DLV Qualifikationsmodus Regensburg, 26. August 2002 - Kommentar

Von der deutschen Vorliebe, alles schwarz auf weiß aufzuschreiben und dabei das Ziel zu verlieren

Regensburg, 26. August 2002 (orv) - Nun sind sie also vorbei, die Europameisterschaften im eigenen Lande. Zweifelsohne waren die europäischen Titelkämpfe in München ein sportliches Highlight, ein Leckerbissen für alle Leichtathletik-Insider, eine positive Emotionsdusche ohne Ende. Und in der badete sich natürlich auch der DLV, zu recht, zumindest was Organisation und Ausführung betrifft. In sportlicher Hinsicht kann dies aber nur bedingt gelten. Allein mit dem Satz "es hätten halt noch ein paar Goldene mehr sein können" kann man den Abwärtstrend der deutschen Leichtathletik nicht unter den Tisch kehren. Fakt ist: Es waren unterm Strich einfach 5 Medaillen und sechs Titel weniger als noch vor vier Jahren, und das im eigenen Lande. Dabei hatte sich der nationale Verband akribisch genau auf diese Meisterschaften vorbereitet, um das Team, sein Erfolgsteam, zu finden. Hundert Köpfe sollte es mindestens zählen. Da man jedoch bei den eigenen Normen kräftig hingelangt hatte, wollte man sich mit der Perspektivnorm, die "Süddeutsche" bezeichnete sie auch wegen der Altersklausel als "Kindernorm", ein Hintertürl offen lassen. Das sollte dann auch nicht zu klein sein. Nur so ist die Definition für Nachwuchs mit "unter 25 (Jahren)" zu verstehen. Schauen wir uns einmal diese Zusatzchance im Nachhinein etwas genauer an. Was heißt eigentlich Perspektivnorm, wer hat sie genutzt und wie hat er sie genutzt? Schlägt man im Duden nach, findet man hinter dem Begriff "Perspektive" auch die Bezeichnung "Aussicht für die Zukunft". Und genau diese legte der Verband einfältig mit einem Stichtag fest. Die Athleten/Innen, die nach dem 1.1.77 geboren wurden, haben als Nachwuchs zu gelten mit der Berechtigung, weniger für die Teilnahme bei den europäischen Titelkämpfen vorzeigen zu müssen. Diese Chance nützten viele, am Ende aber zu wenige. So sah sich der Verband genötigt, mit der Möglichkeit über den deutschen Meistertitel ein weitere Zugangsschleuse aufzumachen. Über das "wie" lassen sich überhaupt keine Tendenzen ablesen, zu unterschiedlich war das Abschneiden der "Perspektivler". Mit Perspektive hatte also erstere Norm dann doch weniger zu tun, schon viel mehr mit Teilnahmereglementierung nach deutscher Art. Perspektive eines/einer Athleten/In kann man nämlich nicht am kalendarischen Alter festlegen, schon gar nicht, wenn jenes bei 25 Jahren festgelegt wird. Perspektive ist vielschichtiger und verlangt ein strategisches Einschätzungsvermögen all jener, die dieses Prädikat zu verteilen haben. Dazu gehört Fachkompetenz und Autorität. Bei ersterer lagen die Verantwortlichen in der Beurteilung der kontinentalen Leichtathletik für 2002 im Jahr zuvor gewaltig daneben. Beispiel gefälligst. Normen wie die 45,50 über die 400 m Männer, die 2:00,00 für die 800 m der Frauen oder die 55,30 über 400 m Hürden bei den Frauen lagen in unmittelbarer Medaillennähe und hatten nichts mit der Vorgabe "Endkampfchance" zu tun. Benutzt haben die Perspektivnorm viele. Den Schub für die bundesdeutsche Mannschaft davon abzuleiten, auch perspektiv gesehen, wäre verfehlt. Mit den 39 Endkampfplatzierungen lag der DLV ziemlich genau dort, wo man laut Auswertung der aktuellen europäischer Bestenliste hingehört. Dieses Kriterium wurde beim Verband jedoch nur am Rande berücksichtigt. Natürlich ist so eine Bestenliste ständigen Veränderungen unterworfen, bis zuletzt eben offen. Aber muss man sich denn schon ein Jahr vorher festlegen, welche Leistung bis auf den Zentimeter oder das Hundertstel für eine Teilnahme erreicht werden muss, mit der Option, dass sich viele ehrgeizige Athleten/Innen schon im Vorfeld damit aufreiben? Der Ehrlichkeit halber muss zudem gesagt werden, dass es ganz schön athleten- bzw. menschenverachtend ist, bei der Beurteilung das Alter der absoluten Leistung vorzuziehen. Schließlich sollten doch die Besten am Start stehen, was letztendlich mit Leistung und nicht mit Alter bemessen werden sollte. Also war's unterm Strich doch nichts mit der Hirngeburt "Perspektivnorm". Dies könnte die Herren beim DLV nun vor der WM in Paris in die missliche oder eben auch günstige Lage bringen, diesmal ohne Perspektivnorm zu arbeiten. Doch was schreibt man denn im Herbst 2002 auf's Papier? Verschätzt man sich wieder so heftig, dann reicht am Ende ein Kleinbus für das deutsche Team. Oder hat man den Mut, etwas einfach einmal ein wenig offen zu lassen, bis eine echte Entscheidung im sinnvollen Abstand zum Championat Sinn gibt. Mit nicht verbindlichen Richtwerten, sofern man die angesichts einer internationalen Normgebung überhaupt braucht, würde man zudem keineswegs sein Gesicht verlieren. Sagen wir doch einfach, die ersten drei der Deutschen Meisterschaften 2003 bzw. der entsprechenden Trials fahren nach Paris, sofern sie die IAAF-Norm erfüllt haben. Einfach, praktisch, nachvollziehbar, aber undeutsch. Warum undeutsch? Weil deutsches Verhalten eben ein möglichst genaues und möglichst zeitiges Aufschreiben von Verhaltensweisen verlangt, die dann haargenau, unflexibel und eben stur eingehalten werden müssen. Oder fehlt am Ende für solch eine Verhaltensweise die nötige Autorität. Und davon gibt es zwei davon. Jene, die man von außen aufzwingt und hier keineswegs braucht, und eben die andere, die von innen kommt und als solche anerkannt wird, weil man vorher durch Fachkompetenz und Menschenführung überzeugen konnte. Von der braucht man allerdings dann eine Menge. Ob davon auch in den Führungskremien des DLV genügend vorhanden sein wird, sollte die Praxis zeigen.