„Es war wieder mal nichts Halbes und nichts Ganzes. Ich kann mit Dessau, einem an sich gut organisierten und auch bestens besetzten Meetings einfach keinen Frieden schließen, auch wenn hier Corinna Harrer noch immer seit 2012 über 1500m den Meetingrekord mit 4:05,62min hält. Aber schon damals war das für Olympia noch 12 Hundertstel zu langsam. Irgendwie mag uns diese Stadt und diese Veranstaltung nicht“, gab Telis-Teamchef Kurt Ring seinen Gefühlen freien Lauf. Und so war’s denn für Maren Kock und alle anderen EM- und Olympiaaspiranten wieder einmal ein verkorkstes 1500m-Rennen, in dem sich die beiden Tempomacherinnen mehr behinderten als ihre Arbeit bei der dann viel zu langsamen Pace zu erledigen. „Man könnte sich jetzt viele Gedanken machen, wo die 33 Hundertstel liegen geblieben sind, am Ende bringst aber nichts“, sagte Maren Kock, steckte kurz mit ihrem Teamchef die Köpfe zusammen und reiste bereits am nächsten Tag von Berlin via Jet nach Brüssel, in dessen Nähe ihr Freund Florian Orth beim Flanders.Cup in Oordegem 24 Stunden nach dem Dessauer Intermezzo seine EM- und Olympiaträume über 5000m verwirklichen will. Was ursprünglich für die Regensburgerin nur ein Fantripp werden sollte, war nun plötzlich innerhalb von zwei Tagen eine weitere Startmöglichkeit. Gemeldet hatte man zur Vorsicht schon vorher.

„Jetzt geht sie wieder los, die Hatz nach den Normen und mit jeder Chance weniger verkrampfen die Protagonisten mehr. Was laut Statuten der internationalen Verbände – dort ist der Qualifikationsraum seit 1.1.2015 offen – möglich ist, lassen deutsche Funktionäre nicht zu, weil sie zum Schaden ihrer Athleten um 27tausend Ecken denken und ihr elitärer Ansatz in ihren Augen wichtiger zu sein scheint als die Träume der jungen Sportler“, stellt Kurt Ring zum wiederholten Mal fest. Träume hat auch Telis-800m-Mann Benedikt Huber, die zunächst nur mit „unter 1:47“ zu tun haben. Da aber die deutsche EM-Norm bei 1:46,50min steht – die internationale hat er bereits – und Deutschland wenig Mittelstreckler hat, die das können, erlaubt er sich ganz im Hinterkopf auch seinen ganz privaten eigenen Traum. Vielleicht fehlen ihm dazu nur noch ein, zwei günstige Rennen, ein wenig Glück und dann „schau’n ma mal“, wie Beckenbauer in solchen Situationen immer zu sagen pflegte.

Julia Kick entpuppt sich inzwischen zu einer, die durchaus schon in der Lage ist, „die da vorne ein wenig zu ärgern“. Ohne Normenstress und noch nicht in der Lage, sich bei solchen Rennen in die Siegfrage einmischen zu können, zaubert sie eine Bestzeit nach der anderen aus ihrem Nähkästchen. „Ich musste ja nur mitlaufen“, war ihre charmant vorgetragene Erwiderung auf so manchen Gratulanten, was aber nicht ganz das widerspiegelt, was sie derzeit konstant leistet. Für Corinna Harrer ist der erste Schritt zurück getan. „Es war ein sehr mutiger, weil eigentlich demütiger für sie. Sie hat es ganz allein entschieden und im Rennen trotz großer Rückstände Größe gezeigt. Da ziehe ich nur meinen Hut. Sie wird in alter Stärke zurückkommen, da bin ich mir sicher“, lobte sie ihr Coach Kurt Ring nach dem Rennen.