10.000m mitten im Sommer – geht doch nicht, oder doch?

Telis 10km RT Stadion2017 Gruppenfoto RamdaneRegensburg, 28. Juni 2017 (orv) – Dem Unruhegeist des Regensburger Telis-Teamchefs Kurt Ring geschuldet fand am Montag ein etwas ungewöhnliches Rennen direkt aus dem Westentascherl heraus gezaubert auf dem Regensburger Oberen Wöhrd statt. Dort befindet sich seit einem Jahr eine neue, kleine, aber schmucke Kunststoffbahn, die noch nie seit ihrer Fertigstellung einen Startschuss gehört hatte, sozusagen wettkampftechnisch gesehen noch keusch war. Dem alten Coach geisterte schon lange eine Frage im Kopf herum: Kann man mitten im Hochsommer 10.000m laufen und ist es vielleicht sogar sinnvoll? Im doch recht eingefahrenen deutschen Wettkampfsystem diese Idee anzupreisen, war für ihn ein zu langer Weg. Schließlich hat er selbst eine Handvoll ganz passabler Langstreckler. Er hat es einfach getan.

 

Um es vorweg zu nehmen, es war eine gelungene Premiere. Trotz der derzeitigen Jahn-Hysterie und keiner öffentlichen Vorankündigung in den örtlichen Medien, hatte Sportredakteur Claus-Dieter Wotruba spätabends plötzlich echte Lust darauf am Oberen Wöhrd vorbei zu schauen. Im Anschluss schrieb er in der Mittelbayerischen Zeitung: „Der Versuch, Begeisterung zu wecken und die RT-Bahn zu läuferischen Leben wie vor Jahrzehnten zu erwecken, ist jedenfalls gelungen – und schreit nach Wiederholung.“ Auch dann, wenn die rührigen Organisatoren für ihre 25 Runden mit 25 Grad plus, abends um 22 Uhr die erste tropische Nacht im diesjährigen Regensburger Hochsommer erwischen. Bezirksvorsitzender Josef Zwickenpflug, seines Zeichens für die amtliche Aufsicht und die Bedienung der elektronischen Zeitnahme zuständig, bemerkte noch zwei Tage später: „ Es war einfach nur gut. Die Leute wollten nach der Veranstaltung weit nach elf Uhr nachts gar nicht heimgehen. Wir mussten ihnen sprichwörtlich das (Flut)licht abdrehen“.

Zum sportlichen Wert des Abends sei wieder die MZ zitiert: „Nicht alle Hoffnungen erfüllten sich beim Pilotprojekt: Neun Läufer erreichten das Ziel – und am Ende stand bei herrlicher Atmosphäre vor handverlesenem Publikum von rund 50 meist persönlich aktivierten Zuschauern aus Verwandtschaft und Bekanntschaft ein Ergebnis, das seinesgleichen in Deutschland sucht: Angeführt von einem famosen Sieger Simon Boch, dem deutschen 10 000-Meter-Meister, der mit 29:14,21 Minuten weitgehend im Alleingang eine Klasseleistung und ähnliche Zeit wie bei seinem DM-Titel in Bautzen ablieferte, blieben vier Mann unter der magischen 30-Minuten-Grenze. Nur zur Einordnung: In diesem Jahr hatten das zuvor gerade 13 deutsche Läufer geschafft.“

„Entweder wir wollen die 10.000m im Stadion und dann müssen wir sie zum Zeitpunkt der Meisterschaften im Hochsommer auch laufen und zwar schneller als beim Aufbau der Form Anfang Mai, oder wir ersetzen sie mit den 10km auf der Straße. Methodisch gesehen ist das aber dasselbe, weil 10.000m genauso lang sind wie 10km“, sagt dazu Initiator Kurt Ring, „früher waren die 10.000m in den Sommer-Meisterschaften integriert und die deutsche Spitze ist selbst bei ungünstigen Verhältnissen wie Hitze, Sonne und Wind dort schnelle Zeiten gelaufen. Außerdem haben sie eine wichtige Zubringerfunktion als Überdistanz für die 5.000m.“ Dem Schreckgespenst, man wäre nach einem Rennen über 25 Runden wochenlang läuferisch tot, hat er schon im Frühjahr die Stirn gezeigt. Bei der DM in Bautzen liefen drei seiner Jungs ein tolles Rennen und kaum eine Woche später bei der Läufernacht in Karlsruhe lieferten sie erneut glänzende Bestzeiten über 5.000m ab.

Natürlich hat dabei der Regensburger Coach ein paar kleine Tricks angewendet. 10.000m in der prallen Sonne geht wirklich nicht. Deshalb also der Start 22 Uhr. Flutlicht hebt die Psyche, Flutlichtrennen sind einfach „geil“, wie man heute so schön sagt und über 25 Grad darf man vor dem Rennen nicht reden, auch wenn man weiß, dass 15 Grad wesentlich besser sind für schnelle Zeiten. Dass unter solchen Bedingungen jene 29:14,21 Minuten von Sieger Boch – zudem ab der Hälfte im Alleingang erzielt -  wesentlich mehr wert sind als jene 29:13,60 Minuten vom Deutschen Meistertitel in Bautzen, damals bei harter Konkurrenz und weit leistungsfördernden Temperaturen erzielt, bleibt außer Frage. Die hinter ihm einlaufenden Tim Ramdane Cherif und Andreas Kempf liefen sogar neue persönliche Bestleistungen und dass, obwohl der Wert bei Streckenhälfte mit einer 14:53 das nicht mehr vermuten ließ.

Dass so ein 10.000m Rennen im Hochsommer nicht alle Probleme deutscher Langstreckler quasi als Geheimrezept lösen kann, war von vornherein klar. Dass deutsche Läufer/Innen, vielleicht sogar europäische dies im Hochsommer in Richtung Topevent eigentlich können müssen, wenn sie international einen kleinen Schritt vorwärts kommen wollen, ist aber auch klar. Nichts anderes zu beweisen hatte der Regensburger Coach mit seiner ungewöhnlichen Rennmaßnahme im Sinn. So fiel auch sein Resümee entsprechend aus: „Wenn nun meine Leute die 5.000m bei der DM in vierzehn Tagen versauen, sollte ich weniger über die 10.000m davor nachdenken, sondern vielmehr über die noch fehlende Fitness und unser Training davor.“