Aktuelles zur TalentförderungRegensburg, 6. September 2001

Ein bis ins kleinste ausgetüffeltes Fördersystem tut sich schwer

So einen wie den Dortmunder Ingo Schultz hatten sich die deutschen Leichtathletikmacher seit Jahren wieder einmal gewünscht. Bei den diesjährigen Weltmeisterschaften in Edmonton kam der 400 m-Läufer als Nobody, sah selbstbewusst dreimal ins Kunststoffoval und siegte - zumindest fast, bei einer eklatanten Steigerung auf 44,61 und einer sensationellen Silbermedaille. Für die seit Jahrzehnten akribisch am Sichtungs- und Förderungssystem bastelnden Cheftheoretiker war dies allerdings kein Volltreffer. Der baumlange Kerl hatte sich erlaubt, sich bis zu einem nach Kaderdenken unmöglichem Alter von nahezu zwanzig Jahren lediglich mit Schach und gelegentlichem Freizeitsport zu beschäftigen. Die professionellen Späher hatten ihn im Jugendalter einfach übersehen und der jetzige Weltklasse-Viertelmeiler wählte als Einstieg ins Leistungssportgeschehen gar einen Marathonlauf.

Man könnte von einem dummen Zufall reden, wären da nicht die wissenschaftlichen Untersuchungen des Frankfurter Sportsoziologen Professor Eicke Emrich, der zusammen mit einigen Kollegen nachwies, dass die in Deutschland so vehement geforderte Verstärkung der Nachwuchsförderung "nicht immer im erwünschten Maße greift" (Emrich). Das eigentliche Ziel, damit sein Potential im Hochleistungssport zu verbessern, erreicht der deutsche Sport wahrscheinlich damit nicht."40 Prozent der deutschen Weltspitzenathleten haben die D/C-Kadernormen des Deutschen Leichtathletik Verbandes nicht erfüllt", stellen die Autoren fest. Vor allem in den Eingangskadern werden "Frühstarter präferiert", die bereits hochspezialisiert später nichts mehr zulegen können.

Auch das so hochgelobte Fördersystem der ehemaligen DDR konnte mit seinen Kaderschulen nur deshalb so erfolgreich sein, weil erstens ein total autoritäres politisches System Zwang ausüben konnte und zweitens der Einsatz von "unterstützenden Mitteln" sein Übriges tat. Obwohl es den heutigen sportorientierten Schulen in den neuen Bundesländern nach wie vor gelingt, hervorragend Nachwuchsathleten zu rekrutieren, schlägt sich das bei den Spitzenathleten nicht in dem selben Maße durch.

In einem pyramidal angesetztem Kadersystem von Heerscharen von D-Kader-Athleten bis zu ganz wenigen B-Kaderathleten ist der Dropout durch ein starres Kaderrichtwertsystem ein gewaltiger. Erschwerend kommt noch dazu, dass die derlei gefrusteten "Ausgestoßenen" in der einzigen Sicht auf Kader-Sein oder Nichtsein die Freude an der natürlichen Leistungsentwicklung verlieren, da eine Steigerung des persönlichen Könnens eben nur dann gut ist, wenn sie dem jeweilig nächsten Kaderrichtwert entspricht. Der mentale Burnout ist somit in einer entwicklungs-psychologisch sowieso schwierigen Phase beinahe vorprogrammiert.

So zählen also solche, wie der 400 m-Läufer Ingo Schultz zu den Glücklichen, denen solch harter Überlebenskampf in jugendlichen Jahren erspart blieb. Vielleicht haben jene Ausnahmen dann eben die Kräfte noch, die sie für solche Überraschungscoups á la Edmonton brauchen. Bestärkt werden sicher auch jene, die schon immer behauptet haben, dass Olympiasieger nicht gemacht werden können, sondern als solche schon geboren werden. Man muss sie eben nur finden.Dazu braucht es aber ein flexibleres System. Menschliche Einschätzung durch Experten muss wieder den Vorrang vor nackten Zahlen erhalten. Dann ist der hohe Kaderverschleiß nicht mehr nötig, die wenigen wirklich wertvollen Pflänzchen könnten optimaler gefördert werden. Für das Finden solch edler Gewächse sollte man sich ebenfalls Neues einfallen lassen, Bundesjugendspiele und Jugend trainiert für Olympia sind jedenfalls schon arg verschlissen. gez. Kurt Ring

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