Im Jahresrhythmus international dabei zu sein verhindern die DLV Nominierungsrichtlinien

Pflieger3 EM2016 KiefnerfotoRegensburg, 15. März 2017 (orv) – Die beiden Olympiateilnehmer Anja Scherl und Philipp Pflieger haben schon längst bekundet, dass sie auf einen Start bei den diesjährigen Weltmeisterschaften in London verzichten werden, selbst dann, wie im Falle Pflieger,  wenn beim Frühjahrsstart die geforderte Zeit fallen würde. Nun hat auch noch Arne Gabius den möglichen Start in London, wenn auch aus anderen Gründen, abgesagt. Fakt ist, einen regelmäßigen alljährlichen Einsatz von Deutschlands besten Marathonläuferinnen und Marathonläufern beim jeweiligen internationalen Höhepunkt wird es wohl kaum mehr geben, seit praktisch jedes Jahr einer ansteht. Die Gründe dafür sind verschieden, in Deutschland aber auch hausgemacht.

Grund Nummer eins, vor allem in der Periode 2017/18 mit den anstehenden Heim-Europameisterschaften in Berlin, ist die in Deutschland vertrackte DLV-Qualifikationspolitik. Im Gegensatz zu den internationalen entry standards, bei denen man den Qualifikationszeitraum immer bis zum 1.1. des Vorjahres zurückdatiert, setzt der DLV seinen eigenen Qualifikationszeitraum vom 1.8. des Vorjahres bis Nominierungsschluss fest. Das ist ein Zeitraum, der die Qualifikation eben nur über einen Herbstmarathon im Vorjahr der Zielmeisterschaften oder eben noch im darauffolgenden Frühjahr zulässt. Methodisch sinnvoll gesehen ist eigentlich nur den Herbstmarathon, weil zwei Marathons im März bis April beziehungsweise im August trainingsmethodisch wegen der fehlenden Regenerationsräume dazwischen nur schwer zu realisieren sind.

Da Philipp Pflieger im Start bei der Heim-EM von vorneherein bessere Erfolgsaussichten sieht, seinen Frühjahrsmarathon 2017 für Berlin national gesehen nicht einbringen kann, muss er auf den Herbstmarathon setzen, will er 2018 in der Hauptstadt dabei sein. Auch wenn Arne Gabius ideelle Gründe für seine Absage angibt, mögen ihm in Richtung EM wohl ähnliche Gedanken durch den Kopf gegangen sein. Für Anja Scherl gilt jedenfalls praktisch dasselbe.

Gegen eine EM-Normerfüllung bei den Weltmeisterschaften spricht einiges. Erstens finden die Titelkämpfe mitten im Sommer bei keineswegs garantierten Idealtemperaturen für den Marathon statt. Man denke nur an Rio. Zweitens sind die wenigsten Meisterschaftsstrecken auch schnelle Strecken und drittens gehen diese Läufe ohne jegliche Tempomacher vonstatten. Die vom DLV festgesetzte Qualifikationsnorm liegt aber extrem höher als jene von den internationalen Verbänden verlangte Zeit und richtet sich in der Regel bei WM und Olympia am erweiterten Weltniveau aus, bei Europameisterschaften an den Top-ten auf dem Kontinent. Da muss dann schon beim Können deutscher Marathonläufer/Innen im Herbst ein veritabler Stadtmarathon her, der alle günstigen Komponenten bietet.

Nicht zu verachten ist die wirtschaftliche Komponente für deutsche Marathonläufer. Um auf dem geforderten Niveau laufen zu können, sind viele Sportler schlicht und einfach wie Philipp Pflieger Vollprofis. Sie ernähren sich quasi vom Laufen. Da fällt die Entscheidung pro Stadtmarathon kontra internationalen Einsatz sehr schnell. Beim Start in Berlin, Hamburg, Frankfurt, Hannover oder Düsseldorf kann sich ein Marathoni dieser Klasse einen guten Anteil seines Jahreseinkommens verdienen. Das hat auch DLV-Präsident Dr. Clemens Prokop schon erkannt. In einem DPA-Artikel vom 17. März sagt er: „Für Marathonläufer sind die Städtemarathons wirtschaftlich und ökonomisch viel spannender als internationale Meisterschaften.“ Für Philipp Pflieger ist der Start bei den Städtemarathons weniger spannend als existenziell. Sein Coach und Mentor Kurt Ring drückt das deutlich aus: „Um als Marathonläufer zu überleben, muss man den DLV-Pfad verlassen.“ Philipp Pflieger sagt, „er hätte als Läufer nicht überleben können, hätte es den Marathonlauf in Berlin 2015 nicht gegeben.“
 
Obwohl Olympiastarter wird der Regensburger vom DLV nach seiner Rio-Leistung von 2:18:56 Stunden, unter Extrembedingungen erzielt,  als B-Kaderathlet mit nur geringfügiger Förderung für Trainingsmaßnahmen eingestuft. Diese bekommt er auch nur, wenn er an Bundeskadermaßnahmen teilnimmt. Die würden aber auch nicht passen, wenn er ernsthaft mit seinem Frühjahrsmarathon London ins Auge fassen würde. International wäre er längst für London qualifiziert. Laut IAAF braucht man dazu nur eine 2:19:00 im Zeitraum vom 1.1.2016 bis Meldeschluss im Juli 2017. „Würde sich Philipp für die riskante Variante mit einem WM-Start entscheiden, würde er hohes Risiko gehen, für die EM-Qualifikation nur geringe Chancen zu haben, seine Einkünfte dabei erheblich vermindern, wie Florian Orth im letzten Jahr in der Olympiavorbereitung lange um die Erstattung der geringfügigen DLV-Zuwendungen kämpfen müssen“, sagt dazu sein Coach Kurt Ring, der die Szene mit zehn Bundeskader-Athleten in eigenen Reihen sehr gut einschätzen kann. „Der Verband hat wenig Geld, er kann inzwischen nicht einmal mehr die kompletten Kosten für die Leistungsdiagnostik in Leipzig übernehmen. Warum soll ich jeden meiner Athleten/Innen nach Leipzig schicken, wenn ich dafür aus der Vereinskasse die Fahrtkosten berappen muss und dieselbe Leistung in Regensburg umsonst bekomme.“

Prokop geht im oben erwähnten DPA-Artikel mit seinen Forderungen an die nach seiner Meinung „millionenschweren“ Laupfprofis weiter ins Gericht: „Wir sozialisieren die Kosten und individualisieren die ökonomischen Vorteile. Von den Sponsorenverträgen der Athleten habe der Verband null. Da kann ein Millionär dahinterstehen und wir bezahlen die Trainingslager. Das ist ein System, das man durchaus hinterfragen kann. Ich stelle mir eine Art Solidargemeinschaft vor, wo man dann auch mal Härtefälle ausgleichen kann.“ Ein Blick zu einer anderen Sportart relativiert Prokops Aussagen ganz schnell. Der Deutsche Fußball-Bund zahlt selbstverständlich seinen Nationalspielern, sämtliche veritable Multimillionäre, die Trainingsmaßnahmen der Nationalmannschaft und entlohnt dafür auch noch deren Vereine. Die Gewerkschaft der Profifußballer und die Vereinigung der Vereine DFL würde Sturm laufen, wenn es nicht so wäre.

Die Laufvereinigung German Road Races hat sich indessen in ihrer Pressemitteilung „Neues Konzept zur Förderung des Crosslaufs“ zum finanziellen Binnenverhältnis Verband-Athlet/Verein geäußert: „Treten die Athleten/Innen innerhalb einer Nationalmannschaft auf, verlieren sie entsprechend der gültigen Athletenvereinbarungen Persönlichkeitsrechte mit entsprechenden finanziellen Verlusten, die in anderen Sportarten den Athleten/Innen bzw. Vereinen in Form von entsprechenden Entschädigungen vergütet werden. Eine Entschädigung seitens des DLV ist somit auch in der Leichtathletik, insbesondere im Laufbereich, gerechtfertigt.“

Das sind Töne, die man beim DLV bisher nicht gewohnt ist. Da sind nicht mehr nur einzelne Athleten, die aufmucken, sondern eine Organisation, die durchaus weiß, wie der Hase in der modernen Sportwelt läuft. Der DLV will in dieser Sache weiterhin auf Dialog statt Konfrontation setzen. Die Angelegenheit bleibt also spannend.

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