EM-NominierungRegensburg, 11. Juli 2002 - Kommentar

Deutschlands Mehrkampf-Europacupsieger bettelt um Normengnade

2002-07-11_em_nom_komm1 Regensburg, 11. Juli 2002 (orv) - Österreich hat sie nicht und Spanien auch nicht, beim Europacupgewinner Großbritannien gibt es sie auch nicht. Die Spezies ist derzeit genau dreizehnmal in Europa vertreten. Die Rede ist von den 8000 Punkte-Zehnkämpfern unmittelbar im Vorfeld der Leichtathletik-Europameisterschaften in München. Wir in Deutschland haben gleich drei davon, Sebastian Knabe aus Halle, Mike Maczey und den Regensburger Florian Schönbeck, die mit ihren 8099, 8104 und 8023 Punkten die Plätze zehn, neun und zwölf in der europäischen Rangliste zieren. Alles in Butter könnte man sagen, die Mehrkämpfer sind gerüstet, haben ihre Hausaufgaben für die kontinentalen Meisterschaften im eigenen Land gemacht. Leider haben die Zehnkämpfer die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Und der ist in diesem Falle der eigene Verband, der im eigenen Land anscheinend aus eigenen Reihen nur vom Feinsten an den Start gehen lassen will. 8180 Punkte muss hierzulande der (die) König(e) der Leichtathletik im Vorfeld sammeln, genau so viele wie für die WM im Vorjahr und die Olympischen Spiele 2000, um im Olympiastadion zu München im Trikot mit dem Adler antreten zu dürfen. Das haben bis dato in Europa nur fünf geschafft, darunter mit Ach und Krach gerade einmal auch Ex-Weltrekordler Tomas Dvorak aus der Tschechischen Republik. Wenigstens einer der deutschen Zehnkämpfer, nämlich Sebastian Knabe, darf in der bayerischen Metropole trotzdem ran, weil der DLV aus unerfindlichen Gründen seine "Kindernorm", wie sie der renomierte Sportjournalist Robert Hartmann erst kürzlich in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung bezeichnet hat, bis zum "zarten" Alter von 24 Jahren gelten lässt. Dies ist für Florian Schönbeck umso schwerer zu verstehen, weil er sich die Chance seines Sportlerlebens mit einem astreinen dritten Platz, lächerliche 70 Punkte hinter Knabe und 40 Punkte hinter dem doch noch in letzter Sekunde nominierten Mike Maczey, bei der Ratinger EM-Ausscheidung redlich verdient hat. Die anderen Nationen werden sich totlachen, wenn ihre Athleten im Stadion um Ruhm, Medaillen und Ehre kämpfen, derweil Bayerns derzeit einziger Mehrkämpfer von Format - der ebenfalls aus Bayern kommende Topmann Stefan Schmid schaffte nach einer Verletzungspause die EAA-Norm nicht - draußen auf dem Parkplatz die Autos der Funktionäre bewacht, wie er es schon einmal beim Weltcupfinale vor ein paar Jahren getan hat. Wenn der Zehnkampf am Mittwoch, den 7. August am Morgen beginnt, werden wahrscheinlich nur die Mehrkampfinsider im Stadion sein und keiner wird darunter sein, der sich nicht über drei deutsche Zehnkämpfer freuen würde, ganz gleich ob sie letztendlich vorne, in der Mitte oder ganz hinten landen werden. Dort sollten sie natürlich nach dem Willen der verantwortlichen Funktionäre keineswegs landen, schließlich sollte ein deutscher Athlet/In Endkampfqualitäten, heißt unter den letzten Acht landend, nachweisen können. Kopfschüttelnd wird man dann über den einen oder anderen wieder herfallen, der diesem Anspruch nicht gerecht werden konnte. Die eigenen Planungsfehlern bzw. Fehleinschätzungen wird man dann wahrscheinlich schon wieder verdrängt haben. Trainingsmethodisch war es jedenfalls keineswegs zu erklären, dass man die angeblichen "Looser" von Ratingen schon vierzehn Tage später ins kalte, windige polnische Bydgoszcz geschickt hat, um ihnen eine zweite Chance zu geben. Genutzt hat sie dort strenggenommen keine(r), weil sie ernsthaft auch gar keine echte war. Der positive Nebeneffekt, dass dort in Polen Florian Schönbeck für den DLV den Europacup miterrang, mag für die Funktionäre ein willkommenes Highlight gewesen sein, als Athlet, der in vierzehn Tagen zwanzigmal hochkonzentriert ran musste, hatte er bisher davon nichts. Noch wäre es Zeit, etwas, was so gar keinen Sinn macht, einfach zu revidieren. Damit tun wir Deutsche uns aber besonders schwer. Was einmal geschrieben steht, wird nicht gleich wieder verändert, auch dann nicht, wenn die Realität das Ganze beinahe zur Farce macht. Wo kämen wir da hin, müssten wir doch glatt über den Schatten springen, einem Schatten, der eigentlich so gar nicht athletenfreundlich aussieht. Angesichts der Tatsache, dass der deutschen Leichtathletik allmählich die Athleten/Innen, zumindest solche mit internationalem Format, ausgehen, sollte man zu den wenigen, die sich hierzulande für die olympische Kernsportart Nummer eins noch sprichwörtlich die "Haxen" ausreißen, besonders freundlich sein.