... sagt Läufer Florian Orth zu seinem Verhältnis mit dem DLV

Orth5 DM Halle2017 Kiefner FotoRegensburg, 24. Februar 2017 (orv) - Für Florian Orth von der LG Telis Finanz Regensburg stünde vom 3. bis 5. März eigentlich die siebte EM-Teilnahme (bisher dreimal Freiluft, dreimal Halle) an. Doch der 27-Jährige sagt vier Tage vor der EM ab und begründet dies in einem langen Brief. „Die Voraussetzungen habe ich zwar erfüllt, ich bin soweit durch. Es wäre mal neu, wenn ein Athlet Nein sagt zu einem Verband, der mir nicht vertraut, und einem Land, das mich nicht fördert“, sagte Orth schon im Interview bei der Mittelbayerischen Zeitung unmittelbar nach der Hallen-DM. „Die Signale waren etwas verstörend und zeigten den fehlenden Respekt.“ Was war passiert vor und rund um die Meisterschaftstage? Florian Orth hatte schon weit vor den Titelkämpfen bekannt gegeben, dass er unter gewissen Umständen zwar die Hallen-EM laufen, aber eben keine sonstigen Hallenrennen außer den Deutschen Meisterschaften im Hinblick auf die kommende WM-Saison bestreiten wolle. Der Verband kam ihm entgegen und öffnete den Qualifikationsraum explizit für die 3000m unter Anerkennung der international gültigen „entry standards“ für die Hallen-EM bis 1.1.2016. Dadurch hatte der Regensburger die Norm durch seine Rennen aus der letztjährigen Hallensaison. Der Verband wäre aber nicht der Verband, wenn da eben auch nicht ein Leistungsnachweis - unverständlicherweise über die 1500m - von 3:44,50min in den Nominierungsrichtlinien für 2017 stünden.

Orths neuer Bundestrainer André Höhne glänzte im Vorfeld der Hallensaison zudem nicht gerade mit einer regen Kommunikation in Richtung des Regensburger Athleten und auch in der Leipziger Halle fiel der neue Mann eher durch „eine ungeschickte Begrüßungsformel“, wie sie Telis-Teamchef Kurt Ring nannte, auf. Mit den Worten „Du weißt schon, dass Du den geforderten Leistungsnachweis noch bringen musst“ suchte er mehrmals das Gespräch mit dem Telis-Läufer und das auch noch nach dessen famosen Silberlauf über 3000m, was jedem Experten allein schon als Bestätigung seiner EM-Tauglichkeit gereicht hätte. Der neu installierte Verbandscoach fing sich denn auch gleich vom alten Haudegen Kurt Ring vor Orths erster Silbermedaille über die längere Distanz eine deftige Abfuhr ein. „Uns interessiert hier und heute herzlich wenig, welche Leistungsnachweise denn unbedingt notwendig sind. Florian Orth hat die internationale Qualifikation und das sollte letztendlich reichen, wenn er beim heutigen 3000m Rennen unter den besten Drei ist.“

Die Geschichte hat dann am zweiten Tag der Meisterschaften noch eine „verbandsfreundliche Wendung“ genommen, wie es Telis-Coach Kurt Ring in seiner ganz eigenen Art nannte, weil der Regensburger im 1500m Rennen ganze zwei Hundertstel den geforderten Leistungsnachweis übertraf. Wer aber nun glaubt, Florian Orth hätte deshalb die Flucht nach vorne angetreten, liegt falsch. Allein dem Jungspund Marius Probst auf Grund dessen Spurtstärke durch ein forsches Grundtempo den Zahn zu ziehen, spielte im taktischen Denkkonzept des Telis-Läufers eine Rolle. Dass es nicht hinhaute, schon gar nicht auf Grund der sehr hohen Vorbelastung resultierend aus dem Doppelstart am Vortag, war wieder ein ganz anderer Aspekt.

Unterhält man sich mit Florian Orth etwas länger, erfährt man bald, das sein Disput mit dem DLV schon eine längerfristige Ursächlichkeit beinhaltet. Und es hat immer etwas mit den eigenen Zulassungsvorstellungen des DLV zu tun, seien es nun die Normen für internationale Meisterschaften oder sei es die bloße Aufnahme ins recht komplizierte Kadersystem. Es ist nicht das erste Mal, dass der Regensburger international nach den Ausschreibungen des jeweiligen Veranstalters qualifiziert ist und von nationalen Einschränkungen des eigenen Verbandes getriezt wird. Anstatt auch jene Athleten/Innen in ihrem Startrecht zu unterstützen, die nicht unbedingt für eine Medaille oder einen Endkampfplatz gut genug sind, legt man ihnen mit Sondernormen und Regelungen in den jeweiligen Nominierungsrichtlinien im Gegensatz zu anderen Nationen ganze Felsen in den Weg. Sie sind für den DOSB und den untergeordneten Fachverband anscheinend nichts wert, was die stets mitreisenden Topfunktionäre auch deutlich zeigen. Man verlangt die Medaille oder zumindest eine erweiterte Endkampfchance.

Was Florian Orth dann im ganz besonderen Maße geärgert hat, war die Tatsache, dass man ihn, den besten deutschen Bahnläufer in Rio überhaupt, aus dem Topteam-Kader zurückstufte in den ganz normalen B-Kader. Damit war auch die Sporthilfe weg. Finanziell gesehen sollte dies den derzeitig schon praktizierenden Zahnarzt wenig jucken. Auf die paar hundert Euro kann er inzwischen verzichten. Was aber bei Wegfall der Sporthilfe viel schwerer ins Gewicht fällt, ist die Tatsache, dass bei Vorbereitungstrainingslagern und Verweildauern bei internationalen Events kein Verdienstausfall von dieser mehr übernommen wird. Und das heißt im Klartext: Florian Orth muss seinen Zweitberuf, nämlich den des Läufers, eben in seiner Freizeit ausüben und gegebenenfalls seinen Urlaub dafür opfern. Ob damit die vom DLV so vehement geforderte professionale Ausrichtung eines Dualkarriere-Athleten auf Dauer auch erfolgreich sein kann, bleibt dahingestellt.

„So springt man nicht mit einem seiner besten 5000m-Spezialisten um, der gerade einmal nach vier oder fünf Rennen auf dieser Distanz angefangen hat, sich warm zu laufen und noch vor seinen besten Jahren steht. Mag sein, dass ein Sprinter mit 27 Jahren ein alter Athlet ist, ein Langstreckler ist da jedenfalls noch vor seinen besten Jahren“, sagt dazu Telis-Teamchef Kurt Ring. Dr. Paul Lambertz, ein renommierter Anwalt in Sachen Sportrecht hat hier eine andere klare Ansicht parat. „Athleten, die sich für Olympische Spiele oder ähnliche Events qualifizieren, sind rein rechtlich als Berufstätige einzustufen und haben damit auch ein Startrecht für internationale Veranstaltungen, sofern sie sich nach deren Ausschreibungen qualifiziert haben. Unterstützt der Verband dies nicht oder behindert er dies durch elitäre eigene Einschränkungen, kommt dies einem Berufsverbot gleich. Und das ist wiederum rechtswidrig.“

Die zivilrechtliche Auseinandersetzung möchte man von Seiten der Verbände allzu gerne ausschalten indem man den Athleten Athletenvereinbarungen unter der Bedingung aufzwingt, dass dieser nur dann zu internationalen Meisterschaften gemeldet wird, wenn er unterschreibt. Darin steht, dass die Sportler auf viele individuelle Persönlichkeitsrechte zum Ruhm und zur Ehre der Nation zu verzichten haben. Dr. Lambertz stellt diese Athletenvereinbarung in die Nähe eines Knebelvertrages. Florian Orth hat ihn nur zähneknirschend unterschrieben mit einer Zusatzbemerkung, dass er sich mit verschiedenen Unterpunkten so gar nicht einverstanden fühlt. Ins Verständnis der Verbandsfunktionäre passen solche Gedanken noch immer überhaupt nicht. Ihr System ist nach den Gesetzen des Feudalismus aufgebaut. Googelt man nach einer Definition dieses von alt her benützten Systems, kann man folgendes nachlesen: „Feudalismus bezeichnet eine persönliche Abhängigkeit eines Untergebenen von seinem Herrn auf der Basis vergebenen Grundbesitzes. Diese Abhängigkeit kann sowohl erzwungen als auch freiwillig entstanden sein … Diese Abhängigkeit äußerte sich in Gehorsam und Leistungspflichten seitens des Abhängigen, der für den Herrn unentgeltliche Dienstleistungen erbringen musste.“ Übersetzt man einige Wörter in die Welt des Sports, lässt sich das Ganze durchaus auf die angewandten überalterten Verbandssysteme übertragen.

Natürlich sind Athleten keine Untergebenen mehr, ihre Rechte werden aber nur in ganz geringem Maße von den Verbänden vertreten und sogenannte Interessenvertretungen, wie sie die normale Arbeitswelt mit den Gewerkschaften kennt gibt es zuweilen nur im Profisport. Dem Deutschen Leichtathletik-Verband ist die Fürsorge gegenüber seinen Athleten und Verein in seiner Satzung zumindest keine Zeile wert. Natürlich kann man den Dachverband auch nicht als „Herrn“ im ursprünglichen Sinne bezeichnen, doch wenn der Athlet nicht gehorsam unterschreibt und damit auf seine ganz persönlichen Vermarktungsrechte unentgeltlich verzichtet, ist er eben nicht dabei, wenn’s drum ginge, seine Träume sportlicher Natur zu verwirklichen. Und natürlich kann man beim Begriff „Grundbesitz“ mit etwas Phantasie auf das Alleinvertretungsrecht des DLV in Sachen deutscher Leichtathletik schließen, der quasi hier als Monopolist auftritt.

Orths Teamkollege Philipp Pflieger war im letzten Jahr so einer, der aufgemuckt hat und eine Klage in den Raum stellte, weil man ihm trotz internationaler Olympiaqualifikation die Teilnahme für Rio mit eigenen  national verschärften Normen verwehren wollte. Schon vor dem ersten Gespräch zwischen Pflieger-Anwalt und DOSB knickten die Funktionäre ein und passten die nationalen Normen fast in allen Disziplinen den internationalen an. Ein Schelm ist, der dabei glaubt, das Ganze hätte nur mit Russlands Dopingskandal zu tun gehabt. Wie sollte man sonst erklären können, dass zwar alle Leichtathletik-Normen angepasst wurden, aber jene der Schwimmer eben nicht. Philipp Pflieger outet sich schon lange als Berufssportler, weil er schließlich derzeit allein von der Tätigkeit Laufen lebt. Das hat er auch deutlich bei der Vorababsage für die Weltmeisterschaften 2017 formuliert, selbst dann, wenn er 23. April beim Hamburg-Marathon  unter der vom DLV geforderten Norm von 2:13:00 Stunden bleiben würde. Er will sich in diesem Jahr auf vermutlich zwei große deutsche City-Marathons konzentrieren und von daher auf einen möglichen Start bei den Weltmeisterschaften in London Anfang August verzichten. Zwei Städtemarathons in diesem Jahr sind eine entscheidende Basis für sein Grundeinkommen als Profiläufer uns so möchte er natürlich ein auf diese Weise "ein paar Euro verdienen".

Im Profigeschäft sind knallharte Verträge zwischen den Fußballern und ihren Vereinen auf Augenhöhe mit den Verbänden schon längst praktizierte Realität und vor König Fußball hat selbst das IOC bereits Demutshaltung eingenommen. Wie sonst wäre es zu verstehen, dass sich die Hüter des olympischen Grals beim alle vier Jahre stattfindenden Turnier unter den fünf Ringen mit den Lehrlingen, heißt den U23-Mannschaften aller Nationen abfinden. Aus ihrer Sicht bleibt zu befürchten, dass die Pfliegers und Orths immer mehr werden und auf ihre Rechte pochen. Zur Erinnerung: Das Wahlrecht der Frauen wird just 2018 hundert Jahre alt und dafür mussten dessen Vertreter/innen viele Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte hart drum kämpfen.

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