Eine etwas andere Analyse der  Laufnacht der LG Telis Finanz

Koller1 Gala17 BruesselfotoRegensburg, 14. Juni 2017 (orv) –  Es war eine tolle Laufnacht, jene Veranstaltung der LG Telis Finanz Regensburg, in ihrer Geburtsstunde vor einigen Jahren nur ein Anhängsel der großen Sparkassen Gala. Inzwischen hat sie sich gemausert und sein Eigendasein schon längst geoutet. Claus-Dieter Wotruba, Redakteur der Mittelbayerischen Zeitung, der die Regensburger Leichtathletik seit Jahren hintergründig betrachtet, bezeichnete sie im Nachhinein als „die schönste Laufnacht aller Zeiten“. Er fand einige Gründe dafür. Einer davon war, dass sich fast die gesamte Laufprominenz der hiesigen LG Telis Finanz als selbstlose Schrittmacher/Innen für den hoffnungsvollen Nachwuchs Deutschlands zum Zweck der schnelleren Endzeiten zur Verfügung stellten zu einem Zeitpunkt mit dem Status „Fünf vor Zwölf“. Exakt an jenem 10. Juni 2017, dem Datum der Regensburger Laufnacht, beendete nämlich der Deutsche Leichtathletik-Verband seinen Qualifikationszeitraum für die am 20.-23. Juli stattfindenden U20-Europameisterschaften in Grosseto.

 

Der Druck für etliche Anwärter/Innen war also groß, in Deutschland traditionell noch größer als in vielen anderen europäischen Ländern, weil Deutschlands Funktionäre ihren Anspruch an den Nachwuchs hoch aufhängen. Die erweiterte Endkampfchance ist das entscheidende Kriterium. Das heißt im Klartext: Am Ende der U20-EM sollte kein Mitglied der Mannschaft schlechter als auf Platz zwölf platziert sein. Verifiziert heißt das am Beispiel der weiblichen U20 über 3000m und 5.000m: Bei Qualifizierungsvorgaben der EAA (Europäischer Leichtathletik-Verband) von 9:52,50 und 17:15,00 Minuten müssen deutsche Läuferinnen im Zeitraum vom 1. April bis zum 10. Juni 2017 (die EAA hat dafür einen Zeitraum vom 1. Januar 2016 bis 10. Juli 2017 festgesetzt) Zeiten von mindestens 16:37,50 und 9:30,00 Minuten nachweisen können und das in gleichgeschlechtlichen Rennen, die man hierzulande immer weniger findet, weil bei solch hohem Leistungszuschnitt meistens das Läuferinnenpotential fehlt und national Leistungen aus gemischten Rennen mit Männern längst anerkannt werden.

Blättert man in den Annalen der letzten europäischen U20-Meisterschaften 2015 in Eskilstuna, kann man nachlesen, dass jeweils nur sechs (3000m) und fünf (5000m) Läuferinnen jene deutschen Normen von 9:30,00 und 16:37,50 Minuten in den Finalläufen unterboten. Beide Rennen, gewonnen von der Deutschen Alina Reh, waren im Ansatz keine taktischen Rennen sondern von der Spitze geführte Temporennen. Die Vermutung – und das ließe sich mit vielen anderen Disziplinen nachweisen – liegt also nahe, dass deutscher Eliteanspruch und europäische Leistungsrealität keine Verhältnismäßigkeit haben. Der Druck, den Deutschlands oberster Sportbeauftragter, Innenminister Thomas de Maizière, mit seiner wenig fundierten Forderung „Mehr Medaillen für die gleiche Fördersumme“ an den DOSB und der wieder an den DLV und seine Bundestrainer weitergibt, landet am Ende immer wieder bei den Athleten/Innen, ob es nun die für die Olympischen Spiele oder jene für die kontinentalen Nachwuchsmeisterschaften sind.

Das Ergebnis sind dann enttäuschte Gesichter von Hoffnungsträgern, die zwar gesiegt haben aber wieder mal die Leistungsvorgaben, sprich Normen dabei knapp verfehlten, Trainer/innen, die dabei völlig ihre Contenance verlieren, Rennen, bei denen der Sieg nicht die geringste Rolle spielt und die Frage, ob der /die Tempomacher/In ihre Aufgabe erfüllt, zur alles überragenden Sinnfrage wird. Herausgekommen ist auch  bei der Regensburger Laufnacht oft bei vielen Protagonisten mehr Krampf als Kampf, mehr Enttäuschung als Siegfreude und die Frage, ob das doch wirklich so sein muss. Die Topathleten der hiesigen LG Telis Finanz haben einen guten Job gemacht, bisweilen einen überragenden. Ob es der eigentlichen Problematik geholfen hat, bleibt dahin gestellt. Schaut man ein bisschen über den Tellerrand, erweitert sich auch der Horizont. Durchaus international erfolgreiche Sportarten, wie der Skilanglauf oder Biathlon sind gar nicht in der Lage, ihre Teilnehmer/Innen über Leistungsvorgaben, wie sie der DLV benützt, zu verwenden, weil die Vergleichbarkeit verschiedenen Events nicht gewährleistet ist.

So mutiert den die alte Dame Leichtathletik immer mehr zur Sportart, die nur noch über die Höchstleistung wahrgenommen wird, daher auch ein sinnvoller Aufbau bis zum sportlichen Jahreshöhepunkt gestört wird, der sportliche Wettkampf immer mehr in den Hintergrund tritt, medial nur wahrgenommen wird, wenn es um die ganz großen Events wie Olympische Spiele, Welt- und Europameisterschaften geht. Da darf es dann auch mal sein, dass Läufe mit Leistungen in taktisch hochinteressanten Rennen entschieden werden, die gerade mal für die Qualifikation von nationalen Jugendmeisterschaften reichen würden. Der Wettkampf feiert dann wieder fröhliche Umstände und wie ein Wunder sind dann auch wieder die Zuschauer da, sowohl in den Stadien als auch vor der Mattscheibe.

Sportlich erfolgreich zu sein, heißt heute kommerziell auf guten Beinen zu stehen. In aller Regel gelingt das nur über umfangreiches Sponsorship, sprich gegenseitige Partnerschaften mit Wirtschaftsunternehmen. Die wollen aber für ihr Geld eine mediale Wahrnehmung. Die beste Plattform dafür ist das Ligensystem, bevorzugt hier der Ballsportarten. Da geht es nur zweitrangig um ständige Höchstleistung, im Fokus steht in erster Linie der direkte Wettkampf, der ganz einfach über Sieg und Niederlage entscheidet. Zu diesem muss, ob sie nun will oder nicht, auch die Leichtathletik wieder zurückfinden. So wäre denn auch die Athletenfindung über Ausscheidungswettkämpfe, den sogenannten Trials, medial besser zu verkaufen als die Ermittlung am grünen Tisch über die Normen, die trotzdem immer noch als allerdings bisweilen sehr weiche Richtwerte der internationalen Verbände übrig blieben. Doch auch das steht inzwischen zumindest bei der EAA auf dem Prüfstand. Die hat zumindest schon mal mit dem Gedanken gespielt, in Zukunft ihre Teilnehmer/Innen für die Europameisterschaften über Qualifikationswettkämpfe zu ermitteln.