Die Medaillen, die ich nun seit einigen Jahren nicht mehr richtig zähle, werden immer unwichtiger, gehören zwar oft zum großen Moment, machen das Ganze aber nur mehr zum Teil aus. Ich durfte es mehrmals in meiner nun schon langen Trainerkarriere erleben, dass sich Träume erfüllten, für den Athleten und für mich, den Coach. Corinna Harrers Halbfinale bei den Olympischen Spielen in London war so ein Moment, Philipp Pfliegers 2:12er Marathonlauf in Berlin ein anderer und immer wieder Beni Hubers nicht erwartete DM-Titel. Auch Florian Orths Millimeterentscheidungen gehörten dazu, genauso wie das EM-Rennen seiner Frau als Sechste in Amsterdam 2016. Steffi Volkes erstes DM-Gold in der Hitzeschlacht von Hamburg trieben mir genauso Tränen in die Augen, wie Florian Schönbecks hart erkämpfte Olympiateilnahme 2004 und der Fall der nationalen Olympianormen im frühen Winter des Jahres 2016. Oder einfach der Moment, als Felix Plinke und Philipp Pflieger mich bei der Jahresfeier sehr treffend mit allen Schwächen und Stärken in einem Zwiegespräch parodierten und mir die Mädels ein Lied widmeten, das ich nie im Leben vergessen werde.

Man kann sie nicht terminieren, diese ganz persönlichen Highlights, sie passieren oft, wenn man sie eigentlich noch gar nicht erwartet und es gibt keine schöneren Momente, jene Glücksbringer dann ganz fest ans Herz zu drücken. Sekunden, die sich wie eine stehen bleibende Zeit anfühlen und doch nicht festzuhalten sind. Es hat sich dann wieder mal gelohnt, sie alle geliebt zu haben, in Momenten die zum Kotzen und zum Vergessen waren. In Momenten der gegenseitigen Zweifel aneinander. Ich darf mich schätzen, eine überragende Anzahl von loyalen Athletinnen und Athleten in meinen Reihen zu haben, die beim Misserfolg nie die Schuld bei mir suchten, obwohl ich am Malheur mit Sicherheit auch meinen Anteil hatte. Wenn mich in letzter Zeit jemand fragt, warum ich das mache, erfolgt inzwischen immer die gleiche Antwort: Ich will junge Menschen in der aufregendsten Zeit ihres Lebens einfach nur von da nach da bringen, sie begleiten bis hin zum Erwachsen werden. Wenn er dann später mal sagt: Es war eine geile Zeit, ich hab da einiges für’s Leben gelernt, bin ich mehr als nur zufrieden.

So fühl ich mich denn auch nicht für Deutschland verpflichtet, auch nicht für meinen Verband und Verein, den ich nun schon viele Jahre selbst mitgestalten durfte, sondern einzig und allein den Träumen von jungen Sportlern. Nichts ist vergleichbar mit der Synergie zwischen Athlet/In mit ihrer/m Trainer/in oder Trainer auf dem Weg zum perfekten Rennen. Wie sagte denn meine Frau im brodelnden Londoner Olympiastadion zu mir: Jetzt muss sie kommen. Als hätte Corinna es gehört, zog sie in diesem Moment an vielen Konkurrentinnen vorbei, lief die schnellste Zielgerade aller Halbfinalistinnen und scheiterte nur um 21 Hundertstel am Finale. Irgendwie spürt man es im selben Moment: Das war’s, das alles überragende Rennen in einer langen Laufkarriere. So lasst uns denn auch in der neuen Saison wieder jene atemberaubenden Momente erneut suchen. Eigentlich bin ich ein richtiger Glückspilz: Ich habe wieder viele dieser Mädels und Jungs, die am großen Traum arbeiten wollen und sich dafür Tag für Tag, Woche für Woche, einen Ganzen Wintewr lang bis hin zum Saisonhöhepunkt schinden und plagen wollen.