EM-NominierungRegensburg, 11. Juli 2002 - Kommentar

DLV schoss sich mit völlig überzogenen EM-Normen ein Eigentor

Regensburg, 11. Juli 2002 (orv) - Nun liegen sie also hinter uns, die 102. Deutschen Leichtathletikmeisterschaften im Wattenscheider Lorheide-Stadion. Es waren schöne Meisterschaften mit einem Europarekord und spannenden Entscheidungen. Den vom DLV erhofften Durchbruch Richtung Europameisterschaften haben sie jedoch nicht gebracht. Die vom Verband geforderten Richtwerte für die europäischen Titelkämpfe Anfang August in München wurden an den beiden Tagen von weniger als zwanzig Athleten/Innen übertroffen. Selbst Olympiasieger Nils Schumann braucht die Sonderregelung über die sogenannte Nachwuchsnorm und hat dabei das Glück, gerade noch dem Jahrgang 78 anzugehören. Nils Schumann und ebenso sein weibliches Pendant Yvonne Teichmann, bei der WM im letzten Jahr immerhin noch Finalistin, sind für die deutsche Leichtathletik keineswegs ein Härtefall. Vielmehr sollten sie angesichts der rückläufigen Talentzahlen als absoluter Glücksfall betrachtet werden. Die Verantwortlichen des DLV litten jedoch im Vorfeld der Europameisterschaften unter einer völligen Fehleinschätzung der tatsächlichen Leistungssituation in Deutschland. Nicht anders ist es zu erklären, dass man seinen Hoffnungsträgern Normen vorsetzt, über die inzwischen ganz Europa hämisch grinst. Beispiel 1500 m: Eine Woche vor den nationalen Titelkämpfen war noch kein Europäer jene ominösen 3:36,00 gelaufen, die den Normenmachern im DLV erst gut genug sind, damit man in München laufen kann. Gott sei Dank gehört Franek Haschke noch der jüngeren Generation an und darf trotzdem. Gerade der 1500 m Lauf ist ein Paradebeispiel dafür, was auf die deutsche Leichtathletik so in den nächsten Jahren zukommen könnte. Waren Meisterschaftsrennen mit einem Ausgang jenseits der 3:40 eigentlich immer unter der Kategorie Bummelrennen einzustufen, muss 2002 einfach festgestellt werden, dass sämtlliche Finalisten, außer eben erwähntem Franek Haschke, gar nicht schneller laufen können als jene 3:43 und schlechter, die sie als ehrenwert Geschlagene abgeliefert haben. Natürlich sind die Verantwortlichen in einer Zwickmühle. Einerseits sollen sie dem gierigen Medienvolk Medaillen in Serie produzieren, andererseits haben sie sich dem sauberen Hochleistungssport verschrieben, was sie absolut ehrt. Sich jetzt aber hinzustellen und Leistungen von den eigenen Schützlingen zu fordern, welche jene unter solchen Vorbedingungen einfach nicht bringen können, ist gelinde gesagt einfach naiv. Da bedarf es schon vieler kleiner Tricks wie der dubiosen Nachwuchsnorm - vorher wusste noch kein Mensch, dass man mit 24 noch Nachwuchs ist - des Meisterbonus und der sogenannten Härtefälle, um das Team von der Zahl vierzig auf annähernd hundert zu bringen. In maßloser Selbstüberschätzung hat man im deutschen Quartier in Erding sogar 120 Plätze vorreservieren lassen. Nach internationalen Gesichtspunkten könnte man diese Plätze sogar voll machen, hat aber Angst sein eigenes Gesicht zu verlieren. Die typisch deutsche Eigenschaft, Geschriebenes meist als Gesetz zu betrachten und Fehler nur ungern zu revidieren, macht es den Herren vom DLV so schwer, einfach über den Schatten zu springen, was nichts anderes heißen würde, als seinem eh nicht großartig spriesendem Elitenachwuchs auch ohne Endkampfteilnahmechancen die Türen zur EM im eigenen Lande zu öffnen. Es wäre doch so einfach gewesen, die ersten Drei der Titelkämpfe oder Qualifikationsmeetings, sofern sie im Besitz der internationalen Norm sind, zu nominieren. Über jene, die schon im Vorfeld im Besitz der harten Norm waren, braucht man eh nicht zu diskutieren.