Talentschule

München, 12

. Juni 2003 - Bericht von der Süddeutschen Zeitung [ Mit Geduld in die Zukunft ] - [Vor dem Wendepunkt]

Vor dem Wendepunkt Mediziner und Wissenschaftler beklagen ausdauernd die Folgen der Schulsport- Misere – und erwarten Reaktionen der Politik

München, 12. Juni 2003 - Die Gesundheit und der Sport bilden ein Paar, das nicht zu trennen ist, doch ihre Beziehung ist kompliziert: oft segensreich, bisweilen aber auch verhängnisvoll. Ärzte und Wissenschaftler verschreiben Sport als Therapie bei Herzproblemen und zur Vorbeugung von Zivilisationskrankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck, Normalbürger finden ihr Seelenheil beim Ausgleich auf dem Sportplatz. Andererseits hat der Spitzensport schon so manches Opfer gefordert. Eine sechsteilige SZ-Serie befasst sich mit Wahrheit und Widerspruch des Phänomens. Teil IV: der Anspruch des Schulsports. Rundgang im Regen. Fred Eberles graues Haar klebt in nassen Strähnen über der hohen Stirn, kalte Tropfen perlen aus seinem Bart. Er flucht leise und schickt einen hilflosen Blick in die Wolken. Verdammtes Wetter. Ausgerechnet heute muss sich der Himmel über den Nebenplätzen des Ulmer Donaustadions ausschütten, wo doch er, Eberle, Beauftragter für Kindersport im Deutschen Leichtathletikverband (DLV), und seine Mitarbeiter ihren Parcours aufgebaut haben mit Spielstationen rund ums Laufen, Werfen, Springen, zum Start der diesjährigen DLV-Kampagne Leichtathletik in Aktion. Der Kampf um den Nachwuchs ist schon schwer genug, da dürfte man wenigstens ein bisschen Hilfe von oben erwarten. Und dennoch: Es wird ein guter Tag. Denn die geladenen Kinder, 450 aus 16 Schulen, kümmert die Nässe nicht. Sie wetteifern in der Hindernisstaffel, tragen gemeinsam Bananenkisten ins Ziel oder schmeißen buntes Spielgerät. Und drüben, an der Weitsprunggrube, schiebt sich ein dicker Junge trotzig die beschlagene Brille den Nasenrücken hoch, hoppelt über niedrige Hürden, drückt sich auf einen Kasten und landet im ersten von drei Fahrradreifen, die hintereinander im Sand liegen. Ein schönes Zeichen, die Schuljugend scheint also doch nicht so unbeweglich und faul zu sein, wie man ihr nachsagt. Fred Eberle aus Schwäbisch Gmünd, Dozent am pädagogischen Fachseminar, beseelter Funktionär und einst Trainer des Weltklasse-Zehnkämpfers Siggi Wenz, jedenfalls verwendet die „Regenerfahrung von Ulm“, wie er sie nennt, gerne dazu, seinen Optimismus zu nähren. Natürlich kennt er die Erhebungen zum körperlichen Zustand der Jugend, die von schlechteren Ausdauer- und Kraftwerten im Vergleich zu früher erzählen, als Fernseher und Computer den Alltag weniger beeinflussten. Natürlich weiß er, dass der Bewegungsmangel viele Kinder schon jetzt krank macht und eines Tages ein Volk von anfälligen, kurzatmigen Erwachsenen hervorbringen kann, welche die klammen Krankenkassen noch mehr belasten. Aber aufstecken? Nein. Er hat es doch gesehen, an den Kindern liegt es nicht: „Die Bewegungslust ist da. “ Sicher, es liegt am Umfeld, dass der Nachwuchs bisweilen nicht den nötigen Auslauf bekommt. Die Städte bieten zu wenig Raum zum spielen, manche Eltern nehmen den Kleinen jede Anstrengung ab. Und der Schulsport, das mahnen Mediziner und Wissenschaftler seit Jahren an, ist nicht mehr zeitgemäß repräsentiert. Regelmäßige Bewegungseinheiten schon im Kindergarten zur spielerischen Übung der heranwachsenden Körper, ein täglicher ausgewogener Schulsport – das wäre ideal. „Aber das ist ja utopisch“, sagt Professor Wilfried Kindermann, Leiter des Instituts für Sport- und Präventivmedizin in Saarbrücken. Weiterhin geht es für die Lobbyisten darum, wenigstens die drei Stunden Sport, die in den meisten Bundesländern im Deputat vorgesehen sind, zu verteidigen und alternative Projekte zu forcieren. Das einzige Bewegungsfach bekommt vor allem dort mehr Raum, wo Schulen und Vereine zusammenarbeiten oder besonders engagierte Lehrer ihre Ideen umsetzen. Dass Verbände wie der DLV in ihrem Bestreben, Nachwuchs zu sichten, immer häufiger an die Schulen gehen, hilft ebenfalls. Aber es bleibt die Frage, welche Rolle der Sport in einer sich reformierenden Bildungspolitik spielt. In den vergangenen zehn Jahren schien die Schulsportlobby durchaus ein Bewusstsein zu schaffen für die Notwendigkeit, ihr Fach zu stärken: Politiker hielten feurige Reden zum Thema, Aktionsbündnisse entstanden, Schulsportvereine, es gab Podiumsdiskussionen. Doch langsam wird es Zeit, dass Taten folgen. Die Schulsportdebatte steht vor einem Wendepunkt, in den nächsten zwei Jahren dürfte sich zeigen, ob die Politik das Problem von zu wenig Bewegung an der Schule tatsächlich ernst nimmt. Die Anzeichen dafür sind vielfältig: Zum einen hat der Deutsche Sportbund im Zuge der Vorausscheidung um die Olympia- Bewerbung für 2012 endlich die Gelder für ein heiß ersehntes Projekt frei schlagen können: 220 000 Euro zahlten DSB und die fünf Bewerber (Frankfurt, Düsseldorf, Stuttgart, Hamburg, Leipzig) für eine Erhebung über den Schulsport in Deutschland. Bis 2004 will der Paderborner Sportwissenschaftler Wolf- Dietrich Brettschneider nun Daten sammeln, um konkrete Aussagen treffen zu können. Brettschneider selbst mag dazu keine Prognosen abgeben. Aber was der DSB sich erhofft, ist klar: Zahlen, die den Missstand dokumentieren und damit Argumente für Veränderungen liefern. Zweitens ist die nationale Olympiakampagne mit der Kür Leipzigs ausgelaufen, zu deren weichen Kriterien die Pflege des Schulsports in den Bewerberländern gehörte. Das kam dem regionalen Schulsport zugute. Aber jetzt, da vier Städte aus dem Rennen sind? „Es wird interessant zu beobachten, wie das weitergeht“, sagt Brettschneider. Vor allem wird sich zeigen, was das Ergebnis der Pisa-Studie, das im vergangenen Jahr die Republik aufrüttelte, für den Schulsport bedeutet. Die Internationale Erhebung über die Lerneffekte an Schulen weltweit sah Deutschland auf den hinteren Plätzen, seither rattert es vernehmlich in den Denkfabriken der Bildungspolitiker. „Es gibt zwei Wege“, sagt Brettschneider, „entweder man kommt darauf, dass die deutschen Schüler kognitiv schlechter sind als die anderen, stärkt Fächer wie Mathematik oder Deutsch und macht den Schulsport zum Pisa-Loser. Oder man anerkennt, dass motorische und kognitive Entwicklung so eng zusammenhängen, dass man den Schulsport stärkt. Nach dem Motto: Toben macht schlau.“ Dass die Bundesregierung mittlerweile verstärkt auf Ganztagsschulen setzt, weckt Hoffnungen. „Für den Sport ist das toll“, sagt der Karlsruher Sportwissenschaftler Hans Bloss. Und Peter Ziegler, Pressesprecher im Bildungsministerium von Edelgard Bulmahn (SPD), stellt auch gleich mehr Sport in Aussicht: „Das wäre im Sinne meiner Ministerin.“ Konkretere Pläne kann er allerdings nicht vorstellen: Ohnehin sei Schulsport Ländersache. Ob die zusätzliche Zeit tatsächlich dem Sport zugute kommt? „Ich habe nicht den Eindruck“, sagt Fred Eberle. Die Hoffnung auf einschneidende Veränderungen bleibt vage, und so ist es wohl tatsächlich richtig, zunächst einmal auf kleine Zeichen zu achten, die man für so etwas wie Fortschritt halten könnte. Wie Fred Eberle das tut. Er hatte ein bisschen Angst nach dem Ulmer Regentermin, dass manche Eltern sich beschweren würden, wegen der Gefahren für die Kinder durch das Wetter. Aber: „Keine Reaktion.“ Keine Klagen, keine Erkältungen. Fred Eberle ist zufrieden. Danke für nichts, sagt er sich. Die Zeiten sind danach.

von Thomas Hahn auf den Seiten der Süddeutschen Zeitung