Das ZDF deckt Dopingskandale in Kenia auf und keiner schert sich was drum

Regensburg, 24. September 2019 (Ring) – Seit geraumer Zeit werde ich immer wieder gefragt, ob ich denn als Leichtathletikverrückter nicht zu den diesjährigen Weltmeisterschaften nach Doha fliege. Ich mache es nicht und das hat gewichtige Gründe. Ich könnte wohl sagen, dass es mir dort zu heiß ist. Bei Rückkehr unserer diesjährigen Urlaubsreise sind wir in Dubai zwischengelandet. Dubai liegt salopp gesagt gerade einmal um die Ecke von Doha. Vierzig Grad plus herrschten dort am Tag und in der Nacht waren es auch nur zwei oder drei weniger. Ich könnte sagen, die Reisespesen plus Eintrittskosten sind mir zu teuer. Ich könnte auch sagen, ich wäre enttäuscht, weil ich als Trainer es nicht geschafft habe, eigene Athleten hin zu bringen, oder, mein Team braucht mich zu Hause. Es wären alles schöne, feine Notlügen, auch wenn ich immer noch der Meinung bin, dass Doha ein unmöglicher Ausrichtungsort für Weltmeisterschaften ist. Es fehlt nur noch, dass sie eine Skihalle für das Weltcupfinale im alpinen Skisport bauen. Die Wahrheit ist eine ganz andere: Ich will mir aus Sicht eines ehrlichen Laufbegeisterten die Lügengeschichten auf den Strecken zwischen 800m und Marathon einfach nicht mehr antun.

Letzte Woche hat das ZDF wieder mal über den Dopingsumpf Kenia berichtet, quasi als regelmäßige Fortsetzungsgeschichte vor den jeweils anstehenden internationalen Großevents, nachdem die Russen mehrmals vorher dran gewesen sind. Es war wieder mal gruselig - oder packt da das Fernsehen aus PR-Gründen Lügengeschichten aus? Mitnichten – ich hab das gleiche Szenario in einem beliebten Trainingslagerort in Südafrika erlebt. Alle Topnationen und nicht nur die fahren dorthin, trainieren siehst du die Leute aber eher entspannt und selten. Auch wenn ich es nicht will, weil die Gedanken so desillusionierend sind, Logikketten setzen bei mir plötzlich ein. Sind nur die Kenianer böse Buben (und Mädels)? Warum sind dann viele andere Nationen auch so gut, gerade auch in Ländern, in denen der Dopingkampf lasch und bewusst korrupt geführt wird? Wohnen die nicht gedopten Überläufer nur in Äthiopien? Warum hat ein harmloser Schnitt mit einer Glasscherbe 2003 die steile Karriere der österreichischen Topläuferin Stefanie Graf mit einem Schlag beendet? Warum bekam die Rumänin Gabi Szabo das große Zittern, das dann zur Beendigung ihrer ruhmreichen Karriere führte, nachdem ein Dopingmitteltransport mit ihrem Auto aufgeflogen war. Die Dame wurde im Übrigen nie überführt und war Jahre später Ministerin für Jugend und Sport in ihrem Heimatland. Ewig Eier legende Wollmilchsäue werden eben auch nicht geschlachtet. Meine Logikkette ist inzwischen so lang, dass ich eine Enzyklopädie schreiben könnte …

Unsere Mädels und Jungs aus Europa sind sicher nicht um so viel schwächer als es die reinen Laufzeiten wiedergeben. Sie werden nur strenger kontrolliert, wobei ich mir auch nicht immer so sicher bin, ob das überall so ist. In Zeichen von Instagram und Facebook ist es einfach ein Muss, ständig in der Öffentlichkeit zu punkten. Sozusagen ist das der Wettbewerb zum Wettbewerb. Geld macht gierig und immer mehr Geld lässt so manche reine Weste etwas schmutzig werden. Wie sagt man so schön: Jeder ist käuflich, es ist alles nur eine Frage der gebotenen Geldsumme. Ich bin hundertprozentig überzeugt, dass jeder normal denkende Mensch ebenso solche Gedankenketten aufbauen kann. Warum schert sich denn keiner was, wenn wieder so ein ZDF-Filmchen wie letzte Woche über die Mattscheibe flimmert. Oder ist es nicht so, dass Otto-Besserverdiener einfach vor der Glotze permanent den ewigen Rausch „Deutschland, Deutschland über alles …“ erleben muss, sonst würde er vielleicht in Depressionen verfallen. Ich glaube, am Freitag geht’s dann los beim TV mit dem nächsten Rausch. Wohl gemerkt meistens zur Primetime um zirka zwanzig Uhr. Natürlich werde ich dann auch vor der Kiste sitzen, weil ich eben in dieser Sportart groß geworden bin. Die Zweifel werden sicher nicht weniger werden und mein Herz wird nicht nur einmal bluten, weil sie mich wieder zerfressen werden, die ewigen, immer größer werdenden Zweifel …

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