Aktuelles zur DopinggeschichteRegensburg, 24. August 2001

Die Spitzenleichtathletik hinterlst nach wie vor schmutzige Spuren

Was haben Ali Saidi Sief der Langstreckler aus Algerien, Robert Barbi der italienische Marathonläufer, sein Landsmann Andrea Longo von den 800 m, Miroslav Menc aus dem Nachbarland Tschechien und die Südamerikanerin Fabienne dos Santos außer ihrer Weltklassezugehörigkeit noch Gleiches zu bieten? Nun, sie standen in der Ausgabe Nr. 34 der Zeitschrift "Leichtathletik" als ertappte Dopingsünder auf der Seite zwei und man könnte angesichts der doch beträchtlichen Menge von immerhin fünf erwischten schwarzen Schafe von einer historischen Woche in der Geschichte des Dopings sprechen. Weit gefehlt. Die Seite zwei der Fachzeitschrift entwickelt sich immer mehr zur Anzeigenrubrik jener, die es mit fairen Mitteln anscheinend nicht schaffen, ihre Sportart erfolgreich zu betreiben.

Eine Moral, aus freien Stücken auf körperfremde Substitutionen zur Leistungssteigerung zu verzichten, scheint es angesichts der nun auch in der Leichtathletik grassierenden Geldgeilheit nicht mehr zu geben. Geschluckt und gespritzt wird auf Teufel komm raus, was nicht auf der Dopingliste steht, verschleiert werden kann oder eben noch nicht nachgewiesen werden kann. Der schon einige Jährchen zurückliegende Schock beim Tod von Birgit Dressel, als man bei der Obduktion mehr als hundert verschiedene medikamentöse Wirkstoffe in deren Körper fand, ist weitgehendst verflaut. Das, was Richter noch vor nicht allzu langer Zeit als Körperverletzung einstuften und in der ehemaligen Vorzeigeleichtathletik der untergegangenen DDR als "unterstützende Mittel" verharmlost wurde, ist längst wieder usus geworden und der Dumme ist anscheinend nur der, der erwischt wird. Daraus kann nur geschlossen werden, dass auf die Moral für einen sauberen Sport nie und nimmer Verlass sein wird.

Wo ist denn da noch der Unterschied zwischen den anscheinend topfiten Modellathleten und alten, dahinsiechenden Schwerstkranken, die beide pro Tag Unmengen von hochwirksamen Mittelchen in sich hinschaufeln, die auch nahezu noch die selbe Konsistenz haben. Der heutige moderne Leichtathletik-Zirkus müsste wohl mangels Athleten zuschließen, ließe man nur noch solche zum Wettkampf zu, die nicht mehr als fünf körperfremde Substanzen in ihren Blutbahnen haben, also gesund sind. Otto Normalverbraucher jedenfalls fühlt sich schon hundserbärmlich schlecht, wenn er drei verschiedene Präparate zu sich nehmen muss, Weltklasse anscheinend nur dann gut, wenn's mehr als fünfzig sind.Vertrauen ist im Hochleistungssport eben nicht gut und Kontrolle wohl das einzige Mittel, um wenigstens flächendeckende Dammbrüche zu verhindern. Mit der ist der Weltverband, der in Sachen Geld geschlossen, erfolgreich und gezielt vorgeht, eher zögerlich, uneinig und fahrlässig vorgegangen. Es dauert immer noch Ewigkeiten, bis ein unabhängig tätiges Weltdopingkontrollsystem flächendeckend arbeiten wird. Riesig sind die Schlupflöcher von den immer wieder auftretenden Verfahrensfehlern ( siehe Fall "Jegorova"), über unwillige nationale Verbände (siehe USA) bis hin zu der Tatsache, dass Afrikaner, die im Ausland trainieren, von ihren nationalen Verbänden überhaupt nicht kontrolliert werden. Da kann es schon einmal vorkommen, dass eine kanadische Sprinterin ganze neun Jahre unkontrolliert bleibt und auch dem selbsternannten Musterknaben in Sachen Doping, dem DLV, passiert es, dass sein Vizeweltmeister Schultz anstatt der geforderten zwei Mindestkontrollen pro Jahr eben nur eine vorweisen kann. Schlampereien hier wie dort!

Nicht nur gut informierte Insider beißen hart an eindeutigen Zufälligkeiten wie jenen, dass in Spanien EPO in millionenfacher Dosierungform jährlich frei verkäuflich über den Ladentisch geht und ausgerechnet dieses Land für die übrigen Europäer unschlagbare Ausdauerkünstler en masse produziert. Oder, wer mag schon glauben, dass die Wiege des modernen, uberdimensionell mit Muskeln bepackten Sprinters wohl derzeit in Griechenland steht .... Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen.

Wer ist nun der "saubere", wahre Weltmeister in dem von Betrügern geschwängerten Weltklassefeld? Genau diese Frage vergällt einem auf den Tribünen der Stadien die Freude am reinen Hochleistungssport, in dem die Medizin mehr das Sagen hat, als Trainer und Trainingsmethoden. Wie meinte doch der wie Phönix aus der Asche kommende polnische Skispringer Adam Malysz bei seiner Saisonabschlusslaudatio: "Ich danke meinen Eltern, meinem Trainer und vor allem meinem Arzt ....

Wenn schon kein lupenreiner Hochleistungssport möglich ist, die kontrollierende Wissenschaft den immer findiger werdenden Betrügern ständig nachlaufen muss, sollte innerhalb des Weltverbandes IAAF wenigstens für Chancengleichheit gesorgt werden, nicht in der Form, dass man lasch stets mehr Mittel übersieht, freigibt oder duldet, sondern die scharfen Kontrollen auf alle, aber auch alle Verbände verbindlich ausdehnt. Das nötige Geld zur erfolgreichen Umsetzung hat sich die IAAF im modernen Medienspektakel schon längst verdient .gez. Kurt Ring

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