anderes, modernes Wettkampfsystem. Dazu gehört auch eine tägliche sportmedizinisch-physiotherapeutische Begleitung. Die aktuelle Leistungsstagnation und die in Gang gekommene Diskussion macht deutlich das neuen Konzepten nur die zweitwichtigste Priorität zukommen müßte, weil es die notwendigen Instrumente bereits gibt.

Eliteschulen des Sports bereiten auf das Hochleistungstraining vor
„Der DOSB, die Kultusministerkonferenz (KMK), Vertreter der Eliteschulen des Sports, der im DOSB organisierten Spitzenverbände, der Sportministerien sowie der Landessportbünde haben sich 2015 bei einer Konferenz in Potsdam verständigt zukünftig Talente noch effektiver und individueller zu fördern. Dazu sollen alle Eliteschulen bis Ende 2016 ein eigenes sogenanntes Zielprofil erhalten. Dahinter verbirgt sich, die von der Weltspitze abgeleiteten Anforderungen der einzelnen Sportarten im Hochleistungsalter und in den Altersklassen auf dem Weg dorthin“ (siehe: DOSB Eliteschulen des Sports).

„Wir wollen das bestehende System wirkungsvoller strukturieren und weiter optimieren, um am Weltmaßstab orientierte sportliche Spitzenleistungen der Schülerinnen und Schüler zu ermöglichen, ohne dabei jedoch die schulische Ausbildung zu vernachlässigen“, sagte Dirk Schimmelpfennig, DOSB-Vorstand Leistungssport. Langjährige Beobachtungen lassen leider den Schluß zu, dass Vereine ihre besten Talente nicht gern an Leistungssportschulen abgeben. Warum dürfen sie auch nicht weiterhin für ihren alten Verein erfolgreich sein. Sie bedenken nicht das sie mit 4-5x Jugend-Training pro Woche die Belastbarkeit für ein Hochleistungstraining nicht ausprägen können. Die Verletzungsproblematik lässt grüßen.

Das ist auch ein wesentlicher Grund warum nicht selten schon im Anschlusstraining, wo sie dann selbstverständlich täglich trainieren,  die „Luft rausgeht“. Sie bedenken auch nicht das sie damit ihrem Ausnahme-Talent – nur das meine ich -  eine mögliche Perspektive, oder sogar einmal einen Platz auf einem Podium, verbauen. Vielleicht muß in diesem Zusammenhang einmal über eine Ausbildungsentschädigung nachgedacht werden wie sie im Fußball üblich ist.