Regensburg, 14. März 2003 - Kommentar Ein Schritt bis zum Absturz (Bericht aus der SZ)

Hat Deutschland keine Läufer mehr? Eine Misere, die gar nicht so neu ist, nur lange von Baumann und co. retuschiert wurde

2003-03-14_probleme_laeufer Regensburg, 14. März 2003 (orv) - In Lausanne finden am Monatsende die Cross-Weltmeisterschaften statt, vierzehn Tage vorher jene unter dem Hallendach in Birmingham. Auf dem ersten Blick haben beide leichtathletischen Großereignisse eigentlich wenig zu tun. Dort wo sie sich schneiden, wird ein deutsches Problem sichtbar. In einem Paradeblock der olympischen Kernsportart Nummer eins, dem Lauf, ist Deutschland de facto nicht vertreten. Hat also Deutschland keine Läufer mehr? Dies zu glauben, fällt einem angesichts der Olympiasiege von Dieter Baumann und Nils Schumann dann doch schwer, zumal beide noch im Geschäft sind. Nun, Dieter Baumann, der inzwischen bedrohlich nahe an die Mastersaltersbegrenzung rangekommen ist, laboriert an einer Verletzung und Nils Schumann hat die Hallenweltmeisterschaften eben nicht in seinem diesjährigen Terminkalender. Letzterer ist im eigenen Lande auch nicht mehr konkurrenzlos, die letzten Niederlagen durch René Herms beweisen dies. Zumindest hier hat der DLV noch mehr als ein Pfund in der Hand. Im klassischen Mittel- und Langstreckenbereich zwischen den 800 m und den 10.000 m schaut's dagegen beinahe schon dunkelschwarz aus. Bei den letzten deutschen Crossmeisterschaften in Bad Dürrheim konnte man demnach auch nur einen Junior als Lichtblick ausmachen. Und der heißt Wolfram Müller.

Am Beispiel des Neu-Tübinger zeigt sich die die ganze Misere des deutschen Läuferspektrums. Was er hat, hatte einmal auch ein junger Dieter Baumann vor beinahe zwanzig Jahren, Schnelligkeit und Streckenflexibilität. Genau das geht vielen der deutschen Läufer/Innen in der ab. Eine Zeit unter 3:40 über die Unterdistanz 1500 m können die meisten Topläufer nicht vorweisen und meist kann das auch nicht eruiert werden weil sie bereits in jungen Jahren stets auf ihrer Spezialstrecke beschäftigt waren. Ein Beispiel bitte: Sebastian Hallmann, vermeintlicher Baumann Nachfolger, lief als Jugendlicher bereits die 5000 m in 14:09, den Sprung auf 3:40 hat der Münchner aber erst mit 25 Jahren vollzogen. Für Zeiten unter dreizehn Minuten sollte das aber zu wenig sein.

Um dem Problem ein wenig auf die Schliche zu kommen, muss man ganz tief in die Förderstruktur des Verbandes greifen, dort, wo alles angeht, bei den D- und DC-Kadern. Was die Schnelligkeit betrifft, wird da fast alles, was die hundert Meter unter zwölf Sekunden läuft, vom Block Sprint gerafft und gnadenlos spezialisiert, was für die Mädchen noch mehr wie für die Jungs gilt. Verständlich, wenn man die Probleme sieht, die auch dieser Disziplinblock bei uns hat. Diejenigen, die für die Langsprinter, Langhürdler, vielleicht auch für den Lauf übrig bleiben, sind meist schon ein gutes Stück langsamer. Entwicklungsfähig unter der Prämisse zukünftige Weltklasse sind sie aber nicht, weil die nötige Grundschnelligkeit einfach fehlt. Wenn der renommierte Fachjournalist Robert Hartmann mit seinem Artikel "Ein Schritt bis zum Absturz" dem Verband in die Beine grätscht, will er sich weiß Gott nicht über momentan fehlendes Potential lustig machen. Vielmehr will er zu Strukturreformen in der Nachwuchsförderung und Sichtung anmahnen. Die Zeiten sind vorbei, wo sich der DLV seine Besten nur aus den Landeskadern herauszupfen brauchte. In einer nationalen Gesellschaft der "Wenigbeweger" sind aber auch die Zeiten vorbei, wo die Basis, sprich Vereine, durch bloße Zusammenarbeit mit den Schulen Talente in Hülle und Fülle hatten. "Jugend trainiert für Olympia" ist nach heutigen Gesichtspunkten schon längst ein alter Hut, professionell aufgezogene Sichtungs- und Werbesysteme fehlen in der Leichtathletik gänzlich. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass sie angesichts eines sich deutlich abzeichnenden Talentnotstands, in naher Zukunft installiert werden, wird es Jahre dauern, bis man die Früchte ernten kann.

Foto: Dieter Baumann