EuropameisterschaftenMünchen, 6.-11. August 2002 - EM-Splitter

Europas Leichtathletik präsentiert sich in München von vielen Seiten, nicht nur von der schokoladenen

München, 12. August 2002 (orv) - Man gönnt sich ja sonst nichts - warum nicht eine Woche München als normaler Schlachtenbummler auf Block H im prall gefüllten Münchner Olympiastadion. Als einer, der blutjung und total euphorisiert dreißig Jahre vorher bereits im selben Stadion die unvergesslichen Olympischen Spiele miterleben konnte, werden mir diese Europameisterschaften weit differenzierter im Gedächtnis bleiben.

Die Leistungen .... Es geht auch ohne Weltrekord!

Für mich waren diese Europameisterschaften das deutliche Zeichen dafür, dass die Leichtathletik die Rekordsüchtelei nicht braucht. Alle Europameister/Innen wurden vom fachkundigen Publikum umschwärmt, gefeiert und frenetisch angefeuert, und nicht nur sie, sondern auch jene, die von sogenannten Experten so gerne despektierlich als Exoten oder Mitläufer bezeichnet werden. Die Leistungen dieser Europameisterschaften lassen mit Sicherheit keinen Rückschluss auf gesteigertes europäisches Leistungspotential zu, eher das Gegenteil kann aus den Ergebnislisten herausgelesen werden. Die Gründe aber in einem allgemeinen Verfall der europäischen Leichtathletik zu suchen, wäre mit Sicherheit nicht richtig. Läge einer der Gründe darin, dass die Dopingkontrollsysteme nun besser greifen, wäre dies das schönste Ergebnis diese Championats. Fachkundigen Betrachtern ist es aber auch in München nicht entgangen, dass die nationalen Interessen in Richtung einer konsequenten Dopingbekämpfung noch alles andere als gleich stark ausgeprägt sind. Eines können sich allerdings alle Medienverteter einmal dick in ihrem Handbuch unterstreichen: Das Publikum braucht den Rekord als Stimulanz nicht.

Das Publikum ..... Kaum für möglich gehalten - fachkundig, begeistert und in Massen vorhanden

Was ist im Vorfeld nicht alles über das deutsche Publikum geschrieben worden. Gestimmt hat nur wenig. Tatsache ist, ob nun in Stuttgart 1993 oder in München 2002, die Zuschauer strömten trotz widriger Witterungsverhältnisse, trotz fehlendem Tribünendach auf der Gegengeraden in Massen ins Stadion und bewiesen erneut ihre Fachkundigkeit und Unparteilichkeit. Dass natürlich die deutschen Europameister/Innen ein bisschen mehr Applaus bekamen als die anderen, liegt in der Natur der Dinge und wird im nächsten Jahr bei der WM in Paris für französiche Medaillengewinner nicht anders sein.

Die Organisation .... Perfektionismus ist nicht immer das Ei des Kolumbus

Keine Frage, die EM lief nach Weltstandard gemessen, wieder einmal geradezu perfekt ab. Von uns Deutschen erwartet man auch nichts anderes. Im letzten Jahr bei der WM in Edmonton war dennoch noch etwas zu spüren, was der EM in München fehlte. Die Kanadier lösten so vieles unkompliziert aber eben auch charmant und freundlich. Zeigte man in Edmonton sein Ticket einfach beim Eilass vor und wurde mit dem freundlichen Zuruf aus allen Ecken "welcome to the world" empfangen, kam man sich in München wie im Hochsicherheitstrakt vor. Beispiel gefällig: Jeder Besuch begann mit einem mindestens viertelstündigen Anstehen und wurde fortgeführt von einer Leibes- und Taschenvisitation, ausgeführt von einem Fußballstadienkontrollsystem, das nicht begreifen wollte, dass Leichtathletikfans etwas anderes sind als Hooligans. Den Kindern dabei ihre mitgebrachten Cola-Dosen abzunehmen war in diesem Zusammenhang völlig daneben. Den Hinweis auf den 11. Septemer des vergangenen Jahres mag ich da schon gar nicht gelten lassen. Bei der zeitraubenden Kontrolle wurde eben dennoch so ungenau getastet und gesucht, dass man jedes Bömbchen, sofern man es nur gewollt hätte, ins Stadion hätte bringen können.

Die deutsche Mannschaft ...... Hauptsache, man ist zufrieden

Acht Titel waren es 1998 in Budapest, und immerhin 23 Medaillen. 15 bis 18 Mal Edelmetall hatten Deutschland Oberfunkionäre im Vorfeld prognostiziert. Zwei Europameistertitel und 18 Medaillen sind bei der EM im eigenen Lande herausgekommen. "Wir sind zufrieden, es hätte vielleicht der eine oder andere Europameister mehr sein können ...", lautete das Statement der DLV-Führung. Ich glaube, dass es sich hier die Verbandsgremien ein wenig leicht machen. Es bröselt gewaltig am leichtathletischen Guthaben der deutschen Vereinigung, die nun auch wieder schon über zehn Jahre zurückliegt und immer noch Früchte trägt. "Schau an, die Alten...", ließ Trainer Springstein angesichts der beiden Silbernen von Heike Meißner und Gritt Breuer verlauten und hatte damit gar nicht unrecht. Die Leistungsträger waren in der Regel wirklich wieder die alten, wenn man einmal von Ingo Schultz absieht. Und der ist nun wirklich kein Kind des systematischen deutschen Förder- und Sichtungssystems. Den Verantwortlichen sollte eigentlich klar sein, dass die Alarmglocken deutlich zu hören sind, in München eben noch etwas leiser, weil der Abschwung vom Heimvorteil doch ein wenig gebremst wurde.

Das Ambiente ...... Unglaublich, was da so alles den Nationalmannschaftsanzug an hatte

Tauchte man im Jahr zuvor noch in die internationale farbenfrohe Leichtathletikszene ein, durchaus mit der Gewähr, die leichtathletischen Größen, ob nun aktuell oder schon zur Historie geworden, zu sehen oder sogar ein paar freundliche Worte mit ihnen wechseln zu können, wurde man in München von der Masse der (wichtigen) Leute mit Akkreditierungskarte und/oder Nationalmannschaftsanzug (deutsch, versteht sich) überrollt. Und, dass wir uns richtig verstehen, beides gab es nicht, oder zumindest fast nicht als Fanartikel zu kaufen. Stellvertretend dafür die W50-Läuferin auf Block G, die ihren Anzug bei den letzten Seniorenweltmeisterschaften käuflich erworben hatte - starten kann dort jeder, es sollen über tausend Deutsche am Start gewesen sein - und Autogrammwünsche mit dem Hinweis versah, ihre Erfolge lägen schon länger zurück. Oder der eine oder andere Heimnachwuchstrainer, der flugs mal die Trainingsjacke seines Schützlings von der Junioren-WM entfremdete - schließlich muss man doch auch mal gesehen werden. Oder die Ex-Freundin unseres Gold-Ingos, der sein Bussi nun doch gleich nach dem Zielstrich braucht - nur böse Zeitungsschreiben verbreiten, dass er selbiges eigentlich gar nicht mehr haben wollte. Oder die komplette U18-Nationalmannschaft, die sich für 120 Euro die Mannschaftsausrüstung, die Unterbringung und den Eintritt zum "EM-Erlebnis pur" kaufen konnte, mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass es eben nicht ihre Meisterschaften waren. Dass wir uns da nicht falsch verstehen: Besuch der EM ist o.k. - nur muss es denn im Nationalmannschaftsanzug sein? Pädagogisch gesehen war das sicher nicht der richtige Weg.

Die DLV Normen .... Drum prüfe genau, wer denn nun EM-reif ist

"Wo ist Flo?", lautete eines der Transparente im weiten Oval des Olympiastadions. Gemeint war Florian Schönbeck, Deutschlands drittbester aktueller Zehnkämpfer, 8000 Punkte-Mann, wohnhaft hier in München. Als einziger aus der europäischen 8000er-Elite musste er in seiner Heimatstadt zuschauen, zwei Tage lang, zehn lange Disziplinen, weil DLV-Funktionäre ihn durchs Normenraster fielen ließen. Da zählte nicht, dass der Domspitzmilch-Mann in der europäischen Bestenliste besser dastand als gut die Hälfte der deutschen Mannschaft, da zählte auch nicht, dass er seine 8023 Punkte genau beim Qualifikationswettkampf in Ratingen gebracht hatte, da zählte nur das unqualifizierte Normensystem des DLV, weil's eben so geschriben da stand. Und was in Deutschland geschriben ist, das steht, basta! Florian Schönbeck hätte mit seiner schlechtesten Leistung in diesem Jahr - er hat immerhin heuer bereits vier Zehnkämpfe absolviert - um den achten Platz mitgekämpft und an einem guten Tag wäre der sechste Rang nicht unrealistisch gewesen. Nur mit der Gnade des deutschen Meistertitels gelang übrigens Claudia Gesell der Sprung ins Team. Die Ausbeute war ein nicht erwarteter fünfter Platz. Genug der Beispiele. Festzuhalten bleibt, dass die deutschen Normen Leistungsexplosionen eher verhindern als fördern, weil sich selbst Medaillenanwärter viel zu früh in der Saison mit den Normerfüllungen aufreiben, beziehungsweise in Frühform kommen. Es wäre doch so einfach: zwei oder drei Qualifikationsmeetings einschließlich der nationalen Meisterschaften im sinnvollen Zeitabstand zum Großevent und die besten Drei eines jeden Wettbewerbs, die im Besitz der internationalen Norm sind, hinschicken! Dann würden nicht ständig Vorläufe ausfallen, Marathons mit 25 Teilnehmer/Innen stattfinden und beim Europacup der Marathonläuferinnen sogar die Bronzemedaillengewinnerinnen mangels Masse fehlen.