Die Leichtathletik tut sich schwer mit ihrer medialen Präsenz

Regensburg, 26. Juni 2017 (orv) – „Trotz guter sportlicher Leistungen geht es der Leichtathletik nicht gut: Zuschauerzahlen stagnieren, Sponsoren ziehen sich zurück. Es scheint, als brauche die Leichtathletik eine Reformation - die Ansätze sind jedoch verschieden“, beschreibt die ARD Sportschau in ihrem Podcast vom heutigen Tag die aktuelle Situation. Trotz eines deutlichen Leistungsaufschwung der deutschen Leichtathleten/Innen in der Spitze sind Zuschauerzahlen bei großen Veranstaltungen rückläufig, aus den großen Stadien verschwinden die Rundbahnen, medial spielt die große alte Dame der olympischen Sportbewegung bis auf wenige Ausnahmen meist die zweite Geige, wird immer mehr in begleitende Livestreams abgedrängt, ein interessantes Wettkampfsystem ist auch national nicht erkennbar und die wenigen repräsentativen Meetings sterben eines um das andere.

 

Speer-Olympiasieger Thomas Röhler sind das alles zwar in seiner augenblicklichen persönlichen Situation des Overflows als nicht so tragisch an, verweist auf das im nächsten Jahr mit den Europameisterschaften bevorstehende Heimevent in Berlin als absolutes Highlight und vergisst dabei, dass der Knaller auf der blauen Rundbahn vielleicht schon der letzte in deutschen Landen ist, weil es dann dafür kein Stadion mehr gibt. Auch Cheftrainer und Sportdirektor Idriss Cheick Gonschinska muss als leitender Angestellter des Deutschen Leichtathletik-Verbandes die Dinge unmittelbar vor den kommenden Weltmeisterschaften rosarot sehen. Allein das reicht nicht, um die schleichende Abwärtsbewegung des Monstrums Leichtathletik in der herkömmlichen Form gesund zu reden.

Warum Monstrum? Allein die Fülle der Einzeldisziplinen der olympischen Sportart Nummer eins, zudem im Stadion mit vier oder fünf parallel laufenden Entscheidungen dargeboten, bringt die Medien in arge Bedrängnis. Was hat Priorität, was ist wichtiger? Der ganze 1500m Endlauf oder vielleicht doch der entscheidende Sprung einer Einheimischen in die Sandgrube? Da sind Momententscheidungen gefragt, die meist nicht gelingen. Die Folge: bei episch langen Veranstaltungsdauern – bei der Team-EM in Lille waren das vier Stunden – kommt auf der Mattscheibe ein heilloses Durcheinander an Schnappschüssen rüber, weil eben 20 verschiedene Disziplinen an einem Wettkampftag selbst von versierten Kameraleuten, Regisseuren und Moderatoren nicht mehr befriedigend entknotet werden können. Wer genau hingeschaut hat, hat sicher gemerkt, dass im Stadion von Lille nicht einmal die Geraden hinreichend mit Zuschauern gefüllt waren. Wahrscheinlich mag zurückgehendes Zuschauerinteresse auch schuld sein, dass die Team-EM, bisher mit relativ langen Übertragungszeiten bei den einschlägigen Fernsehsendern versehen, sich still und leise Richtung Livestream verabschiedet hat.

Und auch hier nutzt die Leichtathletik die Bandbreite der zur Verfügung stehenden digitalen Welt (noch) nicht. Ein Angebot an die Fans getrennt nach Sprung, Wurf und Lauf wäre technisch möglich, wird aber anscheinend noch nicht einmal angedacht. Schließlich soll werter zu Hause gebliebener Fan keinen Informationsvorsprung vor demjenigen im Stadion haben. Denn, seien wir mal ehrlich: Wer 2018 im Berliner Olympiastadion diagonal gegenüber zum Beispiel dem Kugelstoßring sitzt, wird von Storl und co so viel wie gar nichts mitbekommen als den Kommentar eines aufmerksamen Stadionmoderators, sofern das in der Gesamtheit nicht im Wirrwarr der Ereignisse untergeht.


Die viel gepriesenen Deutschen Meisterschaften im Stadion, in diesem Jahr am 8. und 9. Juli im brandneuen Erfurter Steigerwald-Stadion sind da auch nicht besser. Da hilft auch der ganze moderne Schnickschnack nicht. Samstags von 11.30 Uhr bis letztendlich 20 Uhr, also satte achteinhalb Stunden bei 31 verschiedenen Starts oder Wettkämpfen, sonntags von 12.45 Uhr bis zirka kurz vor 20 Uhr, also noch einmal pralle sieben Stunden mit ähnlich vielen Events, ist einfach zu viel des Guten. Da sind die Übertragungszeiten von Fußball-Topevents über drei bis dreieinhalb Stunden, wo sich alles nur auf das Eine, den runden Ball, konzentriert, geradezu minimalistisch, zumal da zumindest während der tatsächlichen Spielzeit von 90 Minuten immer etwas los ist. Und die Leichtathletik? Ein Beispiel sollte zum Nachdenken dienen. Braucht man wirklich 20 Minuten, um einen Endlauf über 800m mit reeller Laufzeit von um die zwei Minuten über die Bühne zu bringen? Ein kleiner Lichtblick am Horizont ist zumindest zu sehen: Sonntags gibt es in Erfurt zumindest nur noch über 200m Vorläufe, auch wenn diese wieder fast eine Stunde Zeit in Anspruch nehmen.

So mag man den Verantwortlichen mehr Mut zu drastischen Veränderungen wünschen, keine Flickschusterei mit leichten Korrekturen am ewig langen Zeitplan oder Nebelkanonen bei der Siegerehrung. Letztendlich stimmen die Zuschauer über den Fortbestand einer Sportart ab. Die Formel ist ganz einfach: Wo viele Zuschauer sind, wird es auch ein gesteigertes Medienaufgebot geben. Wo dieses vorhanden ist, interessieren sich auch potente Sponsoren dafür. Und die bringen Geld in die Sportart, Geld, dass gerade die Leichtathletik dringend braucht.