Nils Schumann und seine unsäglichen Ansätze zur Dopingbewältigung

Regensburg, 10. März 2016 (orv) – Zugegebenermaßen ist es fast ekelerregend, was in Sachen Doping derzeit in der Leichtathletik passiert. Das bringt so manchen auf den Plan, Gescheites und manchmal auch Unsäglichen dazu zum Ausdruck zu bringen. So meldete sich in den letzten Tagen auch der letzte der deutschen Olympiasieger auf Laufstrecken, Nils Schumann (800m im Jahr 2000), zu Wort. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur ist er zwar grundsätzlich gegen den Einsatz von Dopingmittel, provoziert dann aber mit einer Aussage zur Freigabe von Dopingmittel: „Wenn ich etwas nicht kontrollieren kann, dann sollte ich es auch nicht kriminalisieren.“

Er vergisst dabei, dass wir Gott sei Dank in einem freiheitlich demokratischen Rechtsstaat leben, der sich immer noch nach bestimmten Regeln abwickelt. Diese Regeln werden von der Legislative als Gesetzte beschlossen und im allgemein täglichen Leben durch die Exekutive umgesetzt. Dass dabei immer wieder mehr oder weniger große Schlawiner bis zur Spezies der Kapitalverbrecher dies zu umgehen versucht, gehört eben zur lebenden Demokratie dazu. Um dies zu ahnden, besitzt jedes demokratische System eine Rechtsprechung mit den entsprechenden Sanktionen.

Bis 2016 war das Thema Doping im Rechtsgebaren der Bundesrepublik eher ein Kavaliersdelikt, im Grunde nicht justiziabel und in die Sportgerichtsbarkeit abgeschoben. Jetzt haben wir in Deutschland ein Doping-Gesetz und das ist gut so. Denn so harmlos, wie Nils Schumann jene „unterstützende Mittel“, wie sie in der ehemaligen DDR hießen, umschreibt, sind sie wahrlich nicht. Hunderte von geschädigten Dopingopfern aus dem ehemaligen deutschen Unrechtsstaat können dafür Zeugnis ablegen.

Aber noch einmal zurück zu Schumanns Ausgangsthese „Wenn ich etwas nicht kontrollieren kann, dann sollte ich es auch nicht kriminalisieren.“ Dazu ein einfacher Vergleich, der zwar ein wenig hinkt, aber trotzdem recht anschaulich ist. Mord, ein Kapitalverbrechen, ist prophylaktisch auch nicht zu kontrollieren, aber kein vernünftiger Mensch käme auf die Idee, dieses Delikt deshalb nicht zu kriminalisieren. Abwegig? Ich meine mitnichten. Wenn wir uns mal den Wert – in diesem Falle eher fehlenden Wert – eines einzelnen Menschenlebens in diktatorischen oder bürgerkriegsverseuchten Schwellenstaaten vor Augen halten, werden entsprechende Staats- oder auch sportwirtschaftliche Systeme wenig Rücksicht auf die Gesundheit beziehungsweise sogar das Leben ihrer Athleten nehmen, wenn man sie zum eigenen Ruhm und Profit „anfüttert“.

„Staatlich überprüfte Hersteller“ fordert Schumann für die Zukunft und vergisst dabei, dass staatlich in unserer multiplen Welt nicht unbedingt staatlich ist. So, wie Dopingkontrolle in Deutschland nicht unbedingt gleich ist mit Dopingkontrolle in Russland oder anderswo. Die klaren Verhältnisse, wie Schumann sie will, wird es nie geben, so, wie es auch keine Gesellschaften ohne Mord gibt. Mit Fahndung und Ahndung werden die Rechtssysteme immer hinterher hecheln und ein Verdacht ist eben auch der erste Ansatz für eine Fahndung.

Offizielle Dopingsponsoren wünscht sich Schumann für die Zukunft und könnte somit gleich nach der Mafia schreien, jenem italienischen Unrechtssystem, das sich ihre eigenen Regeln auf der ganzen Welt geben wollte und dafür von allen Rechtssystemen der Welt mehr oder wenig gejagt wurde und wird, ohne dieses Netzwerk des Bösen letztendlich ganz zerstören zu können. In seiner geradezu wahnartigen Vorstellung verherrlicht Schumann die zukünftig „ehrlichen“ Weltrekorde und vergisst dabei, dass er damit die Athleten schon längst zu Versuchskaninchen der Sportmediziner, Pharmakologen und Sportwissenschaftler abgestuft hätte. Er müsste es eigentlich besser wissen. Nils Schumann wäre unter diesen Prämissen niemals Olympiasieger geworden. Ausschlaggebend war bei seinen Siegen nie die weltrekordnahe Form seines Körpers, sondern immer die taktische Raffinesse, die der Athlet Schumann im Endspurt besaß. Das erst machte Schumanns Rennen so faszinierend, viel besser als so manches gestylte Weltrekordrennen.

Ganz zum Schluss bleibt der Hinweis, wie die Leichtathletik nach Schumanns Dopingthesen in Zukunft an die Talente rankommen will. Welche Eltern schicken denn bitte ihr sportbegabtes Kind in einen Sportverein, dessen Ziel es am Ende ist, dieses Talent im Höchstleistungsalter zum „Sportjunkie“ zu „tunen“, weil sonst eine erfolgreiche Karriere nicht mehr möglich wäre.