Nicht gut genug für die Nationalmannschaft

Telis Team Trainingslager Montegordo2018Regensburg, 2. August 2018 (orv) – Benedikt Huber, Florian Orth und Philipp Pflieger kennt man in der Läuferszene. Alle drei sind prächtige Athleten, nicht mehr ganz den Jungspunden zuzuordnen, aber noch gut bei Kräften. Deshalb verwundert es auch nicht, dass sich alle Drei für die Heim-EM in Berlin qualifiziert haben. Beni, wie in seine Freunde nennen, über 800m, Flo über 5.000m und Philipp im Marathon. Alle miteinander bringen es seit 2012 dann schon auf stattliche neun Einsätze bei den alle zwei stattfindenden Kontinentalmeisterschaften. Erst am zurückliegenden DM-Wochenende haben Florian Orth und Benedikt Huber wieder einmal gezeigt, was in ihnen steckt: Der 800m Mann ist zum dritten Mal in Serie Deutscher Meister geworden, auch wenn andere höher eingeschätzt wurden. Der 5.000m Mann ist zuerst am Tag vor dem Meisterschaftsrennen im belgischen Heusden mit 13:34,03 Minuten die Norm für die EM gelaufen und hat sich dann keine 16 Stunden später in einer kniffligen Taktikschlacht auch noch Silber bei den Deutschen Meisterschaften in Nürnberg umhängen lassen. Dazwischen stand eine nächtliche Autofahrt über mehr als sechshundert Kilometer.

 

Beni Huber, Flo Orth und Philipp Huber gehören seit Ende 2017 nicht mehr dem Nationalkader des Deutschen Leichtathletik-Verbandes an. Sie haben in den Augen des Bundesausschusses Leistungssport (BAL) keine Perspektive mehr. Ihre gezeigten Leistungen reichen nicht zur Aufnahme in den neu geschaffenen Perspektivkader. Das ist ein Teil des neu geschaffenen Fördermonsters des DOSB. Wer bei den Leichtathleten über 25 Jahre ist, wie die drei Burschen aus dem Läufernest Regensburg, muss Außergewöhnliches leisten, um die Gnade der Förderung durch Dachverband zu erhalten. Der setzt die DOSB-Forderung der „erweiterten Endkampfchance“ in exorbitante Leistungsanforderungen um. Das sind für die 800m 1:45,30 Minuten, für die 5.000m 13:16,00min, für die 10.000m 27:54,00 Minuten und im Marathon ambitionierte 2:12:00 Stunden. Alle Zeitvorgaben sind deutlich besser als die jeweiligen Normen für die Heim-Europameisterschaften in Berlin und würden wohl auch reichen, sich damit selbst unter der Prämisse „erweiterte Endkampfchance“ für die nächsten Olympischen Spiele in Tokio qualifizieren zu können. So tragen denn auch alle drei Athleten die immensen Aufwendungen für ihren Sport selbst. Das geht schon mal in die Zehntausende, wenn man den Verdienstausfall noch dazuzählt, der zwangsläufig anfällt, wenn für Meisterschaften, Trainingslager und EM-Vorbereitungen der normale Urlaub nicht mehr reicht. Der Fairness sei gesagt: Allein das unmittelbare EM-Vorbereitungscamp wurde dann doch noch bezuschusst. Wenn auch nur teilweise. Kost und Logis im Höhencamp in Sankt Moritz waren zu teuer.

Den Nachweis, dass alle Drei ihren Sport sauber, also Doping frei ausüben, konnten sie in weiten Teilen ihrer EM-Vorbereitung auch nicht liefern. Nichtkader werden von der Nationalen Anti-Doping Agentur (NADA) nicht kontrolliert. Teamchef Kurt Ring von ihrem Verein, der LG Telis Finanz Regensburg, hatte den DLV schon im November letzten Jahres auf dieses Manko hingewiesen und um Aufnahme in den Testpool der Nada gebeten.. Die Antwort des DLV war eine überraschende: Für eine Qualifikation zu Europameisterschaften oder Weltmeisterschaften sei dies nicht nötig. Allein die nachträgliche, erst bei der endgültigen Nominierung getätigte Unterschrift der Athletenvereinbarung sei vonnöten. Nach erzielter EM-Normerfüllung hat sich nun auch wieder die Nada bei den Dreien gerührt. Bei Florian Orth passierte das sehr spät, weil er die EM-Qualifikation erst Ende Juli auf den letzten Drücker erledigte. Vertrauen ist gut, Kontrolle wäre sich hier dennoch besser. Auf den zweiten Blick ist das kein optimales Zeichen im Kampf gegen Doping.

All das stecken die drei „Alten“ im Aufgebot für die Europameisterschaften relativ gelassen weg. Was ihnen jedoch fehlt, ist die menschliche Komponente. Florian Orth nennt das Wertschätzung und trifft damit sicher einen wunden Punkt bei der sportlichen Leitung des DLV. Im Clinch zwischen dem geldgebenden DOSB und den Belangen seiner Athleten, kommen die Sportler meist weniger gut weg, sofern sie nicht die vom ehemaligen Bundesinnenminister Thomas de Maizière geforderten Medaillen bringen. In der Planwirtschaft der deutschen Sportführung zählt vor allem Olympia. Im Bereich Laufen ist es dann schwer, bei der Übermacht aus Ostafrika an begehrtes Edelmetall zu kommen. In der Not greift man dann zum Prinzip Hoffnung. Im DOSB-Jargon heißt das Perspektivkader. Für die untergeordneten Europameisterschaften in Berlin sind aus dem 30-köpfigen männlichen Klientel der Perspektivkader und Nachwuchskader U23 gerade einmal zehn Athleten nominiert worden. Genauso viele sind es aus dem Potential der Kaderlosen. Irgendwie passt das Ganze dann doch nicht so ganz zusammen. In Berlin wird es keine Rolle spielen, ob jemand 30 oder 20 Jahre alt ist. Da zählt nur, wer zuerst ins Ziel kommt.

Leistungssport kann so einfach sein, zumal in der Leichtathletik. Ein Athlet läuft eine Strecke in einer bestimmten Zeit. Ein anderer läuft genau dieselbe Strecke in einer anderen Zeit. Liegen beide Zeiten nahe beieinander, lässt man sie einfach mal gegeneinander laufen. Genauso funktioniert das System Wettkampf, das auch weniger Leichtathletik Bewanderte sofort verstehen. Spannung, Dramatik, der Sturz oder Sieg von Favoriten mit inbegriffen. Die dabei erzielte Leistung ist meist nur ein schmückendes Beiwerk. Wie sagte denn Benedikt Huber im ARD Interview nach seinem DM-Triumph: „Alle haben nun gesehen, wer der wahre Meister ist“. Er wollte damit sagen, dass er gerade die beiden bereits für die EM vornominierten Kollegen wieder einmal besiegt hatte. „Ob man die Qualität eines Athleten allein an einer irgendwo und unter ganz verschiedenen Bedingungen erzielten Spitzenleistung ausmachen kann, bleibt mehr als fraglich, weil hier die Komponenten wie Taktik und Meisterschaftshärte mit drei Rennen an drei aufeinander folgenden Tagen keinerlei Rolle spielen“, sagt dazu sein Coach Kurt Ring. Gelebte sportliche Realität ist dann doch etwas anderes als projizierte Planwirtschaft und sei sie noch so detailliert. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft kann davon seit diesem Sommer viel dazu sagen. Aber genauso ist der Sport und das macht ihn so faszinierend.

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