Mit den neuen WM-Normen möchte die Sportführung zurück zum alten Modus

Regensburg, 11. Januar 2017 (orv) -„Der DLV setzt sich für Chancengleichheit und eine saubere Leichtathletik ein – national wie international“, kann man überdeutlich auf der ersten Seite des verbandseigenen Internetportals leichtathletik.de lesen. Schon im Januar des letzten Jahres heftet sich der DLV die Angleichung der DOSB-Normen für die Olympischen Spiele an die von der IAAF vorgegebenen „entry standards“ an seine Fahne: „Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) stimmt dem Antrag des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) zu. Zahlreiche Einzelnormen für die Olympischen Spiele in Rio werden abgesenkt“, betont leichtathletik.de dies noch einmal ausdrücklich in seinem Artikel vom 27. Dezember des vergangenen Jahres „Das Jahr im Rückspiegel (I)“.

Das russische Dopingproblem schwelt weiter dahin, von den leichtathletischen Schwellenländern, die kein oder kein ausreichendes Doping-Kontrollsystem haben, spricht keiner mehr. Darunter finden sich ausgesprochene Medaillen- und Weltrekordlieferanten wie Äthiopien und Kenia. Das kriminelle Verhalten des ehemaligen IAAF Präsidenten Lamine Diack ist längst unter den Teppich gekehrt, sein Nachfolger Sebastian Coe betrachtete einst die Veröffentlichungen der Whistleblowerin Yulia Stepanova „als Kriegserklärung an seine Sportart“. Zu seiner aktiven Zeit in den 80er Jahren, einer Zeit ohne Trainingskontrollen, sagt er nichts. Kenner dieser Epoche sagen dazu, dass es weltweit die wohl verseuchteste Zeit überhaupt war.

Viel Sturm befand sich im Wasserglas des letzten Jahres! Und trotzdem scheint man zurückzukehren zum gewohnten Tagesgeschäft, als sei nichts gewesen. Wenn es um die Konkurrenz Geld und/oder Sauberkeit geht, scheint  noch immer die Sauberkeit zu verlieren. Glaubt man seinen Worten, ist der saubere Sport dem deutschen Innenminister Thomas de Maizière immer viel wert gewesen. Er sagt aber auch, dass er für sein Geld mehr Medaillen will. Ob dies bei einer weiteren Einhaltung  des hohen Standards in der deutschen Dopingbekämpfung möglich ist, bleibt dahingestellt.
 
Die Situation bei den ausführenden Organen des Verbandes ist fatal. Einerseits ist das BMI Brötchengeber der hauptamtlichen Organisationsschiene und diese sieht sich in einer gewissen Verpflichtung zum Ministerium, anderseits sollen die Funktionäre den Ansprüchen ihrer Athleten gerecht werden und deren wohl formulierte Rechte vertreten. Eigentlich ist das ein gordischer Knoten. So ist auch jener abermalige Versuch zu verstehen, sich bezüglich der Weltmeisterschaften der Weltmeisterschaften von der Rio-Formel nationale Norm ist gleich Iaaf-Norm zu entfernen. Minimal zwar, aber deutlich sichtbar.

Die in der Vergangenheit immer wieder vorgebrachte Vergleichbarkeit der einzelnen Disziplinen untereinander wird wohl  als Argument erneut herhalten müssen, als würden nicht nur am grünen Tisch Diskuswerfer gegen Marathonläufer antreten müssen. Die internationale Vergleichbarkeit in Form von Chancengleichheit bei der Eingangsleistung aller Läufer, Springer und Werfer dieser Erde,  disziplinär getrennt in einzelne Wettbewerbe verteilt, wird dann ganz schnell hintangestellt. Was ist letztendlich wichtiger? Die irreelle Vergleichbarkeit nationaler Werfer mit nationalen Läufern oder der reale internationale Vergleich innerhalb einer Disziplin, den man Wettkampf nennt?

Wir Deutschen neigen da oft in der eigenen Regelfestsetzung zu obskuren Ansätzen. Kein Mensch kann erklären, warum ein 5.000m Läufer mit einer Bestzeit von 13:22,00min bessere Endlaufchancen haben soll als einer mit einer Bestzeit von 13:22,60min. Genau jene 6 Zehntel machen aber wieder einmal den Unterschied der internationalen zur nationalen DLV-Norm für die WM aus und sind ein deutlicher Beweis auch für das elitäre Denken hinsichtlich der erweiterten Endkampfchance. Deutsche haben besser zu sein als der Rest der Welt. Daraus ergeben sich einige berechtigte Fragen. Warum eigentlich soll das überhaupt so sein? Steht es unserem Herrenvolk nicht auch mal gut an, wenn einer seiner Vertreter ab und an als Letzter die Ziellinie überquert? Müssen wir Deutsche eigentlich überall unseren eigen Senf dazugeben? Ausrichter und Veranstalter der Weltmeisterschaften in London 2017 ist die IAAF. Sie gibt für die ganze Welt die entry standards vor – warum nicht auch ohne Wenn und Aber für uns Deutsche.

Schon im letzten Jahr haben einige Marathonläufer/Innen gegen das vom Feudalismus geprägte Verbandssystem aufbegehrt, in den Raum gestellt, ihre internationale Startberechtigung einklagen zu wollen. Die Verbände suchten sehr schnell den Vergleich, zur Klage kam es dann nicht mehr, weil alle relevanten Athleten/Innen durch die Herabsetzung der nationalen Normen für Rio qualifiziert waren. Es war ein erster Ansatz von mündigen Athleten, so wie sie DOSB Präsident Alfons Hörmann haben will. Das hat dieser zumindest in einem TV-Interview im letzten Jahr verlauten lassen. Der moderne Athlet akzeptiert immer weniger, das altgediente, ihm angedachte Rollenspiel zu übernehmen. Nicht wenige verstehen sich inzwischen als freie Sportunternehmer, eher als Partner ihres Interessenverbandes DLV und weniger als dessen Untergebene.